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Zuckerhüte im Schafhof Freising: Erinnerungsfragmente in Form bringen

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Eine Ablichtung von Vergangenheit und Gegenwart ermöglicht die Künstlerin Ilona Németh mit ihrem Projekt „Eastern Sugar“. Die Reproduktion einer Zuckerhut-Manufaktur ist dabei als eine partizipative Installation angelegt.
Eine Ablichtung von Vergangenheit und Gegenwart ermöglicht die Künstlerin Ilona Németh mit ihrem Projekt „Eastern Sugar“. Die Reproduktion einer Zuckerhut-Manufaktur ist dabei als eine partizipative Installation angelegt. © Lehmann

Ein Bravour-Stück des Leiters des Künstlerhauses am Schafhof, Eike Berg: Mit dem Projekt „Eastern Sugar“ der Künstlerin Ilona Németh ermöglicht Berg eine Ablichtung von Vergangenheit und Gegenwart.

Freising - Um die 30 Tische stehen in Reih und Glied im Tonnengewölbe des Schafhofs: Auf ihnen könnten Besucher Zuckerhüte herstellen, was ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch nehmen würde. Die beeindruckende Reproduktion einer Zuckerhut-Manufaktur ist dabei als eine partizipative Installation angelegt – also nicht nur eine museale Abbildung von längst Vergangenem. Die Gäste sollen eigentlich selbst Hand anlegen und somit aktiv zur Ausstellung beitragen, denn ein Zuckerhut bleibt dabei immer am Aufstellungsort zurück, sodass die Installation wachsen kann.

Initiiert wurde „Eastern Sugar“ als ein internationales und intradisziplinäres Projekt der zeitgenössischen Kunst von Németh aus der Slowakei – an dem Projekt beteiligt sind sechs Kunstinstitutionen aus sechs europäischen Ländern. Der Fokus der aufwändigen Installation liegt hierbei auf den Veränderungen nach dem Mauerfall – zahlreiche östliche Zuckermanufakturen wurden geschlossen, um Monopol-Stellungen im Westen zu stärken. Diesbezüglich erinnern Fotografien im Archiv des Projektes an jene Fabriken, die vom Kapitalismus „aufgefressen“ wurden. Mit der Installation sollen Erinnerungen fragmentarisch in eine Form gebracht werden – auch als kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des Turbo-Kapitalismus jener Zeit.

Im Erdgeschoß des Schafhofs gehts um Grenzen und Grenzüberwindungen

Im Erdgeschoss des Künstlerhauses beschäftigen sich Künstler währenddessen mit Grenzen und Grenzüberwindungen in der Nachwendezeit. Unter dem Aspekt „Crossing Borders“ zeigt das Künstlerduo Wermke/Leinkauf die fotografische Reproduktion von historischen Archiv-Aufnahmen. Auf dem Archiv-Material testen DDR-Grenzsoldaten Fluchtmöglichkeiten über die Berliner Mauer, um diese sicherer zu machen – oftmals unfreiwillig komisch. Wermke/Leinkauf stellen diese Situationen mit ihrem Projekt „Überwindungsübungen“ nach und thematisieren dabei natürlich auch die aktuelle Flüchtlingsbewegung.

Mit gravierten Zeichnungen auf einer Marmorwand beeindruckt Mladen Miljanovic. Der Künstler aus Bosnien-Herzegowina benützt für den Ausgangspunk seiner „Didactic Wall“ illustrierte Armeebücher aus seiner Zeit als Soldat – diese hat der Künstler zu einem Leitfaden für Flüchtende transformiert.

Wie sich Grenzen inoffiziell überschreiten lassen, untersucht hingegen der Netzkünstler Heath Bunting mit „BorderXing“: Seine Erkundungen dokumentiert dabei Bunting im Internet, mitsamt Kartenmaterial, einem botanischen Leitfaden und Tipps, wie man sich beispielsweise vor Wachhunden verstecken kann. Sein fortlaufendes crossmediales Projekt veranschaulicht dabei nicht nur die Einschränkungen durch physische Grenzen, sondern auch die Grenzen des Internets.

Beide Projekte, „Eastern Sugar“ wie auch „Crossing Borders“, beschäftigen sich somit beeindruckend und zeitweise auch bedrückend mit Veränderungen und den Möglichkeiten, diese zu verstehen oder zu überwinden. Bis auf weiteres bleibt der Schafhof für Gäste allerdings aufgrund der Infektionslage geschlossen.

Richard Lorenz

Lesen Sie auch: Hier wurden Schaufenster für Künstler geschaffen.

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