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Für die Selbstbestimmung nationaler Minderheiten plädiert Prof. Michael Wolffsohn, hier nach seiner Lesung in der Freisinger Buchhandlung Rupprecht mit Inhaberin Maria Rupprecht und Filialleiterin Katharina Neus (v. l.).

Prof. Michael Wolffsohn in Freising

Viele Völker, ein Staat – und kein Frieden

Es ist ein Buch über ein brennend aktuelles Thema: „Zum Weltfrieden – Ein politischer Entwurf.“ Der emeritierte Professor Michael Wolffsohn sprach am Freitagabend in der Freisinger Buchhandlung Rupprecht über sein jüngstes Werk. Seine These: Staaten auf Basis eines einheitlichen Nationalgedankens werden langfristig zerfallen.

FreisingWolffsohn plädiert für ein Umdenken, weg vom traditionellen Staatenmodell, hin zu föderativen Systemen und der Selbstbestimmung nationaler Minderheiten. Beifall brannte auf, als der große, schlaksige Mann das Lesepodest betrat. Nein, über Donald Trump werde er heute nicht sprechen. Damit wandte er sich wohl an jene Zuhörer, die den 70-Jährigen beim Polit-Talk mit Anne Will in den vergangenen Tagen zugehört hatten. Vielmehr wolle er darüber sprechen, wie die Welt langfristig der „Gewalt-Spirale“ von Krieg und Terror entkommen könne. Wolffsohn hob seine beiden Hände und führte sie so zusammen, als wolle er sie zum Gebet schließen: „Sehen sie, die eine Hand, das ist die Gesellschaft. Die andere Hand, das ist der staatliche Rahmen. Wenn man sie zusammen legt, passiert folgendes: Etwas wird zusammen gepresst, was historisch gesehen nicht zusammengehört.“

Die „Erbfolge“ zerfallener Imperien sei Schuld daran. Die Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn, Russland und das Osmanische Reich seien nach dem ersten Weltkrieg „umgeordnet“ worden. Doch auch in anderen Regionen der Welt wie im afrikanischen Mali, Israel, Palästina, Pakistan, Iran, Irak, in China oder – ganz aktuell – in Syrien sei dies zu beobachten: All diese Staaten seien eigentlich Vielvölkerstaaten. Deren vielschichtiger, vielfältiger Bevölkerung sei ein einheitlicher, zentralistischer Rahmen aufgepfropft worden. „Das ist falsch gedacht“, so der Autor. „Da ist die Deckungsgleichheit von staatlichen Grenzen und Bevölkerung nicht identisch.“

Beispiel Syrien: Dort seien historisch gesehen die Sunniten die Träger der Macht gewesen. Durch die Staatenbildung sei den Sunniten die Selbstbestimmung vorenthalten worden. „Sie wollen nicht drangsaliert werden von Alawiten oder Kurden.“ Die Weltgemeinschaft reagiere auf Konflikte dieser Art mit „Friedensmissionen“. Doch das scheitere oft. Es sei falsch, einen zentralistischen Staat anzupeilen. Effektiver wäre es, ein sunnitisches Bundesland in einer Bundesrepublik Irak und Syrien zu gründen. „Sonst wird das Blutvergießen weitergehen.“

Auch die Mission in Mali werde scheitern, orakelte Wolffsohn. Und genau das habe er der Bundesverteidigungsministerin, Ursula von der Leyen persönlich gesagt. Nach der Sendung mit Anne Will, als die Kameras abgeschaltet waren. „Aber, glauben Sie mir, das wird wohl auch nichts ändern“, wandte sich Wolffsohn an die Freisinger. Sein Schlüsselwort zur Lösung wiederkehrender Gewaltexzessen laute: Föderalisierung – sprich grenzüberschreitende territoriale wie personale Selbstbestimmungsmodelle schaffen, ohne die Gültigkeit eines übergeordneten föderativen Bundesstaats außer Acht zu lassen.

Maria Martin

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