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Ein Angebot für Jung und Alt: Stadtteilauto-Schatzmeisterin Nicole Alexy (r.) mit Tochter Charlotte, Beisitzerin Nicola Zimmermann-Jetter und deren Mann Rainer Jetter. foto: sta

25-jähriges Bestehen

Stadtteilauto Freising feiert Jubiläum: Anfangs waren wir „Verrückte“

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Der Verein Stadtteilauto feiert am Samstag, 23. September, sein 25-jähriges Bestehen in Freising. Im FT-Interview blicken der Vorsitzende des Vereins und einer der Pioniere der ersten Stunde zurück: auf die schwierigen Anfänge, entführte Autos und die schwerwiegendsten Unfälle.

Freising – Sie haben Pionier-Arbeit geleistet: 1992 gründeten neun vorausschauende Bürger den Verein Stadtteilauto Freising. Sie griffen dabei eine Idee auf, die gerade mal vier Jahre zuvor in Berlin erstmals umgesetzt worden war: das Carsharing – mehrere Nutzer teilen sich ein Auto. Das FT hat Vorsitzenden Joachim Joekel (81) und Professor Ernst Schrimpff (78), einen Mann der ersten Stunde, zu 25 Jahren Vereinsgeschichte befragt. 

-Wer hatte die Idee zur Gründung des Stadtteilautos in Freising?

Prof. Schrimpff: Zusammen mit den Freunden des 1989 gegründeten Verein „Sonnenkraft Freising“ haben wir uns 1992 entschlossen, den ersten CarSharing-Verein im Landkreis Freising zu gründen. Unser primäres Ziel war es, der in der Regel schlechten Auslastung von Privatautos das Modell des Teilens von Autos entgegenzusetzen. Oft waren die Privatwagen keine Fahrzeuge, sondern „Stehzeuge“, da sie mehr als 90 Prozent nicht fuhren. Wir haben das Auto nicht als Prestige-Objekt angesehen, sondern als Beförderungsmittel, wenn die Mobilität nicht zu Fuß, per Fahrrad oder mit Bahn oder Bus realisiert werden kann. Die Vorteile lagen auf der Hand: Das Carsharing sorgt für weniger Verkehr, Park- und Stellplätze, ist ressourcen- und umweltschonender und führt zu wesentlich geringeren Festkosten für die einzelnen Mitglieder.

Joekel: Die Verabredung zur Gründung erfolgte im Rahmen einer Mitgliederversammlung des VCD, des ökologischen Verkehrsklubs. Inhaltlich gab es Input von einem Referenten aus Aachen. Die hatten dort schon Erfahrungen. Im Mai 1992 fand dann die Gründungsversammlung statt. Erster Vorsitzender wurde Werner Hillebrand, Geschäftsführer Alfred Schreiber und Schatzmeisterin Maria Hillebrand.

„Ich hab mein Auto verkauft - trotz Bedenken meiner Frau“

-Das erste Fahrzeug des Vereins war ein Ford Fiesta. Woher kam das Geld?

Prof Schrimpff:Die Finanzsituation war anfangs schwierig. Familie Hillebrand und ich haben das dann durch ein zinsloses Darlehen an den Verein gelöst – über jeweils 7000 D-Mark für zwei Jahre.

Joekel: Die Nutzungstermine wurden damals noch telefonisch oder in persönlicher Absprache vereinbart. Wenige Jahre später wurde die Reservierung der Fahrzeuge über die örtliche Taxizentrale abgewickelt. Die Abrechnung erfolgte über Fahrtberichte, die jeder Nutzer im Anschluss an seine Fahrt ausfüllen musste, und die einmal monatlich ausgewertet wurden.

-Wurden Sie 1992 als Exoten betrachtet, weil Sie auf ein eigenes Auto verzichtet haben?

Mann der ersten Stunde: Professor Ernst Schrimpff (78) war schon bei der Vereinsgründung dabei.

Prof. Schrimpff: Natürlich waren wir anfangs „Verrückte“: Ich hatte meinen VW-Variant – auch mit Bedenken meiner Frau – verkauft und die sehr günstige Versicherungspolice auf unser erstes CarSharing-Auto übertragen. Im ersten Jahr war es mit nur einem Auto oft eng und nicht gerade bequem. Aber wir konnten anfangs jedes Jahr ein weiteres Auto hinzukaufen, weil auch die Mitgliederzahl kontinuierlich wuchs. Und spätestens im fünften Jahr funktionierte das Carsharing reibungslos.

-Waren Klimawandel und Verkehrskollaps damals schon Themen, die in der Gesellschaft verankert waren?

Prof. Schrimpff: Den neun Gründungsmitgliedern war der Klimawandel sehr wohl bewusst. Schon damals haben wir von solarbetriebenen Elektroautos geträumt, die sich abgasfrei und nahezu lautlos bewegen können. Einzelne von uns sind mit einsitzigen City-Els und zweisitzigen Twikes gefahren. Für das Twike wurde eine Haltergemeinschaft von vier Mitgliedern gegründet. Das lief allerdings außerhalb unseres CarSharing-Vereins.

