Die Sinne vernebelt

Milde Strafe für schwerkranke Ladendiebin

Freising - Neu verschriebene Medikamente hätten ihre Sinne benebelt. Das gab eine ertappte Diebin (49) im Gericht als Erklärung dafür ab, dass sie bereits zum vierten Mal wegen Diebstahls vors Amtsgericht zitiert wurde. Dort fand sie milde Richter.

Sie sei schwer krebskrank und auf die Medikamente angewiesen, argumentierte die Angeklagte, die sich im vergangenen November in einem Supermarkt ihre Tasche mit Süßigkeiten und Alkohol vollgestopft hatte. Als sie noch eine Flasche Wodka zu verbergen versuchte, wurde die Kassiererin neugierig. Aus der Tasche förderten Angestellte des Discounters Gummibärchen, Schokolade, ein Tortenblech, Sekt und eine Flasche Wodka der Marke „Boris Jelzin“ im Gesamtwert von 35 Euro zu Tage.

„Ich streite nichts ab“, sagte die 49-Jährige jetzt vor Gericht. Bewusst sei ihr der Diebstahl aber keineswegs gewesen. „Kann mir das nur so erklären, dass mir meine Medizin ins Hirn gestiegen ist“, vermutete die Freisingerin. Vor zwei Jahren hatte die Angeklagte erfahren, an Darmkrebs erkrankt zu sein. Im Juli 2014 wurde sie operiert. Demnächst folgt ein weiterer Klinikaufenthalt. Das mit den Medikamenten sei nicht als Entschuldigung gemeint, fuhr die Angeklagte fort: „Aber es ist meine einzige Erklärung.“ Der Umstand, dass sie es bei der Beute vor allem auf Schokolade abgesehen hatte, erklärte sich die Frau mit der Vorfreude auf Weihnachten. Die Theorie, wonach Medikamente der Anlass für ihren Beutezug vom 9. November 2015 waren, ließ sich vor dem Amtsgericht Freising allerdings nicht lange aufrecht halten. Die Angeklagte ist siebenfach vorbelastet, wurde bereits drei Mal als Diebin verurteilt.

„Haben Sie damals auch irgendwelche Medikamente genommen?“ fragte Richterin Tanja Weihönig im sicheren Wissen, dass die Erkrankung der 49-Jährigen erst ein Jahr nach dem dritten Prozess diagnostiziert worden war. Die 49-jährige Hartz IV-Empfängerin blieb dabei, im Supermarkt nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen zu sein. Ihre Karte, mit der sie ihre Einkäufe abrechnet, sei ausreichend gedeckt gewesen. „Ich muss unter Drogen gestanden haben“, mutmaßte sie. Angesichts der vorausgegangenen Verurteilungen forderte die Staatsanwaltschaft eine viermonatige Bewährungsstrafe. Richterin Weihönig beließ es bei einer Geldstrafe in Höhe von 1350 Euro (90 Tagessätze zu 15 Euro). Zumindest wegen Diebstahls war die 49-Jährige seit 2013 nicht mehr auffällig geworden. Aufgrund des Todes ihrer Eltern und wegen der überaus belastenden Krebserkrankung ging das Gericht von „schwierigen persönlichen Umständen“ aus.

Andreas Sachse

Rubriklistenbild: © dpa

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