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„Als Arbeitsloser bist du irgendwann nur noch eine laufende Nummer“: Patrick Schott (l.) und Andreas Ormenyi (r.) sind sehr dankbar, dass es das Projekt Etappe gibt, das von Franziska Münch (M.) geleitet wird.

Betroffene berichten

Projekt für Langzeitarbeitslose in Freising: „Ohne Etappe wären wir untergegangen“

Für Patrick Schott lief alles richtig rund. Als Koch verdiente er ausreichend, um sich ein gutes Leben leisten zu können Bis ihn vor zwei Jahren ein Bandscheibenvorfall aus der Bahn warf. Er ist kein Einzelfall.

Freising – „Von einem Tag auf den anderen konnte ich nicht mehr arbeiten.“ Die Erinnerungen an die Zeit nach seinem Bandscheibenvorfall sind für Patrick Schott schmerzlich. Nach Operation und Aufenthalten in Reha-Einrichtungen blieb die Arbeitssuche zunächst erfolglos. „Ich fühlte mich, als wenn ich zuhause versauere“, beschreibt der 47-jährige Koch seine damalige Verfassung.

Wieder in Lohn und Brot zu kommen, gestaltete sich schwierig. Erst als ihn ein engagierter Arbeitsvermittler aus der Arbeitsagentur Freising auf eine Arbeitschance beim Fachdienst Beschäftigung, Integration und Qualifizierung (BIQ) bei der Caritas Freising aufmerksam machte, schöpfte Schott neue Hoffnung. Im Buchcafé Etappe an der Vimystraße – ein sozialer Verkaufsladen mit angeschlossenem Café, in dem auch Mittagstisch angeboten wird – werde ein Koch gesucht. Die große Chance, über diesen sogenannten Ein-Euro-Job aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu kommen, wollte sich Schott natürlichnicht entgehen lassen. „Hier habe ich solch tolle Unterstützung gefunden, sodass ich mein verlorenes Selbstwertgefühl wieder zurückbekommen habe.“

Der Job hilft, Selbstvertrauen zurückzugewinnen

Eine sinnvolle Beschäftigung in einem beschützten Raum zu bieten, sei bei den Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen der Caritas oberste Prämisse“, sagt Etappe-Teamleiterin Franziska Münch. Neben dem Buchcafé Etappe bietet die Caritas diese Hilfe auch im Gebrauchtwarenhaus „Rentabel“ an der Kepser Straße an. 22 Teilnehmer seien derzeit in der Etappe beschäftigt, sagt Münch. „Jeder arbeitet so lange, wie es seine individuelle Leistungsfähigkeit erlaubt.“ Mit 2,5 Stunden am Tag habe er angefangen, erzählt Patrick Schott. Dass seine Leistung von Anfang an anerkannt war, und viele Kunden sich für das gute Essen bedankt hätten, das habe ihn beflügelt. Heute, nach zwei Jahren, sei er so weit, dass er demnächst wohl wieder im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen könne.

Ähnliche Erfahrungen schildert Andreas Örmenyi. Auch er sei nach einem Arbeitsplatzverlust von Arbeitslosenleistungen wie Hartz IV und ALG-II abhängig gewesen. Vom Jobcenter der Arbeitsagentur sei er hierher vermittelt worden. „Als Arbeitsloser bist du irgendwann nur noch eine laufende Nummer.“ Hier habe er die Aufgabe, Bücher zu sortieren und zu verkaufen.

Neben der Küche und der Arbeit mit den Büchern gibt es auch noch Arbeitsplätze im Service und für anfallende Grünarbeiten. Unmittelbar an das gemütliche Etappe-Café im Nebengebäude des Pallotti-Hauses schließt sich ein schön eingewachsener Garten an, in dem Tische aufgebaut sind. „Die Mittagsgäste können bei uns auch im Grünen speisen“, erzählt Münch stolz. Die Schüler und Lehrer vom Hofmiller-Gymnasium seien Stammgäste, außerdem einige Mitarbeiter des Freisinger Landratsamts.

Gerade in „Vollbeschäftigungsregionen“ werden die Arbeitslosen nicht gesehen

Patrick Schott erzählt, dass er inzwischen sogar einen Lieferservice aufgebaut habe. Täglich beliefere er unter anderem das Caritas-Zentrum mit schmackhaftem Mittagstisch. Aus den Buchdeckeln gespendeter Bücher gestalten die Teilnehmer der Qualifizierungsmaßnahme ganz individuelle Menükarten. „Wir wechseln wöchentlich mit dem Speiseplan“, erzählt Franziska Münch. „Currywurst mit Pommes geht aber immer.“

In den nächste Wochen planen die Mitarbeiter von Etappe und Rentabel eine Informationskampagne in der Freisinger Innenstadt. Zum einen, um die Bevölkerung darüber aufzuklären, was hinter den Projekten stecke. Zum anderen solche Menschen ansprechen, denen es genauso ergangen ist wie Patrick Schott und Andreas Örmenyi. „Ohne die Etappe wären wir wohl untergegangen“, meinen beide. „Wir möchten zeigen, wie wichtig diese Einrichtung ist.“ Gerade in einer Region, in der wenig Arbeitslosigkeit existiere. Denn trotz sogenannter Vollbeschäftigung gebe es immer wieder Menschen, die aufgrund von Schicksalsschlägen ihre Arbeit verlören, wie sie betonen. „Wir sind sehr dankbar für die große Unterstützung, die uns zuteilwurde.“

Gut zu wissen

Das Etappe-Buchcafé (Vimystraße 3) hat von Montag bis Donnerstag jeweils von 10 bis 16 Uhr geöffnet.

Maria Martin

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