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Sensationelle Entdeckung im Getty-Museum: Die lange Odyssee der Freisinger Rubens-Skizzen bis in die USA

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Von: Wolfgang Schnetz

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„Die Apokalyptische Frau“: Diese Ölskizze zum Hochaltar des Freisinger Doms hängt im Getty-Museum.
„Die Apokalyptische Frau“: Diese Ölskizze zum Hochaltar des Freisinger Doms hängt im Getty-Museum. © Paul Getty Museum, Los Angeles.

Den spannenden Weg von Altarbild-Entwürfen aus dem Freisinger Dom ins Getty-Museum in den USA zeichnete jetzt Kreisheimatpfleger Bernd Feiler nach. Und es gibt eine Ergänzung.

Freising – Kein Geringerer als Peter Paul Rubens schuf 1625 das Hochaltarbild des Freisinger Doms „Die Apokalyptische Frau“, das heute in der Alten Pinaktotek München hängt und dessen Kopie bis heute den Dom-Altar ziert. Bis 1803 besaß das Kloster Neustift eine Farbskizze dieses Gemäldes in Öl. Diese Skizze hat eine 180 Jahre lange Odyssee hinter sich und landete im Getty-Museum bei Los Angeles, wie Kreisheimatpfleger Bernd Feiler recherchiert hat. Doch dieses Werk ist nicht das einzige Rubens-Relikt mit Bezug auf den Freisinger Mariendom, das über den großen Teich ins Getty-Museum gewandert ist.

Entdeckung in den USA

Die Nachricht über die Entdeckung dieses Ölbild-Entwurfs, den Peter-Paul Rubens anno 1623 seinem Auftraggeber, dem Freisinger Bischof Veit Adam von Gepeck, als Orientierungshilfe für das Hochaltarbild im Mariendom geschickt hatte, löste beim Mit-Autor dieses Artikels die Erinnerung an einen Besuch des Getty-Museums anno 1998 und an eine erstaunliche Entdeckung aus. Damals waren fünf Freisinger auf einem dreiwöchigen USA-Trip: Der unvergessene Alt-OB Adolf Schäfer, Thomas Berlinger, Michael Schwaiger, Alexander Nadler und meine Wenigkeit, Wolfgang Schnetz. Eine Station war das Getty-Museum, das sich damals noch in der Testphase befand. Nach stundenlanger „Wanderung“ durch die riesigen Säle mit unglaublichen Kunstschätzen ruhte ich mich auf einer der Lederbänke inmitten eines Gemäldesaals aus. Dominiert war der Raum von großformatigen Ölgemälden. Da fiel mir ein kleiner Rahmen auf, der etwa das Format eines DIN A4-Blocks hatte. Der Rahmen umfasste eine Rubens-Kohleskizze. Darunter der erklärende Text, der mich schlicht umwarf: Bei dem Blatt handelte es sich um einen Vorentwurf für das Hochaltarbild in der „St. Mary’s Cathedral Freising (Bavaria)“. Doch dieser Entwurf wurde so nie ausgeführt. Ob sich nun diese Kohleskizze noch immer im Besitz des Museums befindet, will Kreisheimatpfleger Bernd Feiler jetzt noch herausfinden. Doch er hat eine andere Geschichte recherchiert – die abenteuerliche Irrfahrt eben jener eingangs erwähnten Ölskizze, dem zweiten Freisinger Kunstwerk, das schließlich in Kalifornien gelandet ist.

Die Ölskizze

Die Stationen bis dorthin: München, London, Hamburg, Budapest, Paris, Zürich und schließlich Los Angeles. „Zum Teil illustre Persönlichkeiten waren die Besitzer des Bildes, das heute im John-Paul-Getty-Museum in Los Angeles-Brentwood zu sehen ist“, schreibt Bernd Feiler. Im Folgenden sein spannender „Reisebericht“ der Rubens-Ölskizze:

