Einbürgerung

Wegen Brexit: Brite aus Neufahrn wird Deutscher

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Neufahrn/Freising - Die Briten machen ernst: Premier-Ministerin Theresa May hat den Austritt des Königreichs aus der EU am Mittwoch offiziell beantragt. Der Engländer Allan Parkeist da schon einen Schritt weiter: Der 68-Jährige aus Neufahrn hat seinen ganz persönlichen Brexit  vollzogen.

English Breakfast oder lieber ein Weißwurst-Frühstück? Allan Parker hat die Wahl. Der 68-jährige Brite, der in Neufahrn wohnt, hat seit etwas mehr als einer Woche die deutsche Staatsbürgerschaft. Das FT hat ihn deshalb in die Redaktion eingeladen, damit er davon berichten, wie das so ist, wenn man von einem Tag auf den anderen eine neue Identität hat. Wenn man in der Früh als Engländer aus dem Bett steigt, und sich abends als Deutscher wieder schlafen legt. Möchte er zu dem Gespräch lieber Spezialitäten aus der alten oder der neuen Heimat serviert bekommen? „Ich würde mich über Weißwürste freuen“, sagt er, ohne lange nachzudenken.

Allan Parker spricht fließend Deutsch in diesem schönen britisch eingefärbtem Dialekt, mit dem der Schauspieler Chris Howland den Edgar-Wallace-Filmen in den 60er Jahren so viel Charme verliehen hat. Parker mag erst seit wenigen Tagen die deutsche Staatsbürgerschaft haben, in der Bundesrepublik aber lebt er schon lange.

Deutschland hat ihn magisch angezogen

Geboren und aufgewachsen in Burnley im Nordosten Englands, „am Ende der Zivilisation“, wie er sagt, kam er als junger Diplom-Kaufmann 1978 erstmals geschäftlich nach Deutschland. Parker, der Beleuchtungssysteme für die Industrie verkauft hat, war geschäftlich in Jemen, Jordanien und Irak, auf den Philippinen, in Vietnam und China. Er war überall. Doch er kehrte immer wieder in die Bundesrepublik zurück. Nach längeren Aufenthalten in München entschied er 1984, endgültig hierzubleiben. „Ich bin nicht gekommen, weil es mir in England schlecht ging, sondern weil ich Deutschland vorbildlich finde in der Arbeitsmoral“, berichtet er. „Hier kam mir alles so korrekt und richtig vor. Ich wollte Land und Leute einfach kennenlernen.“ Dafür hat er viel riskiert. Einen sicheren Job in England aufgegeben. Haus und Status. Sich Respekt zu verschaffen, hat Kraft gekostet, die Sprache zu lernen, noch viel mehr. „Das war die Hölle – brutal“, sagt er, während er fachmännisch seine Weißwurst zerlegt.

Deutschland verdankt ihm Tankstellen, die auch nachts hell erstrahlen, weil er die Unterdachbeleuchtung eingeführt hat. „Davor gab es nur an Zapfsäulen Licht, ansonsten war es dunkel“, berichtet er und sagt stolz: „Ich habe nie einen Penny Sozialleistung beansprucht, sondern immer Steuern bezahlt und viele Arbeitsplätze geschaffen.“

Er verdankt Deutschland die Partnerin an seiner Seite. In Deutschland lernte er Barbara, die Liebe seines Lebens, kennen. Parker, Vater zweier Kinder, ist heute noch mit ihr verheiratet. Auch deswegen hat er es immer sehr ernst genommen, hier zu leben. Im Gegensatz zu anderen Engländern, die hier leben, kauft er nicht nur in britischen Shops ein, spricht auch zu Hause immer Deutsch. „Meine Tochter beklagt sich immer, dass sie nicht zweisprachig aufgewachsen ist“, sagt er und lacht.

Der Sprachkurs erweist sich als happig

Deutscher zu werden – daran hat er dennoch lange nicht gedacht. Doch dann kam der Brexit, mit dem Parker wie so viele nicht gerechnet hat. „Es gab viele, die aus Protest so abgestimmt haben“, sagt er. „Aber die meisten wollen einfach diesen Zentralismus nicht. Sie wollen nicht isoliert sein, aber auch nicht diktiert bekommen, wie groß die Duschbrause sein muss.“ Dafür hat er Verständnis. Er selbst war dennoch gegen den Brexit, „weil es mir um die politische Einheit geht und um den Frieden, der damit verbunden ist“.

