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Innenstadtsanierung

Wilde Straßenszenen in Freising

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Radler, die den Gehweg zur Rennstrecke umfunktionieren. Lkw-Fahrer, die Verkehrsregeln ignorieren. Die Baustelle an der Oberen Hauptstraße in Freising sorgt für wilde Straßenszenen. Manchmal ist das lustig anzuschauen, oft aber auch gefährlich.

Freising – Das war knapp. Gerade noch hat Optiker Wolfgang Buttler seine Kundin am Ärmel erwischt und zurückgezogen. Ansonsten hätte für die Dame der Besuch des Geschäfts an der Oberen Hauptstraße in Freising schmerzhaft enden können. Der Zusammenstoß mit einem über den Gehweg brausenden Radfahrer wäre kaum vermeidbar gewesen. „Das ist kein Einzelfall“, berichtet Buttler. „Manche Kunden kommen schon gar nicht mehr in die Innenstadt, weil sie Angst haben, dass sie von einem vorbeiwischenden Radler auf die Hörner genommen werden.“

Am helllichten Werktag entfernen Lkw-Fahrer Sperren an der Oberen Hauptstraße. Immerhin warten sie mit ihren Fahrmanövern, bis die Ampel Grün zeigt.

Die Verengung der Fahrbahnen und Bürgersteige, die im Zuge der Innenstadtsanierung erfolgt ist, sorgt für wilde Straßenszenen. So reagiert Buttler nicht nur auf Radler verärgert, die den Gehweg zur Rennstrecke umfunktionieren, sondern auch Lkw-Fahrer, die die Sperrung der Oberen Hauptstraße am Kriegerdenkmal offenbar nur als unverbindliche Empfehlung betrachten und ungeniert Richtung Vöttinger Straße weiterfahren. Mit welchen Strategien die Personen hinter dem Steuer auf die Sperren am Ende der Straße reagieren, kann Buttler täglich studieren. Die einen drehen Baken zur Seite, weichen auf den Gehweg aus und quetschen sich zwischen den Barrikaden und dem Karlwirt-Gebäude in die Kreuzung hinein. Dann bleibt die Lücke in der Sperrung, und Fahrzeuge aus allen Richtungen schlüpfen durch das Öhr ins Stadtzentrum. Auch der Reporter muss sich nur zehn Minuten Zeit nehmen, um gleich drei solcher Fälle zu beobachten.

Die anderen, und das ist ebenfalls ein sich ständig wiederholendes Spektakel, drehen vor der Absperrung auf engstem Raum um – und richten immer wieder mal Schaden an. Auf diese Weise wurde Buttler bereits dreimal das an der Hauswand montierte Schild demoliert. Das nimmt der Optiker zumindest an, denn auf frischer Tat ertappt hat er noch niemanden. „Leider“, sagt er und seufzt. Und so bleibt ihm nichts anderes, als sein Wahrzeichen so schnell wie möglich wieder eigenhändig zu montieren. „Denn wenn das runterbricht und auf jemanden drauffällt, dann ist der Teufel los.“

Dann quetschen sich die dicken Fahrzeuge durch die schmale Lücke zwischen den Baken und dem Karlwirt vorbei auf die Vöttinger oder Wippenhauser Straße.

Erst kürzlich sah Buttler, wie der Vorarbeiter der Baustelle einem dreisten Lkw-Fahrer hinterher lief und ihn wild gestikulierend zur Umkehr bewegte. „Das sah schon lustig aus“, berichtet er. Ohnehin flüchtet sich der Geschäftsmann in Galgenhumor. Sein Schaufenster hat er neu geschmückt – inspiriert von der Sanierung. Der Slogan: „Erlebniseinkauf in Freising! Seien Sie gut gerüstet für die nächsten sechs Jahre Baustelle. Wir sorgen dafür, dass Sie den Durchblick behalten.“ Der Optiker setzt aber auch auf die Fantasie im Rathaus. „Die Stadt muss sich was einfallen lassen, damit hier ein gescheites Miteinander möglich wird.“

In der Verwaltung sind diese Probleme bereits bekannt. „Sie haben sich in den letzten Tagen aber in der Tat verschärft“, berichtet Stadtsprecherin Christl Steinhart. Zu beobachten sei eine zunehmende Rücksichtslosigkeit der Verkehrsteilnehmer. Um nach Möglichkeit für Abhilfe zu sorgen, insbesondere was das eigenhändige Versetzen der Baken betrifft, plant die Stadt einen Ortstermin. Im Austausch mit Vertretern der Baufirmen, des Bauhofs und der Polizei sollen mögliche Optimierungsalternativen eruiert werden. „Dabei wird selbstverständlich auch die in der Tat unbefriedigende Situation begutachtet, die sich durch rücksichtslose Radler auf den Gehwegen ergibt“, betont Steinhart. „Natürlich muss bei allen Anpassungen darauf geachtet werden, dass Kinderwagen und Passanten mit Rollatoren ihrerseits noch sicher auf den Gehwegen passieren können und die Zufahrt für die Rettungskräfte jederzeit sichergestellt ist.“

Nach ihnen die Sintflut: Die Baken werden freilich nicht zurückgesetzt. So bleibt eine Lücke in der Sperre, die von anderen Verkehrsteilnehmern gern genutzt wird.

Vom FT auf die Verkehrsverhältnisse auf der Oberen Hauptstraße angesprochen, reagierte Michael Ertl, stellvertretender Leiter der PI Freising, überrascht. Er hatte sich gar nicht vorstellen können, dass Baken auch werktags aus dem Weg geräumt werden. Höchstens abends oder am Wochenende. Das Problem: Würden die Sperren im Boden festgemacht, würden auch fahrberechtigte Lkw nicht mehr durch kommen. Und für ständige Kontrollen fehlen der Polizei die Kapazitäten. Ohnehin läge das Bußgeld nur bei 20 Euro.

Die Stadt appelliert mit Nachdruck an ein verantwortungs- und rücksichtsvolles Miteinander. „Die Baustellensituation fordert Zugeständnisse“, räumt Steinhart ein, weist aber auch darauf hin, dass es sich lohne. „Das zeigt sich in den bereits ausgebauten Bereichen der Unteren Altstadt eindrucksvoll.“

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