Zwei junge Männer umarmen sich
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Besondere Verbindung: Niclas (r.) hat seinen Stammzellenspender Raymond 2019 in New York getroffen.

Vier Jahre nach Riesen-Aktion: Niclas und Noah sind geheilt

Typisierung in Freising: 51 Menschen wurden zu Lebensrettern

Freising – Fast 4000 Menschen haben vor vier Jahren bei einer Typsierungsaktion in Freising mitgemacht. 51 davon wurden zu Lebensrettern.

Lebensretter gesucht!“ Unter diesem Motto fand am 18. Februar 2017 eine große Typisierungsaktion in Freising statt. Ziel war es, Stammzellenspender für Noah aus Freising und Niclas aus Kirchdorf zu finden, die an einer lebensgefährlichen Bluterkrankung litten. Heute sind Noah und Niclas geheilt – und 51 der Menschen, die sich damals registrieren ließen, wurden zu Lebensrettern.

Vor vier Jahren suchten die beiden dringend nach einem Stammzellspender. Weil aber immer noch jeder fünfte Patient vergeblich auf seinen genetischen Zwilling wartet und noch viel mehr freiwillige Stammzellspender benötigt werden, haben die Familien von Niclas und Noah gemeinsam mit der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) am Wissenschaftszentrum Weihenstephan und am Josef-Hofmiller-Gymnasium eine Typisierungsaktion organisiert, die ihresgleichen sucht. Jede Familie scharte ein hoch engagiertes Team um sich, das sich für den Erfolg der Typisierungsaktionen einsetzte. Ausgehend von diesen Orga-Teams breitete sich eine Welle der Hilfsbereitschaft über den gesamten Landkreis Freising aus.

Fast 4000 neue potenzielle Spender

Es wurde ein denkwürdiger Tag für die unzähligen Beteiligten, die sich für den Erfolg der Aktion engagierten, denn die Anzahl der Stammzellspender, die sich an diesem Tag neu registrierten, übertraf alle Erwartungen. 3682 neue potenzielle Lebensretter wurden an nur einem Tag in die AKB-Spenderdatei aufgenommen.

Motiviert durch die überaus erfolgreiche Aktion in Freising fanden weitere Typisierungsaktionen statt, etwa in den Audi-Standorten in Augsburg, Singen, und Ingolstadt. Zählt man die Neuregistrierungen dieser Aktionen dazu, haben sich im Zuge der Typisierungsaktionen für Niclas und Noah und anderen knapp 4000 neue Stammzellspender in die weltweit vernetzte Datei der AKB aufnehmen lassen.

51 lebensrettende Transplantate

Zum vierten Jahrestag der Aktion wurde nun eine Zwischenbilanz erstellt, die überwältigend ausgefallen ist. Laut AKB haben bereits 51 Menschen aus dem im Frühjahr 2017 gewonnenen Spenderpool einem Patienten ihre gesunden Stammzellen gespendet. Die lebensrettenden Transplantate wurden in 17 verschiedene Länder transportiert: 26 Spenden blieben in Deutschland. Sieben Transplantate gingen in die USA und nach Kanada. Die restlichen erwarteten Patienten in verschiedenen Ländern Europas, in der Türkei und in Israel. Durch die Rückmeldung der Transplantationskliniken ist bekannt, dass 20 dieser Patienten tatsächlich ihre Krankheit überwinden konnten. Von 21 Patienten gibt es noch keine Benachrichtigung. Es besteht also die Hoffnung, dass auch sie gerettet werden konnten. Leider gibt es Länder, die keine Informationen über den Patienten nach der Transplantation übermitteln, was für die Spender sehr bitter ist, denn schließlich nehmen sie viel auf sich, um einem fremden Menschen zu helfen und diesem möglicherweise ein neues Leben zu schenken.

Genau solche Menschen haben glücklicherweise auch Niclas und Noah gefunden. Beiden wurden im April 2017 die gesunden Stammzellen eines passenden Spenders transplantiert. Es war eine sehr schwere belastende Zeit, aber sie haben sich ins Leben zurückgekämpft.

