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Seit den 90er Jahren hat der Angeklagte Drogen konsumiert, um seine Schmerzen ertragen zu können - wie er aussagte.

Bericht aus dem Gericht

Täglich mehrere Joints gegen Schmerzen

Marihuana hat einen 41-Jährigen vor Gericht gebracht. Er wurde zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Hintergrund für seinen Drogenkonsum ist ein trauriger. 

Landkreis – Vor 13 Jahren hat er sich die Wirbelsäule gebrochen. Sein Vater leidet an Krebs. Gegen die Schmerzen hilft beiden nur Cannabis. Über ein viertel Kilo Marihuana fand die Polizei im August 2017 in der Wohnung des 41-Jährigen aus dem westlichen Landkreis. Das Amtsgericht Freising verurteilte ihn zu 18 Monaten auf Bewährung. 

Härter als das über ihm schwingende Damoklesschwert der drohenden Inhaftierung, dürften ihn die Bewährungsauflagen treffen. Mit 263 Gramm ziemlich guten Stoffs war der Grenzwert zur nicht geringen Menge im Fall des 41-Jährigen um mehr als das doppelte überschritten. Dem Angeklagten wurde ein Verbrechen zur Last gelegt, der Prozess vor dem Schöffengericht verhandelt. Die Mindeststrafe beträgt ein Jahr Gefängnis.

Schon während der Hausdurchsuchung legte der Angeklagte ein umfassendes Geständnis ab, räumte die Pflanzen und das geerntete Marihuana als sein Eigentum ein. Dabei hätte er es den Ermittlern durchaus schwer machen können. Die Wohnung teilte er sich mit Mitbewohnern. Der Staatsanwaltschaft wäre es nicht leicht gefallen, ihm das Cannabis nachzuweisen.

41-Jähriger konsumiert seit Mitte der 90er

Sein als „werthaltig“ geachtetes Geständnis wog dem Gericht daher umso mehr. Der Angeklagte konsumiert seit Mitte der 90er Jahre - „gelegentlich“, wie er betonte. Nach einem Unfall, als er sich 2005 die Wirbelsäule brach, herkömmliche Schmerzmittel den Dienst versagten, intensivierte er seinen Konsum. „Nichts anderes half mir.“ Alle zwei Stunden einen Joint, zuletzt locker zwei Gramm am Tag. Dann erkrankte sein Vater an Krebs. Auch dem Senior half nur Marihuana gegen die Schmerzen. Den Bedarf für den Vater und sich selbst deckte er mit selbst angebauten Pflanzen. 

Anwältin: Anpflanzung lag „menschlicher Anlass“ zugrunde

Seine Anwältin bat das Gericht, zu berücksichtigen, dass den Anpflanzungen des Mandanten stets ein „menschlicher Anlass“ zugrunde lag. Richter Manfred Kastlmeier verzichtete darauf, den angeklagten Drogenbesitz um den erheblich straferschwerenden Vorwurf des Handeltreibens zu ergänzen. Cannabis hatte der 41-Jährige seinem Vater schließlich nicht weitergereicht, um sich zu bereichern. Gericht und Staatsanwaltschaft war die menschliche Dimension des Falles bewusst. „Wir werden ein gerechtes und angemessenes Urteil finden“, sagte Kastlmeier.

Der Angeklagte ist wegen besonders schweren Diebstahl – 2002 gemeinschaftlich begangen, 2000 im Versuch stecken geblieben – vorbestraft. 2006 wurde er wegen unerlaubten Anbau und Besitz von Marihuana zu zehn Monaten Bewährung verurteilt. Bewährungsstrafen stand er anstandslos durch. 

Angeklagter muss sich Abstinenzprogramm stellen

Da die Urteile teils deutlich über zehn Jahre zurückliegen, hängte Kastlmeier die Vorstrafen für seine Entscheidung nicht übermäßig hoch. Im Ergebnis erkannten Gericht und Staatsanwaltschaft die besonderen Umstände des Falles an. Die 18 Monate bewegen sich im Bereich der Mindeststrafe. Mit der Auflage, sich einem Abstinenzprogramm des Forensisch-Toxikologischen Centrum München, einschließlich dreier Drogenscreenings, zu stellen, wird dem Mann aber unmöglich gemacht, seine Schmerzen und die des Vaters weiter mit Cannabis zu lindern. 

Laut Deutschem Hanfverband erkennen Gerichte eine medizinisch veranlasste Eigentherapie in den seltensten Fällen an. Gerichte im Norden Deutschlands urteilen in der Regel härter, als Richter in Bayern und Württemberg. Der Verband berichtet von einem einzigen Freispruch von Anfang dieses Jahres.

Außerdem wurde dem 41-Jährigen eine DNA-Probe abgenommen. Das ursprünglich gegen Sexualtäter und bei schweren Straftaten wie Kapitalverbrechen eingesetzte Instrument der Ermittlung soll gemäß Gesetzestext bei Straftaten von erheblicher Bedeutung oder gegen die sexuelle Selbstbestimmung Anwendung finden.

Andreas Sachse

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