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Nach Missbrauchsgutachten: Erste bayerische Stadt will Papst Benedikt Ehrenbürgerschaft entziehen

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Von: Helmut Hobmaier

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Emeritierter Papst Benedikt
Papst Benedikt beim Besuch 2006 in Freising. Vier Jahre später wurde er zum Ehrenbürger der Domstadt ernannt. © Lehmann

Können Kardinal Wetter und der emeritierte Papst Benedikt Freisinger Ehrenbürger bleiben? Vertreter der im Freisinger Stadtrat vertretenen Parteien tendieren zu einem Nein.

Freising –Es zeichnet sich eine klare Tendenz ab: Sollten sich die im Missbrauchsgutachten erhobenen Vorwürfe bestätigen, kann man an dieser höchsten Ehrenbezeugung der Domstadt wohl kaum festhalten, heißt es aus den Fraktionen. Man müsse auch bedenken, welches Signal man an die Opfer sendet.

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Die Stadt Freising hat sich im Jahr 2010 zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Nach 16 Jahren Pause hatte man gleich zwei Personen zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt – beides hohe kirchliche Würdenträger: Kardinal Friedrich Wetter (Erzbischof von München und Freising von 1982 bis 2008) und dessen Vorgänger Joseph Ratzinger (1977 bis 1982). Beiden wurde jetzt Führungsversagen im Umgang mit Missbrauchstätern sowie fehlende Sorge für die Opfer attestiert. Das vergangene Woche veröffentlichte Gutachten hat den Ruf der beiden Ehrenbürger massiv ramponiert – was für die Stadtrats-Fraktionen Konsequenzen haben müsste.

Fiedler: Können kaum noch Ehrenbürger sein

„Ich glaube nicht, dass beide weiterhin Ehrenbürger bleiben können“, gibt FSM-Fraktionschef Reinhard Fiedler seine persönliche Meinung wieder. Allerdings sei das für den Stadtrat eine derart wichtige Angelegenheit, dass zunächst eine „breite und offene Debatte“ stattfinden müsse. „Wenn die Ehrenbürgerwürde aberkannt werden soll, dann müssen wir das ganz sauber machen“, betont Fiedler. „Dazu bräuchte es eine satte Mehrheit“ – am besten ein einstimmiges Votum wie bei der Ernennung der beiden Ehrenbürger.

Mieskes: „Schwierige Entscheidung“

Als evangelischer Christ hat sich Jürgen Mieskes (CSU) bisher mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche „weniger befasst“, ist nun aber umso schockierter: „Es ist eine riesengroße Schweinerei, dass man das jahrzehntelang unter Verschluss gehalten hat“. Nun müsse der emeritierte Papst „endlich aus der Deckung raus und vor allem auch mithelfen, das Ganze vollständig aufzuklären“. Man müsse jetzt die Basis dafür legen, dass so etwas „einfach nicht mehr passieren kann“. Wenn Joseph Ratzinger helfen würde, das umzusetzen, könne er eventuell Ehrenbürger bleiben. „Er hat ja auch viel Gutes geleistet. Das sollte man jetzt nicht einfach alles löschen“. Mieskes: „Wenn ich jetzt im Stadtrat abstimmen müsste, wäre das eine sehr schwierige Entscheidung“.

Kardinal Wetter
Kardinal Friedrich Wetter war drei Jahrzehnte Erzbischof von München und Freising und ist seit 2010 Ehrenbürger. © Lehmann

Habermeyer: Es fehlt einfach die Einsicht

Für den Grünen-Fraktionssprecher Werner Habermeyer ist die Sache ebenfalls klar: „Es geht nicht, dass wir das in dieser Form aufrecht erhalten“. Grundvoraussetzung für einen Verbleib als Ehrenbürger wäre eine „grundlegende Einsicht in das eigene Fehlverhalten“, was zumindest beim emeritierten Papst nicht erkennbar sei, was ihn, Habermeyer, „besonders schmerzt“. Schon mit Rücksicht auf die Opfer könne daher Joseph Ratzinger kein Ehrenbürger mehr sein. Man werde das brisante Thema nun in der Grünen-Fraktion und im Ortsvorstand besprechen, „um eine gemeinsame Linie zu finden“ und schon bald offiziell Stellung nehmen. Der Grünen-Sprecher liegt dabei im Konsens mit Fiedler: „Es muss hier eine gemeinsame Linie im Stadtrat geben, keine Streiterei“. Habermeyer: „Damit wird aber das Thema wahrscheinlich nicht vom Tisch sein. Es geht auch noch um die Frage, ob kirchliche Missbrauchstäter noch bei uns im Amt sind und womöglich Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben. Dann ergeben sich weitere, womöglich noch viel drängendere Fragen“.

Warlimont: Zuerstdas Gutachten lesen

In Kürze wird sich auch die SPD-Fraktion mit dem heißen Eisen befassen. Angesichts der „enormen Tragweite“ der anstehenden Entscheidung müsse man sich trotz des nötigen Aufwands mit dem fast 1900 Seiten umfassenden Gutachten beschäftigen, fordert Peter Warlimont. „Was im Raum steht , ist ungeheuerlich“, stellt der SPD-Sprecher fest. Man müsse es aber trotzdem selbst „ganz genau anschauen“, wobei es aber für ihn nur „schwer vorstellbar“ ist, dass sich dann etwas anderes ergibt als das, was die Gutachter in ihrer Zusammenfassung geschildert haben. Bei der Entscheidung im Freisinger Stadtrat müsse man dann auch „im Blick haben, welche Botschaft man an die Opfer sendet“, so Warlimont. „Bei mir“, ergänzt der SPD-Stadtrat, „gibt es dabei keine Angst vor großen Namen“. Warlimont: „Wenn sich alles bestätigt, wenn die Verantwortlichen wissen mussten, was geschehen ist – dann stellt sich schon die Frage: Wie kann man da noch Ehrenbürger sein?“

Freitag: Nach jetzigem Stand Aberkennung

„Nach dem heutigen Stand der Dinge: Aberkennung“ – das ist die Meinung von Karl-Heinz Freitag (Freie Wähler). Man müsse freilich vorher das Gutachten lesen, um niemanden vorschnell zu verurteilen. Aber dass sich danach der Eindruck schweren Fehlverhaltens ändert, glaubt auch Freitag nicht.

Und das Kardinal-Döpfner-Haus?

Die Bildungseinrichtung der Erzdiözese auf dem Freisinger Domberg, die gerade aufwändig saniert und zum Teil neu erbaut wird, trägt den Namen von Kardinal Julius Döpfner, der ebenfalls schwer belastet wird. Wird das „KDH“ umbenannt? Laut Ordinariatssprecher Christoph Kappes sei es noch zu früh, um dazu etwas zu sagen. Man müsse erst das soeben vorgelegte Gutachten intensiv studieren. Dann aber „werden wir uns mit dieser Frage auseinandersetzen“.

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