Tobias Eschenbacher und Sebastian Habermeyer

OB-Wahl: Die Kandidaten im Kreuzverhör

Freising - Die beiden Freisinger OB-Kandidaten, Tobias Eschenbacher und Sebastian Habermeyer, haben dem Freisinger Tagblatt vor der Stichwahl noch einmal Rede und Antwort gestanden.

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Beide mussten gleich zu ihrem Infostand eilen. Doch zuvor hatten sich Tobias Eschenbacher, 34 Jahre, (Freisinger Mitte) und Sebastian Habermeyer, 48, (Bündnis 90/Die Grünen) 90 Minuten Zeit genommen, um dem Freisinger Tagblatt Rede und Antwort zu stehen: eineinhalb Stunden intensive Diskussionen über die Unterschiede der beiden Kandidaten, die sich am 25. März bei der Stichwahl um den Chefsessel im Rathaus bewerben.

Die CSU hat eine indirekte Wahlempfehlung für Sie ausgesprochen, die Grünen haben daraufhin gleich gewarnt, FSM sei bald wieder CSU. Wie groß ist die Gefahr?

Eschenbacher: Dem haben wir schon eine ganz klare Absage erteilt. Das „Modell Landshut“ (als eine Gruppierung nach der Abspaltung wieder mit der CSU zusammenging; Anm. der Red.) kommt gar nicht in Frage. Diese ganze Diskussion wird auch dem Verein „Freisinger Mitte“ und dem, was sich da inzwischen entwickelt hat, gar nicht gerecht. Freilich war uns klar, dass dieser Vorwurf kommen kann.

Ist die Warnung vor dieser Gefahr der letzte Strohhalm für die Grünen, den Vorsprung gegenüber der FSM noch aufzuholen?

Habermeyer: Nein, sicher nicht. Uns geht es bis zur Stichwahl um programmatische Inhalte.

Wo sind denn die grundlegenden Unterschiede in den Programmen von Habermeyer und Eschenbacher?

Habermeyer: Die FSM und Eschenbacher haben sicherlich den Nimbus des Neuen. Das zieht viele an. Unser Vorwurf ist: Was ist das wirklich Neue? Uns sind die Inhalte, die da vermittelt werden, zu wenig.

Eschenbacher: Das kann ich jetzt aber gar nicht nachvollziehen. Wir haben in unserem Programm sehr viele Inhalte – und die haben wir auch nach außen transportiert. Das war ja gerade das Neue, dass wir im Wahlkampf sehr stark auf Inhalte gesetzt haben.

Das haben die Grünen kürzlich aber als „beliebiges Wahlprogramm“ bezeichnet.

Habermeyer: Ich habe das nicht gesagt. Aber es stimmt, wir haben in unserem Wahlprogramm keine vier Seiten mit schönen Zeichnungen von Freisinger Kirchen. Und wir haben auch nicht alle 23 Maßnahmen der Innenstadtkonzeption ausgelistet. Das hat die FSM ja auch nicht erfunden, sondern ist ein Projekt, das im Stadtrat alle beschlossen haben.

Aber braucht der Wähler nicht solche Leitfäden?

Habermeyer: Wir haben in unserem Wahlprogramm einige Hauptpunkte mit bis zu zehn Unterpunkten. Freilich sind wir in unserer Außendarstellung und bei der Nutzung der neuen Medien definitiv nicht so gut wie die Freisinger Mitte. Aber das ist so auch kein Problem für uns.

Stimmt es, dass Ihr Wahlprogramm so eine Art Neckermann-Katalog ist? Wo ist denn das Neue, Herr Eschenbacher?

Eschenbacher: Wir haben uns mit dem Inhalt des Wahlprogramms sehr stark auseinandergesetzt. Und es zeigt eben die Vielfältigkeit der Themen, die für Freising von Bedeutung sind. Selbstverständlich ist nicht jeder Punkt neu, aber neu ist die Art, wie wir das vermittelt haben.

Zur Westtangente: Sie wollen Sie bauen, Herr Eschenbacher, Sie müssen sie bauen, Herr Habermeyer?

Eschenbacher: Die Westtangente ist ein Relikt aus der Vergangenheit, das jetzt endlich abgehakt werden muss. Aber sie ist nicht der alleinige Heilsbringer, um die Verkehrsprobleme zu lösen, sondern nur eine von vielen Maßnahmen.

Habermeyer: Ich bin guter Demokrat. Wenn die Mehrheit im Stadtrat pro Westtangente ist, dann werde ich das akzeptieren. Aber ich werde das Projekt kritisch begleiten. Denn wenn die Finanzen aus dem Ruder laufen, brauchen wir über andere Themen in Freising gar nicht mehr zu reden.