Noah studiert Sport, Niclas Medizin

Noah, der jetzt 24 Jahre alt ist, hat sein Sportstudium wiederaufgenommen und möchte nach seinem Abschluss in der Physiotherapie arbeiten. Auf die Frage, was er in der Phase des Klinikaufenthalts am meisten vermisst hat, antwortete er: „Ich hab mich am meisten darauf gefreut, einfach wieder ohne Einschränkungen das zu machen, worauf ich Lust habe. Zeit mit meinen Freunden verbringen, reisen, abends unterwegs zu sein und Fußball spielen.“ An die Zeit in der Klinik denkt er so gut wie nicht mehr: „Manchmal vergesse ich sogar, dass ich überhaupt mal in dieser Situation war. Ab und zu habe ich dann aber doch Momente, wo ich an diese Zeit zurückdenke, das macht mir dann schon ein wenig zu schaffen, aber daran merk ich einfach umso mehr, was eigentlich wichtig im Leben ist und wie gut es mir jetzt wieder geht.“ Noah hat bereits Kontakt mit „seinem“ Spender und hofft, dass die Corona-Situation bald ein erstes Kennenlernen zulässt. Darauf freut er sich sehr.

Der 20-jährige Niclas studiert jetzt Medizin und ist als Sanitäter im Rettungsdienst tätig. Er ist überglücklich, dass er sein Hobby wieder ausüben kann: das Schwimmen. „Ein besonderer Moment war, als ich wieder meine Zeiten wie vor der Erkrankung schwimmen konnte.“ Für ihn ist es ganz besonders wichtig „einfach wieder ein ganz normales Leben zu führen“.

Spender in New York getroffen

Anders als Noah konnte Niclas „seinen“ Spender sogar schon kennenlernen: Der 37-jährige Familienvater heißt Raymond und hatte sich spontan entschlossen, von New Mexico nach New York zu reisen, als er erfuhr, dass Niclas und seine Familie dort ein paar Tage verbringen würden. Niclas erinnert sich: „Am 11. August 2019 haben wir uns mitten in New York das erste Mal persönlich getroffen. Mein Herz hat mir bis zum Hals geschlagen und ich war so unglaublich aufgeregt. Ein unbeschreibliches Gefühl.“ Er betont: „Obwohl es ja eigentlich ein ,Wildfremder‘ war, kam es mir bei unserer ersten Umarmung direkt so vor, als ob wir uns schon ewig kennen. Diesen Tag werde ich niemals vergessen.“

Da war was los: Im Wissenschaftszentrum Weihenstephan (Foto) und im Josef-Hofmiller-Gymnasium ließen sich am 18. Februar 2017 insgesamt 3682 Menschen typisieren.

Aufruf zur Typisierung

Niclas und Noah, legen allen, die noch nicht als Stammzellspender registriert sind, dringend ans Herz, sich typisieren zu lassen: Durch die Registrierung habe man die Chance, Leben zu retten und Erkrankten zu helfen, wieder in ihr altes Leben zurückkehren „Ich denke, dass sollte Motivation genug sein, um sich registrieren zu lassen, und gegebenenfalls dann zu spenden“, sagt Noah. Für Niclas steht fest: „Jeder, der sich typisieren lässt, kann das bedeutendste und wertvollste Geschenk der Welt machen – das Leben.“ Er betont: „Es kommt auf jeden Einzelnen an, da die Stammzellspende von weit mehr Faktoren abhängt, als zum Beispiel die Blutspende. So kann es, wie auch bei mir, teilweise extrem schwierig sein, den passenden Spender zu finden.“

Dabei ist es so einfach, potenzieller Lebensretter zu werden: Jeder Gesunde, der zwischen 17 und 45 Jahre alt ist, kann sich unter www.akb.de ein Lebensretter-Set für die Typisierung bestellen. Es kommt kostenfrei nach Hause und enthält alles, was für die Registrierung als Stammzellspender nötig ist. Eine weitere Möglichkeit bietet sich Blutspendern. Denn bei jedem Blutspendetermin des BRK kann man sich als Stammzellspender in die AKB-Datei aufnehmen lassen. Das Blutspendeteam nimmt nur ein zusätzliches Röhrchen Blut ab. Termine findet man unter www.blutspendedienst.com.  

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