„Am 19. April 1803, vier Tage vor der offiziellen Aufhebung der Prämonstratenserabtei Neustift, durchstreifte Georg von Dillis die Räume des Klosters und erstellte ein genaues Verzeichnis aller sich dort befindenden Gemälde und Grafiken. In den Zimmern des Abts, dem heutigen Büro des Landrats, fiel ihm wohl sofort eine Ölskizze mit der Darstellung der ,Apokalyptischen Frau‘ von Peter Paul Rubens auf. Dillis hielt das auf einer Holztafel gemalte kleinformatige Bild für eine Kopie eines unbekannten Malers und taxierte es dementsprechend mit nur einem Gulden. Wie zahlreiche andere Bilder und Grafiken verließ die Tafel das Kloster Neustift in Richtung München. Dort wurde es im August 1804 gemeinsam mit weiteren Neustifter Kunstwerken auf einer Auktion angeboten. Es fand sich jedoch kein Interessent für das Gemälde, deshalb erwarb im Nachverkauf der aus Frankreich stammende Kunsthändler Nathan das Gemälde. Er hatte wohl die Qualität der Malerei und die Urheberschaft der Rubens Werkstatt sofort erkannt.

Über den Ärmelkanal

Vermutlich fand Nathan schon bald einen interessanten Käufer für die Ölskizze: Kurze Zeit später besaß nämlich der berühmte amerikanische Maler Benjamin West das Rubensgemälde aus Neustift. West war 1763 in London sesshaft geworden und hatte dort als Künstler großen Ruhm erworben. Viele Jahre stand er der Royal Academy of Arts als Präsident vor. Nach Wests Tod erstand aus dessen Nachlass ein gewisser Mr. Baker das Neustifter Rubens Bild. Es folgten Zwischenstationen in unbekannten Privatsammlungen, bis der irische Politiker und Großgrundbesitzer Edmund Maghlin Blood die Ölskizze 1868 für seine Kollektion kaufte. Blood war ein Nachfahre des berüchtigten Thomas Blood, der einst versucht hatte, die englischen Kronjuwelen zu stehlen.

Von der Alster zur Seine

Noch zu Lebzeiten veräußerte 1887 Edmund Blood die Ölskizze aus Neustift durch die Vermittlung Wilhelm von Bodes an den Hamburger Unternehmer und Kunstfreund Eduard Weber, der die größte Gemäldesammlung alter Meister in Deutschland besaß. Weber ließ sein Wohnhaus an der Alster im Hamburger Stadtteil St. Georg um ein Privatmuseum erweitern, das als „Galerie Weber“ öffentlich zugänglich war. Deren Bestand kam 1912 unter den Hammer, denn die Stadt Hamburg hatte sich nicht entschließen können, die Sammlung des mittlerweile verblichenen Weber anzukaufen. Für 55 000 Mark ersteigerte  der ungarische Finanzmagnat und Kunstliebhaber Marczell de Nemes das Bild aus Neustift. Das erfreute de Nemes aber nur kurze Zeit. Finanzielle Engpässe zwangen ihm zum baldigen Verkauf über den Pariser Kunsthandel. Und so bereicherte ab 1917 das Gemälde Rubens die Kunstsammlung des venezianischen Unternehmers Federico Gentili di Giuseppe.

Nach zwei Jahren ging das Gemälde erneut auf Wanderschaft, blieb aber an der Seine. Der neue Besitzer hieß jetzt Bousquart, seine genaue Identität ist nicht entdeckt. Vielleicht war er Kunsthändler oder Privatsammler.

Am Ufer der Limmat

Bousquart bot 1938 das Neustifter Rubens-Bild dem international agierenden Verleger und Kunsthändler Walter Feilchenfeld an. Dieser war vor den Nationalsozialisten in die Schweiz geflohen und führte von Zürich aus seinen Kunsthandel. Vermutlich zählte dort der Industrielle Alfred Hausammann zu seinen Kunden. Hausammann war einer der führenden Textilunternehmer der Schweiz und ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Über 40 Jahre verbliebt das Rubensbild im Besitz der Familie Hausammann.

Über den großen Teich

Walter Feilchenfeld Junior vermittelte dann 1984 den Verkauf des Rubens Gemäldes an das Getty Center in Los Angeles. Das im dortigen Nobelquartier Brentwood gelegene Kunstmuseum bewahrt heute die Tafel aus Neustift. Das Gemälde trägt die Inventarnummer 85.PB.146 und kann in der Ostgalerie des Museums besichtigt werden. Aus einer Augenweide für aristokratische und bürgerliche Sammler ist damit ein Kunstwerk für alle geworden.

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