„Schutzausrüstung ist derzeit das Wichtigste“: Markus Khauer, Leiter des Seniorenheims Schönblick in Nandsltadt.

Pfleger auf dem Pulverfass

„Das zerrt an den Nerven“: Heimleiter über Ausnahmezustand in Seniorenheimen

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Sie sind tagtäglich in Kontakt mit der Corona-Risikogruppe Nummer Eins: Pfleger in Altenheimen. Wie sehr der Job an den Nerven zerrt, berichtet Heimleiter Markus Khauer.

Nandlstadt – Wer im Pflegedienst arbeitet, hat ohnehin einen Knochenjob. Doch Corona hat die Belastung und die Verantwortung, die Pfleger tragen müssen, nun ins Unermessliche gesteigert. Im FT-Interview schildert Markus Khauer (45), wie der Arbeitsalltag in Seniorenheimen während der Pandemie aussieht. Der gelernte Krankenpfleger, der seit 2004 den Seniorenpark Schönblick in Nandlstadt betreibt, berichtet von Wochen, die an den Nerven zerren und doch auch viele berührende Momente bieten. Er stellt aber klare Forderungen an Politik und Gesellschaft.

Pfleger stehen tagtäglich in Kontakt mit der Corona-Risikogruppe Nummer Eins, den Hochbetagten. Sie müssen eine große Last an Verantwortung schultern.

Für meine Pflegekräfte, aber auch für alle anderen, die im Haus arbeiten, ist das ein enormer psychischer Druck. Denn niemand, auch wenn er sämtliche Verhaltensregeln und Anweisungen befolgt, kann zu 100 Prozent sicher sein, dass er vor einer Infektion geschützt ist und eventuell nicht doch jemanden ansteckt.

Das wäre der Worst Case für ein Seniorenheim.

Ja. Wir sitzen hier quasi auf einem Pulverfass mit unseren 75 Senioren, die zum Großteil erhebliche Vorerkrankungen haben. Die Ungewissheit, wann es mit dem Spuk vorbei ist, und die perspektivlose Aussicht für die nächsten Monate zehren an den Nerven aller Beteiligten. Keiner will derjenige sein, der eventuell jemanden ansteckt und dann als Schuldiger hingestellt wird, wo es keinen Schuldigen gibt, da doch jeder nach bestem Wissen und Gewissen täglich alles für den Schutz unserer Senioren tut.

„Schutzausrüstung ist zur Zeit das Wichtigste“

Wie gehen Sie und Ihre Kollegen damit um?

Wir als Chefs gehen offen damit um. Wir versuchen, unseren Mitarbeitern Halt zu geben. Wir führen jeden Tag ein Screening durch, und wir haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet, in der sich alle Mitarbeiter austauschen können und von uns immer über alle Änderungen und Neuigkeiten informiert werden. Transparenz und Vorbereitung auf das, was da eventuell kommt, gibt dem Mitarbeiter Sicherheit und Vertrauen. Das ist in dieser Zeit das Wichtigste.

Die Maske griffbereit: Heimleiter Markus Khauer berichtet über die enorme psychische Belastung, tagtäglich mit Senioren in Kontakt zu sein, alles dafür tun zu müssen, sie nicht anzustecken, und es doch nicht hundertprozentig ausschließen zu können. 

Was empfinden Sie, wenn Sie hören, dass Kollegen in Au tatsächlich von dem Worst Case einer Corona-Infektionskette betroffen sind?

Ich kann mir vorstellen, was die gesamte Einrichtung gerade mitmacht und leistet. Das muss höchsten Respekt von allen Seiten genießen.

Welche Schutzmaßnahmen halten Sie in Ihrem Berufsalltag derzeit für die wichtigsten?

Das Besuchsverbot, das Sensibilisieren der Mitarbeiter, das Tragen von Masken und eine tägliche Desinfektion aller Oberflächen. Wichtig ist auch, alle Bewohner genauestens zu beobachten und im Krankheitsfall schnell zu handeln.

