Junger Mann in Gefängniszelle
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Elf Monate saß der Angeklagte bereits in Untersuchungshaft. Nach Ansicht der Jugendgerichtshilfe sollte das ausreichend sein.

Angeklagter hatte Identitätsprobleme

Horrorunfall mit Todesopfer: Raser (20) aus Neufahrn wollte schnelle Autos zum Angeben

Er wollte schnelle Autos zum Angeben und sich so Freundschaften erkaufen. Ein junger Mann musste die Raserei des Angeklagten mit dem Leben bezahlen.

Neufahrn/Freising - Im Prozess um den Horrorunfall bei der Autobahn-Anschlussstelle Eching-Ost hat sich die Jugendgerichtshilfe für eine Verurteilung des Angeklagten nach dem Jugendstrafrecht ausgesprochen. Der 20-Jährige hatte am Abend des 16. Novembers 2020 die Kontrolle über einen hochmotorisierten BMW verloren und war in die Leitplanke gerast – ein Insasse verstarb noch am Unfallort. Der Neufahrner bestreitet seit Prozessbeginn den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe mit dem Leihwagen die Höchstgeschwindigkeit erzielen wollen; es sei ihm stets nur um „sportlicheres Fahren“ gegangen. Am Montag äußerte sich der 20-Jährige vor der Berufungskammer des Landgerichts nun erstmals zu seinem Motiv: Er habe sich durch schnelle Autos und rasante Spritztouren Freundschaften „erkaufen“ wollen.

Nach Horrorunfall vor Gericht: Der Angeklagte soll mit Tempo 200 durchs Gemeindegebiet gerast sein

Wie berichtet, war der 20-Jährige im Juni vor dem Amtsgericht zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung hatten gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Der Angeklagte soll vor dem tragischen Unfall mit dem Leihwagen zum Teil mit 200 km/h durch das Gemeindegebiet Eching gerast sein. Das Erstgericht hatte es wie die Staatsanwaltschaft als erwiesen angesehen, dass er dabei die Höchstgeschwindigkeit erreichen wollte und ihn infolgedessen wegen verbotenen Kraftfahrzeugrennens mit Todesfolge verurteilt.

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Der Kfz-Sachverständige bestätigte am Montag, dass der Angeklagte unmittelbar vor dem Unfall „mindestens 193 km/h“ gefahren ist. Dennoch war der Gutachter zu dem Ergebnis gekommen, dass der Angeklagte von der Geschwindigkeit her die Kurve mit DSC – ein Assistenzsystem im Fahrzeug, das die Gefahr des Ausbrechens verringern soll – noch durchfahren hätte können. Er gehe davon aus, dass der 20-Jährige das System ausgeschaltet hat, um das Auto driften lassen zu können. „Aber wir wissen es nicht.“

Video: Konsequenz für Raser - Bayern verschärft den Bußgeldkatalog

Elf Monate Untersuchungshaft sollen ausreichend sein

Der 20-Jährige hatte im November 2020 nicht zum ersten Mal ein hochmotorisiertes Fahrzeug ausgeliehen. Im Gegensatz zu seinen Bekannten habe er sich das leisten können, sagte er am Montag. Um sich beliebt zu machen, habe er seine Freunde dann auch immer mit den Leihautos fahren lassen. „Sein Problem war die Identitätsfindung“, sagte die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. Der 20-Jährige lebe seit seinem zweiten Lebensjahr hier und fühle sich der deutschen Kultur zugehörig. Seine Eltern, die nach 20 Jahren noch nicht Deutsch sprechen würden, hätten eine völlig andere Denkweise, so der 20-Jährige. Auch aufgrund dieser kulturellen Problematik im Elternhaus attestierte die Jugendgerichtshilfe dem Angeklagten Reifeverzögerungen. Eine Jugendstrafe sei aufgrund der Schwere der Schuld zwar unabdingbar. Allerdings sei der 20-Jährige elf Monate in Untersuchungshaft gesessen. „Dies sollte ausreichend sein.“

Die Sozialprognose sei positiv, so die Jugendgerichtshilfe. Der Angeklagte habe eine konkrete Ausbildungszusage. Am wichtigsten sei nun eine soziotherapeutische Behandlung. Sein Fehlverhalten eingesehen habe der Angeklagte längst. „Nun muss er lernen, mit der Schuld zu leben, dass sein Freund durch ihn gestorben ist.“ Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.  

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