Der Brexit war für Parker der Auslöser, über die deutsche Staatsbürgerschaft nachzudenken. Nicht nur für ihn. Elf Briten aus dem Landkreis haben seit dem Brexit einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, 23 weitere um Antragsformulare gebeten. „Bei den Engländern, die in der EU leben und dort bleiben wollen, herrscht eine große Unsicherheit“, sagt Parker. Für ihn kam jedoch noch etwas anderes hinzu: dass er schon länger in der Bundesrepublik gelebt hat als in England. Und dass er bis zu seinem Lebensende hier bleiben will. „Da ist mir klar geworden, dass die Zeit dafür gekommen ist.“

Die Weißwürste hat Parker nur zum Teil gegessen „Hat gut geschmeckt, aber war zu viel“, sagt er. Hmm? Ist das jetzt die berühmte britische Höflichkeit? Hätte er doch lieber Rührei, Fried Bread und Champignons gehabt?

Seine Liebe zur bayerischen Küche musste Allan Parker bei seinem Einbürgerungsverfahren nicht unter Beweis stellen. Happig genug waren die Aufgaben dennoch. Vor allem der Sprachtest, den er im Goethe-Institut in München absolvierte, hatte es in sich. „Da war ich selbst überrascht“, berichtet er. Getestet wurden Lesen und Schreiben, Hören und Sprechen. „Zum Beispiel musste ich mir einen Text anhören und danach inhaltliche Fragen dazu beantworten“, sagt er. „Ich habe alles verstanden, aber ich konnte mich einfach nicht an alles erinnern.“ Bestanden hat er trotzdem – im Gegensatz zu einem Leidensgenossen, der ebenfalls fließend Deutsch sprach und trotzdem durchfiel.

Jede Menge Arbeit bedeutete es, alle Schriftstücke aufzutreiben – Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Aufenthaltsgenehmigungen. Papiere, für die er auch die entsprechenden Stempel aus England benötigte. Das bedeutete: sich Papiere schicken lassen, sie übersetzen, wieder nach England schicken, beglaubigen lassen, wieder in Empfang nehmen, zum Landratsamt bringen. „Ich finde es absolut in Ordnung, dass es so gemacht wird“, stellt Parker klar. „Aber das Verfahren ist eben nicht ganz ohne.“

Plötzlich rattert es in seinem Kopf: Wer bin ich eigentlich?

Am 22. März hat er die Einbürgerungsurkunde erhalten. „Die Mitarbeiter im Landratsamt haben sich sehr viel Mühe gegeben“, berichtet er. „Das war eine würdevolle Zeremonie.“ Neben Parker wurden an diesem Tag auch andere zu deutschen Staatsbürgern. Es gab eine kleine Rede, für jeden Applaus und eine schöne Mappe. Was hat Parker bei der Übergabe gedacht? „Dass ich jetzt ein Deutscher mit allen Rechten und Pflichten bin“, sagt er und scherzt: „Zum Glück bin ich für die Bundeswehr schon zu alt.“

Mit einem hat Parker allerdings nicht gerechnet: dass sein Kopf mit dem Erhalt der Staatsangehörigkeit plötzlich zu rattern anfängt. Ständig stellt sich ihm jetzt die Frage nach der Identität. „Bisher war ich ein Engländer in Deutschland, der als Europäer fungiert“, sagt er. „Aber wer bin ich jetzt?“ Komischer Weise fühlt sich die doppelte Staatsbürgerschaft für ihn nicht wie „sowohl als auch“ an, sondern wie „weder noch“. „Ich würde nie sagen, dass ich ein Deutscher bin, auch wenn ich dieses Land im Blut habe.“ Andererseits: Müsste er seinen britischen Pass abgeben, wäre er in England plötzlich Ausländer. „Das ist problematisch.“

Außer Frühstück ist Fußball ein guter Identitätstest. Just an dem Abend, an dem Parker die Urkunde erhalten hat, spielt Jogi Löws Team gegen England. „Ein Freund aus Großbritannien hat mir geschrieben, wie gut ich es habe – jetzt, wo ich Deutscher bin.“ Gemeint war, dass die Nationalelf immer gewinnt. Und mit wem hat er nun mitgefiebert? Verrät er nicht. Er sagt: „Ich habe es gut, weil ich mich immer freuen kann – egal, wer gewinnt.“ 1:0 für Parker.

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