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Wenig Hilfe: In der Gastronomie werden Grenzüberschreitungen oft bagatellisiert oder ignoriert. 

„Moralisch habe ich gewonnen“

Übergriffe in der Gastro: Betroffene erzählt ihre Geschichte – und gibt anderen Frauen Rat

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Dass es gerade in der Gastronomie immer wieder zu unangenehmen Situationen für das Personal kommt, weiß Vreni T. Im FT-Interview erzählt sie ihre Geschichte.

LandkreisDie Kampagne „Ist Luisa hier?“ will mitunter in der Gastronomie mehr Bewusstsein schaffen hinsichtlich sexueller Belästigung. Dass es gerade in dieser Branche immer wieder zu unangenehmen Situationen für das Personal kommt, weiß Vreni T. (Name geändert). Sie arbeitet als Bedienung und musste sich oft verbale und körperliche Grenzüberschreitungen gefallen lassen – bis sie sich entschieden hat, zu handeln. Einen dreisten Klatsch auf den Po hat sie zur Anzeige gebracht. Im Interview erzählt sie ihre Geschichte.

Sie sind – nicht zum ersten Mal – von einem Gast belästigt worden.

Es war ein Tag vor Silvester. Der Laden war voll und ich allein im Service. Eine Runde älterer Herren ist mir den ganzen Abend unangenehm aufgefallen. Vor allem einer. Er hat mich die ganze Zeit angestarrt, immer wieder anzügliche Bemerkungen gemacht, wollte Telefonnummer und Adresse.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe versucht, freundlich zu bleiben. Das ist schließlich mein Job. Aber trotzdem habe ich deutlich gezeigt, dass ich keinerlei Interesse habe. Ich fand die Situation sehr unangenehm und übergriffig. Vor allem, weil kein anderer rundherum reagiert hat. Ich war einfach allein mit dieser groben Anmache.

Was ist passiert?

Die Herren kamen beim Gehen an der Theke vorbei. Und beim Gehen hatte ich plötzlich seine Hand auf meinem Po. Seine Bekannten fanden das lustig. Sie haben auch noch drüber gelacht und ganz lapidar gesagt, dass man das ja eigentlich nicht tut.

„Was hätte ich machen sollen? Rumbrüllen?“

Wie haben Sie reagiert?

Ich war so perplex im ersten Moment – und erschrocken. Ich hab ihm dann schon deutlich die Meinung gesagt. Aber ich war auch müde nach dem anstrengenden Abend. Also hab ich das relativ verhalten getan. Scheinbar zu verhalten, denn das wurde mir später zum Vorwurf gemacht: Ich hätte nicht hysterisch genug reagiert. Was hätte ich machen sollen? Rumbrüllen? Ich bin doch schließlich in der Arbeit, da überlegt man sich zweimal, ob man einen Aufstand macht.

Wurden Sie von Ihren Kollegen wenigstens unterstützt?

Leider nicht. Bei vielen scheint die Meinung vorzuherrschen, dass das wohl nicht so schlimm sei. Aber es ist schlimm, und ich sehe nicht ein, warum ich mir so etwas gefallen lassen soll.

Sie waren allein mit der Situation? Das war sicher schwierig.

Ja. Und zuerst habe ich den Fehler auch bei mir gesucht: Hätte ich anders reagieren sollen? Habe ich das provoziert? Habe ich was falsch gemacht?

Sie als Opfer fühlten sich also schuldig?

Genau. Das ist absurd. Mit etwas Abstand hat dann auch die Wut gesiegt. Es ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, und ich habe mich entschieden, mir das nicht gefallen zu lassen und zu handeln.

Lesen Sie auch: Forsa-Studie: Mehr als jede vierte Frau im Job Opfer sexueller Belästigung

Sie haben Anzeige erstattet. Wie fühlten Sie sich?

Es fiel mir schwer. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich überzogen reagiere. Und ich hatte Angst, was die Polizei zu mir sagt. Tatsächlich war der Polizist aber ganz sachlich und toll. Er hat mich ernst genommen, und ich habe mich gut aufgehoben gefühlt. Mit der Anzeige kamen die offiziellen Mühlen in Gang. Ich wurde aufgefordert, Zeugen zu suchen und den Täter zu benennen. Also habe ich recherchiert wie eine Wahnsinnige. Anhand von Fotos habe ich den Täter dann identifiziert. Schließlich hat die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl erlassen mit einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen. Dagegen hat der Täter Einspruch eingelegt, und es kam zur Verhandlung.

Wie ging es Ihnen damit?

Schlecht. Ich war sehr angespannt und nervös. Die Zeugen, das waren vor allem seine Stammtischbrüder, und die haben unpassende Bemerkungen gemacht. Die Richterin hat das einfach laufen lassen. Die Zeugen haben gelogen, sich widersprochen und es wurde auf Nebensächlichkeiten herumgeritten. Das Ganze fühlte sich an wie eine lächerliche Show, und ich habe mich als Opfer nicht geschützt, sondern ausgeliefert gefühlt. Zum Glück waren Freunde dabei und der Polizist. Das hat mir Rückhalt gegeben.

„Ich bin für mich aufgestanden und habe Nein gesagt“

Wie ging die Verhandlung aus?

„In dubio pro reo“, hieß es. Und einer der Zeugen hatte ja, wie schon gesagt, behauptet, wenn das wirklich geschehen wäre, hätte ich einen Tumult veranstaltet. Wahnsinn, oder?

Was raten Sie anderen Betroffenen?

Wenn so etwas passiert, mach’ einen Aufstand. Beziehe sofort andere in die Situation ein, schreibe Zeugen mit Namen und Telefonnummer auf. Außerdem kann ich als Ansprechpartner den Weißen Ring empfehlen. Er unterstützt einen schon sehr. Auch die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises hat mir sehr geholfen.

Wie gehen Sie heute mit dem Vorfall um?

Es hat mich viel Kraft, Zeit und Geld gekostet, und es gab keine Gerechtigkeit. Aber moralisch habe ich gewonnen. Ich bin für mich aufgestanden und habe Nein gesagt. Allerdings fehlt es in der Gesellschaft an Sensibilität für das Thema. Deshalb finde ich Projekte wie „Luisa“ wichtig. Gerade in der Gastronomie werden solche Vorfälle noch bagatellisiert oder ignoriert. Aber es ist nicht okay. Man muss sich das nicht gefallen lassen. Das wollte ich mit der Anzeige nach außen tragen und anderen Frauen und Mädchen Mut machen.

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