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„Man braucht eben Mobilität“, sagt Siegfried Böhm. De r 72-Jährige musste das Autofahren nach einem schweren Unfall vor vier Jahren vorübergehend aufgeben. Nun hat er seine Fähigkeiten in der Fahrschule von Dirk Dlugosch wieder aufpoliert und fühlt sich für den Straßenverkehr gewappnet. 

Debatte

Senioren am Steuer: Sollten sie zum Test?

Landkreis - Vorfahrtsfehler sowie Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren: Das sind laut Deutscher Verkehrswacht die häufigsten Unfallursachen bei Senioren. Tatsache ist: Je älter sie sind, desto höher ist das Unfallrisiko. Um dieses zu vermindern, fordern Unfallforscher einen gesetzlich verpflichtenden Fahrtest. Die Fachleute aus dem Landkreis sehen das kritisch.

Mit Tempo 30 auf der Autobahn: Da staunten die Freisinger Verkehrspolizisten nicht schlecht. Es war vor einiger Zeit, als den Beamten auf der A 92 in Richtung Deggendorf, kurz nach der Anschlussstelle Freising-Ost, ein Pkw auffiel, der im Schneckentempo dahinkroch. Das Auto konnte in einen nahegelegenen Parkplatz gelotst und überprüft werden. Der Fahrer – ein 90 Jahre alter Mann aus Osterhofen – war laut VPI mit der Situation völlig überfordert. Und noch ein Fall: Im Frühjahr wollte ein 92-Jähriger von der Freisinger Straße in Marzling auf die St 2350 Richtung Langenbach einbiegen. Dabei übersah er laut Polizei Freising einen vorfahrtsberechtigten Lkw – es kam zum Zusammenstoß. Verletzt wurde in beiden Fällen niemand. Trotzdem werfen diese Beispiele die Frage auf, ob es einen gesetzlich verpflichtenden Führerschein-Check für Senioren braucht.

Nach Angaben von Josef Demmel von der Polizeiinspektion Freising kam es im vergangenen Jahr auf den Straßen im Landkreis zu insgesamt 5346 Verkehrsunfällen. Daran waren 329 Senioren beteiligt – Unfallverursacher waren sie in 216 Fällen. Diese Zahlen gehen mit denen des Statistischen Bundesamts einher: Laut einer Erhebung haben 67 Prozent der über 64- jährigen Autofahrer, die in einen Unfall verwickelt waren, die Hauptschuld getragen. Bei den über 75-Jährigen waren es sogar drei von vier. Zum Vergleich: Junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren waren 2016 im Landkreis an 428 Unfällen beteiligt – und davon in 240 Fällen die Verursacher. Die „Schuldquote“ ist bei den Jüngeren also niedriger – aber fahren Senioren deswegen unsicherer?

Die Seniorenvertreterin sagt: Tests sind von Vorteil

„Es ist schwer, so eine Aussage zu treffen“, sagt Demmel. „Diese Zahlen sagen ja nichts über die jeweilige Kilometerfahrleistung aus.“ Unstrittig sei dagegen, dass mit zunehmendem Alter die physischen Eigenschaften nachlassen: „Vor allem das räumliche Sehvermögen ist eingeschränkt, wodurch es zu erheblichen Problemen kommen kann. Die Senioren gleichen das aber durch ihre Erfahrung und defensivere Fahrweise aus“, so Demmel. Wenn ein älterer Mensch allerdings öfters im Straßenverkehr auffällig werde, dann gebe es ja die Möglichkeit, ihm die Fahrerlaubnis zu entziehen. „Wir melden solche Fälle der Straßenverkehrsbehörde im Landratsamt. Diese leitet eine Prüfung mit einem Gutachten ein und entscheidet dann über einen eventuellen Führerscheinentzug“, erklärt der Hauptkommissar. Ob es sinnvoll sei, ab einem gewissen Alter generell eine gesetzlich verpflichtende Fahrtauglichkeitsprüfung einzuführen? „Dazu kann ich nichts sagen“, betont Demmel, „Das ist Sache der Politik.“