Wie viel dürfte die Westtangente denn die Stadt kosten? Derzeit schwanken die Interpretationen des städtischen Anteils ja zwischen 14,5 und 35 Millionen.

Habermeyer: Sie kriegen da keine Zahl von mir, weil das von der wirtschaftlichen Situation der Stadt abhängt. Aber wenn es zu einem unerwartet hohen Kostenanstieg kommt, ist es schon die Pflicht eines Oberbürgermeisters, den Stadtrat nochmal darüber reden zu lassen.

Eschenbacher: Selbstverständlich werden wir nochmals über das Projekt im Stadtrat zu reden haben – auch über die Kosten. Die Berechnungen von Ulrich Vogl beweisen doch, dass es Ängste gibt. Ich glaube, die Wahrheit bei den Kosten liegt irgendwo in der Mitte. Aber auf eine Obergrenze, was die Tangente kosten darf, werde ich mich jetzt auch nicht festlegen. Dafür ist das Projekt für Freising zu wichtig.

Habermeyer: Ganz wichtig ist außerdem, dass die Stadt nicht auf den Kosten für den Unterhalt sitzen bleibt. Das wäre angesichts der überörtlichen Bedeutung der Straße unfair.

Eschenbacher: Da sind wir uns einig.

Nächster Punkt: Innenstadtkonzeption. Auch da gibt es Unterschiede zwischen Ihnen beiden?

Habermeyer: Die Moosach-Öffnung kann meiner Ansicht nach erst kommen, wenn wir einen Magneten in der Innenstadt haben und der Verkehr aus der Innenstadt draußen ist. Die Moosach-Öffnung wäre dann, wenn Geld da ist, ein „nice to have“.

Eschenbacher: Die Innenstadtkonzeption sagt uns genau, was wir brauchen, damit wir einen Magneten in die Innenstadt bekommen. Die Planungen, wann welche der Maßnahmen realisiert werden soll, folgt doch jetzt erst.

Und dann die dritte Startbahn: Würden Sie auch wie Herr Habermeyer den Bürgerinitiativen ein Büro und Geld für den Abwehrkampf zur Verfügung stellen?

Eschenbacher: Die Bügerinitiativen leisten sehr gute Arbeit. Und es ist ganz klar, dass sie mehr Unterstützung bekommen müssen.

Habermeyer: Wenn man den Widerstand ernst meint, muss man ihn unterstützen. Das ist eine absolute Pflichtaufgabe.

Als Sie bis 2008 Flughafenreferent waren, wurde Ihnen teilweise vorgeworfen, auch nicht gerade die Speerspitze im Abwehrkampf gewesen zu sein.

Habermeyer: Ich war der Erste und Einzige, der bei einem Wirtschaftsempfang am Flughafen Kerkloh ein Transparent „Keine dritte Startbahn“ vor die Nase gehalten habe. Dafür bin ich damals von Vertretern der Stadt blöd angeredet worden. An meinem Haus hängt seit Jahren ein großes Transparent gegen die dritte Startbahn. Ich lasse mich da nicht in ein schlechtes Bild rücken..

Eschenbacher: Wir dürfen uns in dieser Frage nicht auseinanderdividieren lassen. Wir sitzen alle in einem Boot.

Habermeyer: Würdest du als OB dasselbe machen wie ich?

Eschenbacher: Ich würde die BI’s selbstverständlich unterstützen. Man muss ihnen Arbeit abnehmen, wo es nur geht.

Habermeyer: Jetzt will ich es wissen, ich will konkrete Aussagen: Büro? Geld? Eine eigene Borschüre? Der Widerstand gegen die Startbahn muss höchste Priorität haben.

Eschenbacher: Da sind wir uns einig.

Welche Themen werden die Wahl am 25. März entscheiden?

Eschenbacher: Die Startbahn ist schon ein elementares Thema. Aber es gibt noch andere: Transparenz zum Beispiel oder den Politikstil. Auf jeden Fall ist die Stichwahl mit zwei so starken Kandidaten keine „gmahde Wiesn“.

Es gibt Zweifler, die trauen einem so Jungen den komplizierten Job als OB nicht zu?

Eschenbacher: Oberbürgermeister ist ein Amt, kein Beruf. Jeder bringt seine Erfahrungen mit, aber keiner hat bisher eine Verwaltung mit 700 Leuten geführt. Aber ich bin seit zehn Jahren im Stadtrat, ich kenne die Verwaltung und ich traue mir das zu. Man braucht nämlich ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und muss zuhören können.

OB ist doch viel Verwaltung – und damit was ganz anderes als der kreative Beruf eines Architekten?