„Der Kunde hatte vergessen, den Gang einzulegen“

-Gab es einmal einen größeren Unfall?

Joekel: Bislang gab es erfreulicherweise keine Unfälle mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen. Allerdings hatten wir zweimal Totalschaden: Einmal kam ein Wagen auf der eisglatten Autobahn ins Schleudern, einmal rollte ein Fahrzeug beim Parken auf abschüssigem Gelände weg. Der Kunde hatte vergessen, den Gang einzulegen.

-Hat mal jemand einen Wagen „entführt“?

Joekel: Einmal wurde ein Fahrzeug für 14 Tage entführt. Das war noch zu der Zeit, in der der Fahrzeug-Zugang möglich war, indem man den Autoschlüssel aus dem mechanischen Tresor entnommen hat, ohne vorher zu buchen. Er hat es nach zwei Wochen zurückgestellt. Bislang hatten wir allerdings noch keinen Zahlungserfolg – obwohl er verurteilt wurde.

-Welche Strecke war die Längste, die mit einem Ihrer Wagen je gefahren wurde?

Joekel: Es gab verschiedentlich Buchungen für Urlaubsfahrten nach Südfrankreich, wo bis zu 1800 Kilometer gefahren wurden; auch Geschäftsfahrten von hier nach Berlin und zurück wurden öfter gebucht.

Prof. Schrimpff: In manchen Jahren bin ich für den Urlaub ins Allgäu mit meiner Frau rund 400 Kilometer hin und zurück gefahren.

„Jedes Jahr werden Autos durch neue ersetzt“

-Werden die Autos von den Mitgliedern gut behandelt?

Mann an der Spitze: Joachim Joekel (81) ist seit 2013 Vorsitzender des CarSharing-Vereins.

Joekel:Die gute Behandlung ist zwar eine dauernd ausgesprochene Bitte, aber offensichtlich sind die jeweilig geltenden Beurteilungs-Skalen darüber, ob ein Auto schmutzig ist oder nicht, derart unterschiedlich, dass es hier immer wieder zu Unstimmigkeiten kommt. Jeder Nutzer ist für seine Verschmutzungen verantwortlich, wir schreiben den Reinigungsaufwand gut und gewähren noch eine Anerkennungspauschale.

-Was sind die beliebtesten Autos?

Joekel: Für kurze Besorgungsfahrten werden gern die Mini-Fahrzeuge gebucht. Das sind derzeit die Toyota Aygos; Die Corsas und Yaris sind beliebt für längere Fahrten, die großen Mittelklasse-Fahrzeuge für Urlaub, Besuche und weitere Ausflüge. Der Bus wird einerseits von kinderreichen Familien, oft in Begleitung von Freunden, für den Urlaub gebucht. Und dann haben wir noch den Transporter, der gerne bei Umzügen Verwendung findet.

-Welcher Wagen fehlt noch in Ihrem Fuhrpark?

Joekel: Es könnte sein, dass noch ein kleines Transport-Fahrzeug dazukommt. Im Übrigen werden jedes Jahr zwei bis vier Autos ausgemustert und durch neue ersetzt.

Prof. Schrimpff:Ich würde mir noch ein einfaches Elektroauto wünschen, das erschwinglich ist.

Joekel: Das e-Fahrzeug ist aber erst einsetzbar, wenn bei Rückkehr des Fahrzeugs sofort ein freier Parkplatz mit Ladesäule exklusiv für uns da ist. Sonst ist der organisatorische Aufwand zur Bereitstellung eines aufgeladenen Fahrzeugs zu groß. Ein weiteres Ziel ist es, Carsharing noch stärker in die kleineren Gemeinden zu bringen.

-Können Sie sich vorstellen, je wieder ein eigenes Auto zu haben?

Prof. Schrimpff: Nein. Ich genieße es einfach zu sehr, kein eigenes Auto vor der Tür zu haben, um das ich mich kümmern muss.

Gut zu wissen:

Am Samstag, 23. September, wird von 11 bis 15 Uhr auf dem Hof des TSV Jahn (Fischergasse 23) Jubiläum gefeiert. Nach Grußworten des Vorstands und politischer Vertreter haben alle Gäste Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit den Mitgliedern des Vereins, die über ihre Erfahrungen aus einem Vierteljahrhundert Carsharing und nachhaltiger Mobilität berichten können. Den Besuchern wird Live-Musik und ein Kuchenbüfett geboten. Auch für kalte und warme Getränke ist gesorgt, und Kindern dürfte es ebenfalls nicht langweilig werden. Auf sie wartet ein Programm, unter anderem mit Schminken und Jongleur-Darbietungen.

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