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Die Hände zum Himmel: Im klassischen Stil sprang Otto Gmeiner ab – und hält mit 27 Metern bis heute den Schanzenrekord.

Die Schanze am Schafhof

Als es noch richtige Winter in Freising gab: Otto und seine Überflieger

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Freising im Jahr 1950: Die ersten Nachkriegsjahre sind vorbei, die Lebensfreude steigt wieder. Und in der Domstadt tun sich ein paar Wintersport-Verrückte zusammen, um ein irrwitziges Projekt zu realisieren.

Freising – Er ist so etwas wie Freisings Fitzcarraldo. Die Filmfigur des Regisseurs Werner Herzog will im Dschungel ein Opernhaus errichten und lässt für dieses Projekt sogar mit menschlicher Muskelkraft ein Schiff über einen Bergrücken ziehen. Etwa genauso abenteuerlich klingt es aus heutiger Sicht, was Otto Gmeiner vor fast 70 Jahren in Freising auf die Beine gestellt hat. Anfang der 50er Jahre hat er mit einigen Gleichgesinnten eine Skisprungschanze am Schafhof realisiert.

Otto Gmeiner (87) kam es allerdings ganz normal vor, dieses Projekt zu realisieren. „Der Aufschwung hatte in Freising gerade eingesetzt“, erinnert sich der 87-Jährige. „Die ersten schweren Jahre nach dem Krieg waren überwunden, und man suchte nach Erlebnis und Lebensfreude.“ Schon früh hat er die Liebe zum Wintersport entdeckt. Im Internat in Ettal konnte er jeden Tag von einer Schanze springen. Als er schließlich zurück nach Freising kam, habe ihm dieses Angebot gefehlt. Um in die Berge zu fahren, waren die finanziellen Mittel – Aufschwung hin oder her – noch zu bescheiden. „Und Autos hatten eh nur die Wenigsten.“

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Damals waren die Winter noch Winter

Damals, 1951, waren die Burschen vielleicht nicht mehr so schneidig wie zu Zeiten des Königlich Bayerischen Amtsgerichts. Aber anpacken konnten sie schon noch. Und vor allem waren die Winter noch Winter: Schnee lag nicht nur ganz oben auf den Alpen, sondern auch auf Freisings Hügeln. Und so machte sich Gmeiner mit fünf oder sechs Gleichgesinnten von der Sektion Freising des Deutschen Alpenvereins auf dem Gelände des Freisinger Schafhofs ans Werk. Weihenstephan hatte das Areal dafür zur Verfügung gestellt.

Die Rampe: Für die Schanze verwendeten die Freisinger Alpinisten Holzplanken, die vom Dach der damals in Freising beheimateten Staatsbank stammten.

Findig waren sie, die Schanzenbauer. Als Belag für die Absprungschanze wurden Dachplanken von der Staatsbank verwendet (heutiger Standort der Hypo-Vereinsbank). Nicht, dass man das Geldinstitut für die Ski-Pläne abgebaut hätte. Aber Gmeiner wirkte als Ingenieur beim Umbau des Hauses mit. Auch bei der Beschaffung des Materials für den Sprungturm konnten sich die Alpinisten auf berufliche Verbindungen verlassen. So besorgte der unvergessene Postler Edi Meßner Telefonmasten, die als Grundgerüst für den Sprungturm dienten.

Wie lange hat die kleine Gruppe für den Bau geschuftet? Gmeiner winkt ab. „Mei, des war net so schlimm. Drei Wochenenden vielleicht.“ Und so stand die Rampe in kürzester Zeit – „luftig, aber stabil“, wie er betont. 1958 wurde das Bauwerk sogar noch nachgebessert und auf 30 Meter erhöht.

„500 Leute und mehr haben uns zugeschaut“

Über 20 Jahre wurde die Schanze genutzt, Winter für Winter. Der Schafhof wurde zum Magneten für rund 20 Aktive, die sprangen, und noch deutlich mehr Zuschauer. „500 Leute und mehr haben uns zugeschaut“, berichtet Gmeiner. Neben Freisingern nutzten auch Erdinger und Wartenberger die Schanze. Mit Letztgenannten hatten die Freisinger eine Gemeinschaft gebildet, denn auch in dem kleinen Ort gab es eine Anlage. „Ein Wochenende bei ihnen, eines bei uns.“ Immer nach dem gleichen Muster. Am Samstag fand der Langlauf auf der Loipe statt, die vom Schafhof wegging und bis nach Wippenhausen führte. Am Sonntag flogen die Ski-Akteure durch die Lüfte.

Anpacken konnte er: Otto Gmeiner beim Schanzenbau.

Gmeiner ist auf vielen Rampen gestartet, auch auf der Olympiaschanze in Garmisch. „Nichts war für mich aber so besonders wie die Schanze am Schafhof“, sagt er. Damals noch ohne Helm, dafür mit Mütze und Brille – und nach vorne gestreckten Armen.

Der V-Stil, bei dem die Ski-Enden zueinander zeigen und die Arme des Springers nach hinten am Oberkörper angelegt werden, wurde in Freising nie vorgeführt. Denn als die Methode in den 80er Jahren vom Schweden Jan Boklöv erfunden wurde, waren die goldenen Wintersportjahre am Schafhof bereits vorbei. Die Sektionsmeisterschaften, die bis auf wenige Ausnahmen jedes Jahr veranstaltet wurden, fanden 1973 ihre letzte Auflage. So besagt es die Chronik.

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Dann ließ der Winter die Freisinger im Stich

Danach ließ der Winter die Freisinger im Stich. „Jahrelang hat es nicht genug Schnee gegeben, um zu springen“, berichtet Gmeiner. Zudem wurde das Bauwerk langsam reparaturbedürftig. Die Schanze blieb zwar noch einige Zeit stehen, genutzt wurde sie jedoch nicht mehr. Zumindest nicht von den Sportlern. Nur einige Jugendliche interessierten sich für das Bauwerk, kletterten darauf herum oder entwendeten Holzbalken, erzählt Gmeiner. „Die Eichenfelder Buam haben da jede Menge Unsinn getrieben. Und weil wir Angst hatten, dass etwas passiert, haben wir uns entschieden, sie abzubrechen.“ Ende der 70er Jahre war das.

Die Erinnerung ist noch frisch: Otto Gmeiner (87) berichtet davon, wie er 1951 die Schanze realisiert hat.

Natürlich hat da einigen das Herz geblutet. „Unser Häuflein Springer hat der Schanze schon nachgeweint“, erinnert sich der 87-Jährige. „Aber trotzdem haben alle kräftig mitgeholfen, sie zu zerhacken.“ Immerhin eines steht bis heute: Gmeiners Schanzenrekord. 27 Meter. Weiter ist niemand gesprungen. Diese Bestleistung kann dem Rentner keiner mehr nehmen.

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