Lehrer im Kreis Freising schlagen Alarm

Schluss mit „Schein-Inklusion“: Pädagogen fordern Kultusministerium heraus

Die Lehrer im Kreis Freising fühlen sich beim Thema Inklusion vom Kultusministerium allein gelassen. Für die Förderung gehandicapter Schüler im Klassenverbund fordern sie mehr Personal und bessere Fortbildung in diesem Bereich.

Freising – „Eine Grundschullehrerin aus Murnau litt so sehr mit einem blinden Schüler mit, dass sie ihm in ihrer Freizeit die Blindenschrift lehrte, um dann feststellen zu müssen, dass ihr dafür letztlich doch die nötige Ausbildung fehlt“, schilderte Gerhard Röck, Leiter der Grund- und Mittelschule Eching, die Dramatik des Problems: Das Kultusministerium unterstütze die Pädagogen in Bayern – und damit auch im Landkreis – viel zu wenig bei der Umsetzung von Inklusion.

Das soll sich schnellstens ändern. Deswegen stellten in einer Pressekonferenz Kerstin Rehm, Rudolf Weichs und Gabriele Holzer, die Vorsitzenden des Personalrats des Schulamtsbezirks Freising, in „gemeinsamer Phalanx“ mit Vertretern von Lehrerverbänden im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und Bayerischen Beamtenbund (BBB) ihr Forderungspaket an die Regierung vor. In einem Antrag verlangen sie vom Freistaat wesentlich bessere Unterstützung der Lehrer an Grund- und Mittelschulen, um wirkliche Inklusion gewährleisten zu können.

Jede Bayerische Schule ist seit 2011 eine „Inklusive Schule“ - theoretisch

Seit 2011 ist die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 in Bayern beschlossene Sache. Seitdem ist jede Schule in Bayern eine „Inklusive Schule“ – in der Theorie. In der Praxis jedoch würden Regelschullehrer (Grund- und Mittelschullehrer) mit zahlreichen Aufgaben konfrontiert, für die ihnen die nötige Ausbildung fehle, und für deren Zeitaufwand sie oft nicht bezahlt würden, wird in dem Papier formuliert. „Wir sind aber keine Sonderpädagogen. Doch nur die könnten die Kinder wirklich so fördern, wie sie es bräuchten“, sagt Gabriele Holzer.

Als Unterstützung haben die Pädagogen bislang lediglich die Möglichkeit, an Förderschulen Mitarbeiter vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) anzufordern, die dann die Kinder betreuen. Aber deren Stundenzahl sei viel zu begrenzt, um effektiv helfen zu können. „Für eine Klasse mit vier förderbedürftigen Schülern bekommt man vielleicht drei MSD-Stunden pro Woche“, klagt Gerhard Röck.

„Ist-Zustand ist Schein-Inklusion“

„Es gibt aber auch Schulen, an denen die Inklusion deutlich besser funktioniert“, fügte sein Kollege Rudolf Weichs hinzu, sogenannte „Schulen mit dem Profil Inklusion“. Dort gibt es einen festangestellten Sonderpädagogen, bessere Ausrüstung und zusätzliche, bezahlte Lehrerstunden. „Aber es sind noch viel zu wenige“, klagt der Pädagoge. Bayernweit seien es etwa 2600, im Landkreis Freising nur drei: die Grund- und Mittelschule Eching, die Grundschule St. Korbinian und die Mittelschule Neustift. Und dieser Ist-Zustand sei „Schein-Inklusion“, postuliert Weichs. Deswegen fordert der Antrag der Standesvertreter zusammenfassend: Jede Schule muss mit den gleichen personellen und finanziellen Ressourcen wie eine „Schule mit dem Profil Inklusion“ ausgestattet werden.

„Es wäre ja schon ein Fortschritt, wenn man überhaupt einmal den Bedarf an sonderpädagogischer Betreuung ermitteln würde. Aber das will ja offenbar keiner, weil dann der akute Handlungsbedarf deutlich würde“, moniert Personalrätin Barbara Brandl. Es müsse deshalb einiges geschehen, denn so wie es bisher laufe, sei keine wirkliche Inklusion umsetzbar.

Max Krimmer

Rubriklistenbild: © dpa

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