+
Zahlreiche Zuhörer: Dem Publikum im St.-Georg-Haus wurde ein Abend voller Melancholie, aber auch glücklicher Momente beschert.

Ein würdiger Abschluss

Sterben soll kein Tabuthema sein: Hospizgruppe Freising organisiert besondere Lesung

Der Tod wird in einer aufgeklärten Gesellschaft oft als Tabu gesehen. Die Hospizgruppe Freising möchte das anderen - und lud daher zu einer besonderen Lesung ins St.-Georg-Haus ein.

Freising – Der Tod ist in Bayern schon immer eher ein Freund als ein gänzlich Unbekannter gewesen: das Aufbahren des Leichnams, das Beten am offenen Sarg und das nahende Allerheiligen mit den Grabsegnungen vor dem ersten Schnee zeigen es. Allerdings verlieren sich auch hierzulande immer mehr die Schnittpunkte vom Leben zum Sterben, der Tod wird ins Krankenhaus oder ins Seniorenheim verlagert – und wird damit erneut zu einem Tabuthema einer aufgeklärten Gesellschaft.

Ein Sachbuch mit literarischen Kostbarkeiten

Auch deshalb hatte die Hospiz-Gruppe Freising am Freitag zu einer Lesung mit der bekannten Autorin und Soziologin Juliane Uhl eingeladen. In dem voll besetzten Saal des St.-Georg-Hauses las Uhl aus ihrem 2015 erschienen Buch „Drei Liter Tod – Mein Leben im Krematorium“ und schenkte damit dem Publikum einen Abend voller Melancholie und Glück. Denn Uhl ist nicht nur eine begnadete Schriftstellerin der leisen Zwischentöne, sondern auch eine überaus begabte Vortragende. Und obwohl ihre Publikation eigentlich ein Sachbuch ist, finden sich darin literarische Kostbarkeiten, von denen man sich wünscht, es würde ein Roman daraus entstehen.

Teilt ihre Geschichte: Autorin Juliane Uhl las aus ihrem Buch „Drei Liter Tod - Mein Leben im Krematorium“.

In der sehr persönlichen Beschreibung der häuslichen Pflege ihrer an Krebs erkrankten Schwiegermutter umreißt die Autorin die gänzliche Hilflosigkeit im Angesicht des Sterbens. Der Tod, der auf der Bettkante sitzt und wartet, während der Alltag zwischen Infusions-Therapien und ungeöffneten Briefen nicht stillhält. Dann der Sturz der klein gewordenen Angehörigen und damit auch der Fall aus der Hoffnung heraus, es könnte noch ein letztes Wunder geschehen.

Das Nicht-Loslassen-Können, die unruhigen Nächte, aber auch das versöhnliche letzte Bild von Herbstschatten auf der toten Frau in dem viel zu großen Bett. Eindrucks- und liebevoll wählte Uhl ihre Worte, keines davon war fehl am Platz. Es wurde nichts beschönigt oder gar mit einer nahenden Himmelfahrt bemalt, sondern man hörte mit jeder Silbe aus ihrem Mund den tief verwurzelten Respekt gegenüber den letzten Atemzügen.

Ihr Anliegen: Das Vergängliche wieder ins Leben zu bringen

Die Autorin erzählte aber auch über ihre Öffentlichkeitsarbeit für das Krematorium in Halle, über allerlei Skurriles der Branche und der von ihr initiierten Veranstaltungen zum Thema Tod wie die „Stadt der Sterblichen“. Das Vergängliche wieder ins Leben zu bringen, ist ihr ein großes Anliegen. Beeinflusst von ihrem Erfahrungsschatz, ihrem Beisein bei Obduktionen und der Zusammenarbeit mit Hospiz-Vereinen blieben Sätze wie „Den Sarg zugemacht, aber die Augen offen gelassen“ im Saal still zurück. Juliane Uhl ist eine Chronistin einer verlorenen Sterbe-Kultur mit dem Talent zu großer Literatur. Kongenial unterstützt wurde sie bei der Lesung von Musiker Christian Frosch, der einen perfekten Soundtrack in bester Leonard-Cohen-Manier bot.

Vielleicht schafft es die Gesellschaft durch Menschen wie Juliane Uhl, dass der Tod irgendwann nicht mehr eine Entsorgung des Lebens ist, sondern ein würdiger Abschluss. Mit schönen letzten Bildern, an die man sich noch lange erinnern mag – genauso wie an diesen Abend.Richard Lorenz

Lesen Sie auch: Sterben ist für Tara Carroll Alltag: Schon als Mädchen interessierte sie der Tod

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Kinobetreiber wird verkauft: Freisinger Lichtspiel-Träume vorerst geplatzt
Das Cinestar-Kino zieht nicht in den Schlüterhallen ein. Das Unternehmen wird verkauft, der Investor sucht jetzt neue Betreiber. 
Kinobetreiber wird verkauft: Freisinger Lichtspiel-Träume vorerst geplatzt
Freie Wähler zeigen sich kämpferisch - und optimistisch
Es herrscht Zuversicht im Lager der Freien Wähler Moosburg: Am Dienstagabend nominierte der Ortsverband offiziell die Liste für den Stadtrat.
Freie Wähler zeigen sich kämpferisch - und optimistisch
Besuch auf der Brückenbaustelle in Mauern: Das große Chaos blieb aus
Der Bürgermeister aus Mauern hat die „Horrorbaustelle“ Pfettrach und die monatelangen Verzögerungen noch immer im Kopf. Umso euphorischer ist er über die reibungslose …
Besuch auf der Brückenbaustelle in Mauern: Das große Chaos blieb aus
Ohne Licht und Bremse:  Freisinger Radler leben in ihrer eigenen Welt
Weil die Unfallzahlen mit Radfahrern im Herbst und Winter in die Höhe schnellen, leistete die Polizei Freising Aufklärungsarbeit: Sie kontrollierte, beriet und …
Ohne Licht und Bremse:  Freisinger Radler leben in ihrer eigenen Welt

Kommentare