+
Unsichere Jugendliche sind leichte Beute für Extremisten, weiß Jugendamts-Leiterin Arabella Gittler-Reichel.

Jugendamt informiert

Radikalisierung von Jugendlichen: Die Falle schnappt nicht sofort zu

  • schließen

Freising - Die Gefahr, dass sich auch im Landkreis Freising Jugendliche radikalisieren, existiert. Das haben drei Fälle gezeigt. Jetzt hat das Jugendamt eine Fachtagung abgehalten. Was ist zu tun, wenn junge Menschen mit dem Dschihad kokettieren?

Sie haben in der Vorweihnachtszeit für Alarmstimmung gesorgt: drei jugendliche Flüchtlinge, die sich Videos des Islamischen Staats angesehen haben beziehungsweise Fotos gemacht haben, auf denen sie mit IS-Symbolen abgebildet sind. Alle drei wurden vom Jugendamt Freising betreut. „Jugendliche, die noch unsicher in ihrer Persönlichkeit sind und nach ihrer Identität suchen, sind ein gefundenes Fressen für Extremisten“, sagt Jugendamtsleiterin Arabella Gittler-Reichel.

Wie real die terroristische Gefahr ist, zeigen auch Zahlen des Verfassungsschutzes. Demnach werden in Bayern derzeit 4000 Menschen der islamistischen Szene zugeordnet. 630 davon gelten als Anhänger des Salafismus, der besonders jugendaffin ist. Davon wiederum sollen rund 120 dem gewaltbereiten Flügel der Dschihadisten angehören, wie Gittler-Reichel berichtet. „Ob am Infostand oder im Internet – Salafisten bieten Jugendlichen auf eindringliche und emotionale Weise einfache Erklärungsmuster an.“

Auch Mädchen radikalisieren sich

Vor allem 16- bis 19-Jährige fallen ins Beuteschema der Extremisten. „Gefährdet sind aber nicht nur unsere unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, sondern auch Jugendliche, die in Deutschland aufgewachsen sind“, erläutert die Jugendamtsleiterin und betont, dass nicht nur Jungs ins Visier von Salafisten geraten. „Zehn Prozent derjenigen, die sich radikalisieren, sind Mädchen.“

Für Gittler-Reichel war es daher an der Zeit, all diejenigen für die Gefahren zu sensibilisieren, die beruflich mit Jugendlichen zu tun haben. Sie traf damit einen Nerv. 45 Mitarbeiter von Jugendhilfe-Einrichtungen kamen zu einer Fachtagung ins Landratsamt, um sich über Prävention und Deradikalisierung gegen Salafismus aufklären zu lassen. Neben Mitarbeitern aus dem Jugend- und Ausländeramt sowie der Sozialverwaltung kamen auch Vertreter des Caritas-Alveni-Hauses, von St. Klara und dem Jugendwerk Birkeneck. Sogar aus dem Nachbar-Landkreis Pfaffenhofen kamen Teilnehmer. Vertreter des Sozialministeriums, vom Verfassungsschutz und dem Landeskriminalamt boten eine Fülle an Informationen.

Radikalisierung nicht von heute auf morgen

Was die Besucher der Tagung vor allem gelernt haben: genau hinzuschauen, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen und auf die vielfältigen Hilfsangebote zurückzugreifen, die das Bayerische Netzwerk für Prävention und Deradikalisierung bietet. Genau dieses Muster ließ sich auch im Fall der drei Jugendlichen beobachten. Mitbewohner der Unterkunft hatten aufgepasst und die Leiterin der Einrichtung informiert. Es wurden Gespräche mit den Betroffenen geführt, zugleich zog man Experten zurate.

„Eine Radikalisierung findet nicht von heute auf morgen statt“, betont Arabella Gittler-Reichel. „Bevor sich Jugendliche abschotten, fallen sie im Normalfall schon auf – indem sie widersprechen oder etwas Provokantes sagen.“ Da sei es die Aufgabe von Fachkräften, mit den Betroffenen in den Dialog zu kommen. „Wichtig ist es, die Jugendlichen dazu anzuregen, ihr Handeln selbst kritisch zu hinterfragen.“

Wichtig ist aber auch, eine Vertrauensbasis herzustellen, dass die Jugendlichen kommen können, wenn ihnen etwas komisch vorkommt. Ist die Radikalisierung deutlich erkennbar, müssten freilich die Polizei und geeignete Fachstellen einschaltet werden. „Da ist eine Super-Unterstützung da.“

Von den drei Jugendlichen, die Ende 2016 auffällig geworden waren, wird inzwischen nur noch einer vom Jugendamt in Freising betreut – die beiden anderen in Erding. Bei dem „Freisinger“ habe inzwischen eine gute Entwicklung eingesetzt, berichtet Gittler-Reichel: „Er hat vom IS Abstand genommen. Die Gespräche waren fruchtbar.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Feuerwehr Schlipps zieht Bilanz: Ärgerliche Fehlalarme
37 Aktive haben 18 Einsätze mit insgesamt 268 Stunden geleistet. Das war die Bilanz, die der 1. Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Schlipps, Jürgen Geier, bei der …
Feuerwehr Schlipps zieht Bilanz: Ärgerliche Fehlalarme
Adventskranz in Flammen – Gemeindesaal in Gefahr
Einen größeren Brandschaden verhinderten gestern aufmerksame Anwohner an der Hohenbachernstraße. Sie bemerkten am Sonntagvormittag einen in Brand geratenen Adventskranz …
Adventskranz in Flammen – Gemeindesaal in Gefahr
Manchmal geht’s nicht ohne Chemie
Der Bund Naturschutz hat Christbaum-Stichproben in ganz Deutschland genommen – und fast überall Pestizid-Spuren festgestellt. Sogar Mittel, deren Verwendung illegal ist, …
Manchmal geht’s nicht ohne Chemie
Viel Schaum um nichts...
Mit einem gestohlenen Feuerlöscher sprühten zwei Jugendliche in der Nacht zum Samstag um 3.30 Uhr auf einer Baustelle im Bereich der Weinmiller-Straße in Freising herum. …
Viel Schaum um nichts...

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion