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Randale im Landratsamt Freising: 25-Jähriger vor dem Landgericht Landshut

Nach Ausraster in die Psychiatrie

Er wolle in seine Heimat Pakistan abgeschoben werden: Diesen Wunsch äußerte der 23-jährige Angeklagte mehrfach im Sicherungsverfahren vor der 4. Strafkammer des Landgerichts Landshut. Dort hatte er sich gestern wegen mehrerer Ausraster – unter anderem im Freisinger Landratsamt – zu verantworten. Die Kammer ordnete aber seine Unterbringung in einer Psychiatrie an.

Freising/Landshut – Laut der von Staatsanwalt Adrian Mühlbauer vertretenen Antragsschrift riss der Pakistani, der zuletzt in der Asylbewerberunterkunft in Hallbergmoos lebte und seit September 2017 bereits vorläufig im Bezirkskrankenhaus Haar untergebracht ist, im Landratsamt Freising unter erheblichem Kraftaufwand ein mit Schrauben befestigtes Kruzifix von der Wand. Und er stieß eine Statue von einem Sockel, nachdem er zuvor ebenfalls die vor der Figur montierte Plexiglasscheibe heruntergerissen hatte. Der Schaden: 2800 Euro.

Am folgenden Tag befand sich der Asylbewerber, bei dem eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden war, für eine ärztliche Untersuchung im Klinikum Taufkirchen. Im Verlauf des ärztlichen Gesprächs schlug er mehrfach mit der Hand auf Ober- und Assistenzärztin ein, wobei letztere einen Tinnitus erlitt. In der danach angeordneten vorläufigen Unterbringung rastete der 23-Jährige erneut aus, als ihn der Stationsleiter und ein Pfleger auf die Terrasse zum Rauchen begleiteten. Der Patient holte zu einem Faustschlag aus, dem der Pfleger aber ausweichen konnte.

Die Antragsschrift lastete dem Asylbewerber gemeinschädliche Sachbeschädigung, vorsätzliche Körperverletzung in zwei Fällen und versuchte Körperverletzung an, ging aber davon aus, dass er wegen seiner paranoiden Schuldfähigkeit zu den Tatzeiten schuldunfähig war.

Zum Prozessauftakt räumte der Angeklagte über eine Erklärung seines Verteidigers die vorgeworfenen Ausraster ein und entschuldigte sich später bei den Betroffenen.

Wie das Klinikpersonal berichtete, seien damals Aggressionen auf der Station an der Tagesordnung gewesen. Der Pakistani sei zeitweise durchaus zugänglich, dann quasi im nächsten Augenblick wieder aggressiv gewesen. Zum Werdegang habe er berichtet, dass er mit sieben Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf einer kleinen Landwirtschaft aufgewachsen sei. Dennoch habe er die Schule besucht und bis zum 17. Lebensjahr in der elterlichen Landwirtschaft gearbeitet, ehe man ihn nach Europa geschickt habe, damit er Geld verdiene. Die (Schleuser-)Reise habe man durch den Verkauf von Vieh finanziert. Über die Türkei, Griechenland und Österreich sei er 2015 in Eching und dann in Hallbergmoos gelandet. Sein Asylantrag sei abgelehnt worden, zuletzt habe er sich mit einer Duldung in Bayern aufgehalten.

Zu seiner Krankheit, so die Gutachterin, habe der 23-Jährige berichtet, dass bei ihm „im Juni 2017 was begonnen habe.“ Er habe Stimmen gehört und über seine Füße von einem Sender „elektrisierende Gedanken“ bekommen. Für die dem Verfahren zugrunde gelegten Taten bescheinigte die Gutachterin dem 23-Jährigen eine aufgehobene Einsichts- und Steuerungsfähigkeit und damit Schuldunfähigkeit. Aufgrund der bei ihm diagnostizierten Schizophrenie, wobei der Vorfall im Landratsamt als religiös wahnhaft einzuordnen sei, bestehe die Gefahr weiterer gleichgelagerter Taten, insbesondere auch von Gewalttaten. Besonders negativ falle dabei ins Gewicht, dass er kaum krankheitseinsichtig sei, außerdem ohne jegliche familiäre und soziale Bindung. Dazu komme noch, dass er der englischen Sprache kaum mächtig sei. Eine Rückkehr in die Asylbewerber-Unterkunft würde sich eher noch destabilisierend auswirken. Die Kammer ordnete dann die endgültige Unterbringung des Angeklagten in der Psychiatrie an und folgte damit den Anträgen von Staatsanwalt Mühlbauer und Verteidiger Thomas Novak, der in seinem Plädoyer auf seinen Mandanten einwirkte, seine Medikamente zu nehmen und damit mitzuwirken, seine psychische Krankheit einzudämmen.

Vorsitzender Richter Theo Ziegler schloss sich in der Urteilsbegründung weitgehend dem psychiatrischen Gutachten an. Die Unterbringung sei zum Schutz der Allgemeinheit anzuordnen gewesen, weil er sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Straftaten begehen würde. Was seinen Wunsch nach Rückkehr in seine Heimat anging, machte ihm der Vorsitzende Richter durchaus Hoffnung: Da es sich nicht um schwerste Straftaten gehandelt habe, sei auch eine vorzeitige Abschiebung möglich.

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