Welche Schutzausrüstung steht Ihnen zur Verfügung, und wo besteht noch Verbesserungsbedarf?

Schutzausrüstung ist zur Zeit das Wichtigste überhaupt. Es gibt auf dem freien Markt viele Angebote, und dank der Refinanzierung über den Rettungsschirm sind diese Ankäufe für uns auch gut machbar. Der Landkreis Freising liefert zudem wöchentlich aus, was zur Verfügung steht. Ich denke, die Versorgung sollte sich in den nächsten zwei bis drei Wochen stabilisieren. Wir haben derzeit genügend Ausrüstung zur Verfügung – allerdings müssen auch wir selbst aktiv werden, um für den Ernstfall gut genug ausgerüstet zu sein. Denn der Verbrauch steigt natürlich enorm mit einer Infektion im Haus.

„Die Verantwortung aller Pflegenden ist enorm“

Schränken Sie sich im Privatleben ein, um sich möglichst keiner Corona-Ansteckungsgefahr auszusetzen?

Enorm Ich bin ja auch noch Familienmensch und Vater. Im Augenblick hat unser Sohn weder Kontakte zu Gleichaltrigen noch zu Oma und Opa. Außer der täglichen Arbeit gehe ich nur noch einmal die Woche zum Einkaufen. Ansonsten haben wir glücklicherweise unseren kleinen Garten. Die Verantwortung aller Pflegenden ist eben enorm, und dementsprechend verhalte ich mich natürlich auch im Alltag.

Machen Sie sich Sorgen, dass durch die nun einsetzenden Lockerungen im öffentlichen Leben das Ansteckungsrisiko für Ihre Senioren steigt?

Ja. Wir impfen unseren Mitarbeitern zwar ein, dass sie auch künftig vorsichtig bleiben sollen im Privatleben, und unsere Angestellte agieren auch sehr verantwortungsvoll. Aber wie sieht es wiederum mit den Kontaktpersonen aus? Und was passiert, wenn die Betreuung in Kitas erheblich erweitert wird? Das betrifft in hohem Maße ja auch Pflegekräfte, die ihre Kinder in Betreuung geben müssen, wenn sie arbeiten sollen.

Wie groß ist die Angst der Senioren vor einer Corona-Ansteckung?

Das ist völlig unterschiedlich. Manche haben überhaupt keine Angst, da sie in ihrem langen Leben schon so viel erlebt und durchlebt haben. Das ist ja noch die Generation, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Andere haben schon Angst, aber vor allem um ihre Angehörigen und Kinder.

„Man muss den Angehörigen den größten Respekt zollen“

Was können Sie Senioren Gutes tun in diesen Zeiten, in denen sie isoliert sind von ihren Verwandten?

Wir haben extra eine weitere Pflegekraft eingestellt, die sich allein darum kümmert, unsere Senioren zu beschäftigen. Unser Glück ist das anhaltend schöne Wetter. Etwas Besseres gibt es für uns nicht, weil die Senioren so die Möglichkeit haben, viel Zeit an der frischen Luft im Garten zu verbringen.

Was ist den Senioren besonders wichtig im jetzigen Alltag?

Unseren Damen ist es ein Bedürfnis, regelmäßig die Haare geschnitten zu bekommen. Die schauen in den Spiegel und sagen: Das ist ja eine Katastrophe. Zum Glück ist unsere Neue auch gelernte Friseurin und schneidet jetzt auch Haare. Und da auch der Fußpfleger im Augenblick nicht kommen kann, biete ich diesen Service jetzt an, weil ich das in der Ausbildung gelernt habe. Auch Krankengymnastik übernehmen wir.

Welche Resonanz erhalten Sie als Pfleger von Angehörigen?

Das Feedback ist durchwegs positiv. Man muss auch den Angehörigen den größten Respekt für ihre Entbehrung zollen. Sie wissen schon, was die Pflegekräfte alles leisten und schicken auch des Öfteren kleine Leckereien. Wir sind ja jetzt für die Senioren die Kontaktpersonen nummer Eins, die auch viele Gespräche führen und die Hand halten.

„Videoanrufe ersetzen nicht den persönlichen Kontakt“

Wie schwer ist es für Sie emotional, Angehörige nicht zu Ihren Verwandten ins Heim zu lassen?

Unheimlich schwer. Viele Angehörige pflegen einen sehr intensiven Kontakt zu ihren Eltern oder Großeltern. Sie immer vertrösten zu müssen, schmerzt enorm. Für viele Senioren ist es schon ein massiver Lebenseinschnitt, ins Heim zu kommen. Jetzt kommt noch die Kontaktsperre hinzu. Und man muss wissen: Die durchschnittliche Verweildauer im Heim liegt bei eineinhalb Jahren. Wenn die Senioren dann ein halbes oder gar ein ganzes Jahr lang ihre Angehörigen nicht mehr sehen sollen, dann ist das schon brutal. Ich finde, man muss diesen Aspekt bei den nächsten politischen Entscheidungen berücksichtigen. Selbstverständlich müssen unsere Bewohner geschützt werden, aber gleichzeitig können und dürfen sie nicht für die Zeit, die sie haben, komplett isoliert bleiben. Das ist ein Spagat, der gelingen muss.

Gibt es digitale Möglichkeiten im Heim, dass Senioren mit Angehörigen in Kontakt treten?

Videoanrufe und Chats. Aber das ersetzt natürlich den persönlichen Kontakt nicht. Das ist nicht vergleichbar damit, dass eine Tochter zu Besuch kommt und ihre Mutter in den Arm nimmt.

„Viele Senioren mussten beim Vorlesen weinen“

Gibt es ein Erlebnis aus Ihrem Berufsalltag in Zeiten von Corona, das Sie besonders berührt hat?

Es ist sehr emotional, wenn bei unseren Senioren Geschenke und Karten von Kindern ankommen. Viele mussten beim Vorlesen auch weinen. Das berührt mich doch sehr.

Viele Bürger klatschen für die Leistung der Pfleger regelmäßig – eine symbolische Anerkennung dafür, was Pfleger leisten. Wie kommt das bei Ihnen an?

Es ist eine schöne Geste, aber wir sollten nicht vergessen, dass die Pflege seit Jahren vernachlässigt wurde und im Hintergrund stand. Alle, die in diesem Beruf arbeiten, haben es verdient, gesellschaftlichen und politischen Rückhalt und Respekt zu bekommen. Vielleicht ist dies der Zeitpunkt, an dem Deutschland seine Einstellung und Haltung gegenüber der Pflege überdenkt. Viele Branchen haben sich in den vergangenen Jahren des Aufschwungs die Taschen vollgemacht, da wurde eine Bonuszahlung nach der anderen abgegriffen. Die Pflege und alles, was dazu gehört, wurden vernachlässigt – ob finanziell oder gesellschaftlich. Applaus ist schön, tut auch gut, aber langfristig müssen sich alle überlegen, was denn in unserer Gesellschaft wirklich wichtig ist. Zum Beispiel diejenigen, die jetzt täglich ihre Gesundheit riskieren, die Gesundheit anderer verantworten und versuchen, Leben zu retten.

Hoffen Sie, dass die Debatten, die um das Gehalt angestoßen werden, auch zu mehr Geld im Portemonnaie führen?

Pflege ist schon immer unterbezahlt, wenn man das Einkommen ins Verhältnis zu den geleisteten Arbeitszeiten und der immensen Verantwortung stellt, die die Mitarbeiter hier tragen. Keiner, der diesen Beruf erlernt, macht es wegen der tollen Arbeitszeiten oder dem Geld. Aber ich denke, gute Arbeit, die Tag und Nacht stattfindet, an Sonn- und an Feiertagen, muss auch entsprechend entlohnt werden.

Die Entwicklungen und Neuigkeiten zum Coronavirus lesen Sie aktuell immer hier. Von Einkaufshilfe bis Lieferservice: Hier finden Sie die Hilfsangebote im Landkreis Freising.

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