Habermeyer: Auch als Architekt besteht der Beruf zu 90 Prozent aus Verhandlungen und Diskussionen ums Geld. Und in meinen 18 Jahren als Stadtrat habe ich bewiesen, dass ich ein ernst zu nehmender Haushaltspolitiker bin.

Womit wir beim Geld und beim Schuldenabbau wären. Nimmt Herr Habermeyer den Mund zu voll?

Eschenbacher: Ich will ihm gar nicht absprechen, dass er vorhat, in acht Jahren 50 Millionen abzubauen. Ich halte das für utopisch. Ich denke, man kann und sollte Schulden nicht schneller abbauen als man sie aufgebaut hat.

Und wie?

Eschenbacher: Uns bleibt pro Jahr ein Handlungsspielraum von fünf bis zehn Millionen Euro. Den muss man effektiver nutzen. Beispielsweise brauchen wir eine ganze Stelle zur Wirtschaftsförderung.

Habermeyer: Da stimme ich zu.Wir brauchen eine professionelle Vermarktung der Grundstücke. Aber der Schuldenabbau ist schon eine Aufgabe der jetzigen Generation. Und das will ich nicht durch Sparen, sondern durch mehr Einnahmen erreichen.

Eschenbacher: Also da muss ich jetzt schon mal was sagen: Mit 50 Millionen Schuldenabbau in acht Jahren – da kannst du alles andere knicken. Wo nimmst du denn . . .

Habermeyer: Aber, Tobias, . . .

Eschenbacher: Lass mich mal ausreden: Klar, haben wir in den Clemensängern 15 Hektar ungenutztes Kapital. Das liegt da rum, und da muss man anders vorgehen. Aber vorher muss man erst einmal investieren.

Habermeyer: Ich will doch die Stadt nicht zu Tode sparen. Aber bei uns ist das wie bei der Oma: Wir haben Geld unter dem Kopfkissen, aber das arbeitet nicht für uns.

Wo sollen denn am 25. März die noch notwendigen Stimmen herkommen, Herr Habermeyer?

Habermeyer: Es gab mal einen Bürgermeister, der ging mit 49 Prozent in die Stichwahl und ist dann doch gescheitert. In der Politik ist alles möglich. Ich weiß von einigen Leuten, die das Ergebnis der ersten Wahl überrascht hat und die sich jetzt mehr einbringen wollen.

Wie würde Ihr Führungsstil ausssehen? Welche Instrumente zu mehr Bürgerbeteiligung planen Sie?

Habermeyer: Bei der Informationspolitik gibt es ganz viel, was man verbessern könnte. Und der Führungsstil? Ich habe in meinem Beruf bewiesen, dass ich ein Teamworker bin, dass ich klare Ziele verfolgen und Kompromisse herausarbeiten kann. Aber man muss auch die Fähigkeit haben, Visionen zu erarbeiten.

Eschenbacher: Selbstverständlich müssen mehr Informationen nach außen vermittelt werden – und das nicht nur online. Man muss den Leuten die Möglichkeit geben, erreichbar zu sein. OB ist kein 40-Stunden-Job. Und es muss mit einer Art Innenmarketing gelingen, Interesse für Politik zu wecken.

Ein Blick ins Jahr 2014. Was macht die FSM da?

Eschenbacher: Wir werden zur Stadtratswahl eine Liste mit 40 Kandidaten aufstellen.

Und Sie, Herr Habermeyer? Werden wir Sie als Stadtrat sehen, falls Sie nicht OB werden?

Habermeyer: Das ist nicht unwahrscheinlich, weil mir Kommunalpolitik eben Spaß macht.

Sie kennen sich seit dem Jahr 2002. Was ist die größte Schwäche und die größte Stärke des Anderen. Vielleicht zunächst Sie, Herr Eschenbacher?

Eschenbacher: Dazu will ich eigentlich nichts sagen. Nur so viel: Als Sebastian 2008 nicht mehr für den Stadtrat kandidiert hat, habe ich ihm gesagt, dass ich das schade finde. Ich schätze ihn als Kollegen sehr.

Habermeyer: Tobi ist unübertroffen als Liebling aller.

Eschenbacher: (lacht) Das ganz sicher nicht.

Habermeyer: Wir haben auf der außerpolitischen Ebene kein Problem. Ich mag ihn ja. Jetzt müssen wir uns halt behaken.

Stellen Sie sich vor: Sie sind OB. Für was stehen Sie?

Habermeyer: Für Transparenz und Bewegung.

Eschenbacher: Für Kommunikation und integrierende Arbeit.

Interview: Helmut Hobmaier und Andreas Beschorner.

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