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Weihbischof Bernhard Haßlberger zum Kirchenskandal: „Es ist sehr viel kaputtgegangen“

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Von: Manuel Eser

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Vertrauen zurückgewinnen will Weihbischof Bernhard Haßlberger für seine Kirche. © Lehmann

Diese Studie hat auch die Erzdiözese München Freising erschüttert: Unter den mindestens 1670 katholischen Klerikern, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben sollen, sind auch 94 Priester und vier Diakone aus dem Bistum. Weihbischof Bernhard Haßlberger war dabei, als die Studie bei der Bischofskonferenz in Fulda vorgestellt wurde, und zieht daraus seine Schlüsse.

-In welchem Gemütszustand sind Sie aus Fulda zurückgekommen?

Ich war furchtbar deprimiert. Zwar gab es in der Erzdiözese 2010 auch schon eine Studie. Insofern war mir nicht mehr neu, dass es diese Fälle gegeben hat. Aber ich frage mich trotzdem immer wieder, wie das in der Kirche passieren konnte.

„Diese Zahlen auf ganz Deutschland bezogen sind schon heftig.“

-Haben Sie dieses Ausmaß an sexuellen Missbrauchsfällen für möglich gehalten?

Diese Zahlen auf ganz Deutschland bezogen sind schon heftig. Und die Dunkelziffer ist ja noch höher. Das ganz Schlimme dabei ist der Blick auf die Opfer – auf all die Kinder und Jugendlichen. Und leider sind wir wahrlich nicht die einzige Institution, die sich schuldig gemacht hat.

-Schreckt Sie der Gedanke, dass es auch am Domberg zu sexuellen Missbrauch gekommen sein könnte?

Ich bin jetzt seit 30 Jahren hier und habe nie etwas gehört – auch keine Gerüchte oder Anspielungen aus der Bevölkerung. In den Akten habe ich dazu auch nichts gefunden. Aber wenn etwas gewesen wäre, und wenn es Priester betroffen hätte, die man kennt und schätzt, dann wäre das ein noch viel gewaltigerer Vertrauenseinbruch im direkten Umfeld gewesen.

„Eine Entschuldigung für diese Vorgänge gibt es nicht.“

-Dass es bei Tausenden Priestern schwarze Schafe gibt, ist das eine. Wie aber erklären Sie den Menschen, dass schuldig gewordene Priester wieder an Stellen versetzt wurden, wo sie erneut mit Kindern zu tun hatten?

Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, dass es überhaupt zu solchen Missbrauchsfällen kommt. Dass so etwas gezielt vertuscht wurde, hängt wohl damit zusammen, dass die Opfer offenbar überhaupt nicht gesehen wurden, ihr Leid gar nicht in den Blick genommen wurde. Vielleicht hat man auch gedacht, dass man einen betroffenen Priester mit einer Versetzung wieder in die Spur bekommt. Das wäre aber sehr blauäugig gewesen. Eine Entschuldigung für diese Vorgänge gibt es ohnehin nicht.

-Welche Verantwortung hat die Kirche heute gegenüber den Opfern?

Seit 2010 haben wir in der Diözese von der Kirche unabhängige Ansprechpartner. Das Leid, das die Menschen erfahren haben, kann die Kirche nicht wirklich wieder gut machen, aber wir haben uns 2010 entscheiden, Gelder zur Anerkennung des Leides auszuzahlen. Menschen, die durch Missbrauch aus der Bahn geworfen wurden und am Existenzminimum leben, haben wir noch deutlicher finanziell unter die Arme gegriffen. Wir bezahlen auch Therapien. Manchen aber geht es nicht um Geld. Die wollen einfach als Opfer anerkannt werden. Und auch das müssen wir tun.

„Wir müssen nach Möglichkeit schauen, dass nichts mehr passiert.“

-Wie sollte mit straffällig gewordenen Klerikern oder Seelsorgern umgegangen werden?

Wir haben inzwischen eine Null-Toleranz-Devise. Wir haben eine Rechtsanwaltskanzlei, an die sich Betroffene hinweden können. Wenn sich irgendwo ein Verdacht erhärtet, wird das dem Staatsanwalt gemeldet. Dann muss der Beschuldigte sein Priesteramt ruhen lassen, bis die Justiz gesprochen hat. Im schlimmsten Fall kann er nicht mehr in den priesterlichen Dienst zurück. Dann muss man schauen, wie er überleben kann. Denn viele Möglichkeiten, sich finanziell zu unterhalten, hat ein Priester nicht. In etwas weniger schwerwiegenden Fällen muss gewährleistet sein, dass der Täter nie mehr mit Kindern und Jugendlichen beruflich in Berührung kommt. Aber auch das ist schwierig: So viele Möglichkeiten gibt es nicht, wo man als Geistlicher nicht auf Kinder und Jugendliche trifft.

-Was ist notwendig, um sexuellen Missbrauch in der Kirche einzudämmen?

Eine ganze Reihe von Maßnahmen sind schon ergriffen worden. Wir müssen unsere Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen schulen. Dabei geht es nicht nur darum, dass sie selbst nicht zum Täter werden, sondern auch darum, dass sie wachsam sind und auf Kinder schauen, die sich plötzlich anders verhalten, weil sie eventuell zum Opfer geworden sind. Inzwischen verlangen wir auch ein polizeiliches Führungszeugnis. All das ist keine Garantie, aber wir müssen nach Möglichkeit schauen, dass nichts mehr passiert.

„Die Abschaffung des Zölibats wäre für mache eine gute Lösung.“

-Hat der Zölibat zu der hohen Zahl an Missbrauchsfällen beigetragen?

Wir haben festgestellt, das unreife oder sexuell unsichere junge Männer vom Zölibat angezogen werden, weil unter diesem Deckmantel ihre Sexualität nicht in Frage gestellt wird.

-Marx sieht die Kirche am Wendepunkt. Wäre das der Moment, sich vom Zölibat zu verabschieden?

Mit dem Wendepunkt darf man nicht nur an den Zölibat denken. Wichtiger noch ist, dass die Kirche sich öffnet. Dass sie mehr Transparenz bietet. Dass sie nicht nur im eigenen Saft schmort, sondern externe Berater engagiert. Aber natürlich kann man darüber nachdenken, den Zölibat abzuschaffen. Ich denke, das würde einige Probleme entschärfen und wäre für manche eine gute Lösung. Ich persönlich könnte auch gut mit der Abschaffung des Zölibats leben, weil es mich mit über 70 Jahren nicht mehr betrifft.

-Was macht Ihnen Hoffnung, dass es nun besser wird, und die Kirche Vertrauen zurückgewinnt?

Es ist sehr viel kaputtgegangen. Was mich ein wenig optimistisch macht, ist, dass bei der Konferenz alle Bischöfe allerbesten Willens waren, etwas zu ändern. Ich hoffe, dieser Wille hält an. Dann könnte es uns ganz langsam, Stück für Stück, gelingen, Vertrauen zurückzugewinnen. Darauf hoffe ich sehr.

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