„Ich bin zumindest für einen Gesundheitstest, der bei Senioren ab 75 Jahren durchgeführt werden sollte. Meines Erachtens kann so ein Check nur von Vorteil sein“, betont Rita Schwaiger, Vorsitzende des Seniorenbeirats des Landkreises. Wenn aber festgestellt werden sollte, dass die physischen Kräfte nicht mehr ausreichen, um sicher im Straßenverkehr agieren zu können, sei dies ein gewaltiger Einschnitt. Dann müsse man an die Vernunft appellieren und nach anderen Möglichkeiten suchen. „Bei der heutigen Verkehrssituation mit einer immer höher aufkommenden Verkehrsdichte ist solch ein Test unbedingt notwendig“, meint Schwaiger. „Zusätzlich wäre ich für Extra-Fahrstunden, um die erworbenen Kenntnisse zu wiederholen und Neuerungen im Straßenverkehr zu erlernen.“

Alexander Fischer von der Freisinger Verkehrspolizei ist der Meinung, dass man das Thema Fahrtauglichkeitsprüfung für Senioren differenziert betrachten sollte – je nach körperlicher Verfassung des Einzelnen. Ein 80-Jähriger könne unter Umständen fitter sein als ein 65-Jähriger. „Wenn die Senioren diese Prüfung nicht bestehen würden und ihren Führerschein abgeben müssten, wären sie in ihrer Mobilität eingeschränkt – vor allem, wenn sie auf ihr Fahrzeug angewiesen sind“, sagt Fischer. „Das wiederum würde bedeuten, dass die Verwandten herhalten müssten, um sie von A nach B zu bringen.“ Das könne man keiner Familie zumuten. Und weiter: „Die Zahl der Unfälle, die durch Senioren verursacht werden, ist ja keineswegs höher als bei den Jungen – eher im Gegenteil.“

Auch Medikamente sind ein Problem am Steuer

Dirk Dlugosch, Inhaber der gleichnamigen Fahrschule in Freising, schildert das Hauptproblem der Senioren: „Sie haben eine Basis, die nicht mehr dem Jetzt-Zustand, entspricht. Natürlich haben sie viel Fahrpraxis, sie sind jedoch nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Verkehrsordnung.“ Die Fahrschulen bieten dafür aber spezielle Auffrischungskurse für Senioren an.

Einer, dieses Angebot wahrgenommen und seine praktischen Kenntnisse jüngst wieder aufpoliert hat, ist der 72-jährige Siegfried Böhm. Nach einem schweren Unfall vor vier Jahren war an Autofahren nicht mehr zu denken – er verkaufte seinen Wagen und konzentrierte sich auf seine Rekonvaleszenz. Inzwischen – Böhm hat unter anderem neue Hüftgelenke bekommen – ist der Freisinger soweit wieder „zusammengeflickt“, wie er sagt. Und wieder bereit für die Straße. „Man braucht eben ein wenig Mobilität“, argumentiert Böhm. Die Fahrstunden bei Erwin Dlugosch haben dem Senior wieder Vertrauen in seine Fähigkeiten gegeben und wieder fit für den Straßenverkehr gemacht. Böhm: „Mein Fahrlehrer war zufrieden mit mir, jetzt kann es wieder losgehen.“ Das neue Auto ist bereits gekauft.

Doch nicht nur fehlende Praxis und Theorie seien problematisch. Dlugosch zufolge müsse man noch zwei weitere Faktoren berücksichtigen: Erstens nähmen viele ältere Mitbürger Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, die die Ärzte verschreiben würden, ohne Einschränkungen in Sachen Fahrtauglichkeit zu berücksichtigen. Zweitens: „Die Generation 65 plus fährt zwar durchaus mit Navigationssystem und kommt damit auch zurecht, lässt es jedoch nicht updaten“, sagt Dlugosch. Die logische Folge: „Die Senioren finden sich etwa in einer größeren Straßenbaustelle nicht mehr zurecht.“ Eine Falschfahrt sei vorprogrammiert. Sein Fazit: Fortbildungen und Auffrischungskurse sollten für die älteren Verkehrsteilnehmer ein Muss sein. Die Theorie allein sei allerdings nicht sinnvoll, sie sollte unbedingt mit der Praxis verknüpft werden. Dlugosch: „Bilden ist besser als prüfen und strafen.“

Patrizia Gottwald, Julia Küttner und Andreas Huber

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