Im Kampf entzweit: Nach seinem Besuch in Attaching hat Seehofer Sympathiepunkte eingebüßt, die er bei OB Tobias Eschenbacher und Hartmut Binner (dahinter) zuvor hatte.

Zum Rücktritt von Ministerpräsident Seehofer

„High Noon“ mit Horst

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In seiner fast zehnjährigen Amtszeit als Ministerpräsident hat Horst Seehofer auch dem Landkreis Freising mehrfach seine Aufwartung gemacht. Hierzulande erinnert man sich mit zwiespältigen Gefühlen an den scheidenden Landesvater.

In der Schlacht vereint: Bürgermeister Paul Bauer (r.) hat Horst Seehofer mit seinem Besuch in Gammelsdorf glücklich gemacht.

Landkreis – Weihbischof Bernhard Haßlberger hat den Ministerpräsidenten persönlich kennengelernt. Zuletzt hat er ihn bei der Landshuter Hochzeit getroffen. „Er ist ein sehr angenehmer Mensch und Gesprächspartner“, berichtet der Geistliche. Als Politiker sei Seehofer eine imposante Gestalt, als Ministerpräsident habe er Bayern gut repräsentiert. „Er hat aber die ein oder andere Wende zu viel gemacht“, findet Haßlberger. „Da hätte ich mir manchmal mehr Konsequenz gewünscht.“ Zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage. Da sei ihm zur Bundestagswahl etwas zu viel Populismus im Spiel gewesen. Er hätte sich gewünscht, dass der Fokus auf der Integration der bereits angekommenen Flüchtlinge gelegen hätte. „Da aber wurden die Wohlfahrtsverbände und die ehrenamtlichen Helfer allein gelassen.“

Florian Herrmann, CSU-Abgeordneter: „Ohne ihn hätte es keine Realschule Au gegeben.“

Der Gammelsdorfer Bürgermeister Paul Bauer hat Seehofer auf dem Schlachtfeld erlebt. Im August 2013 beging der Ort im Landkreis-Norden die 700-Jahrfeier der Schlacht von Gammelsdorf, und der Ministerpräsident ließ es sich nicht nehmen, zu dieser Großveranstaltung zu kommen. Für Bauer war das eine Riesensache. „Ich habe ihn als sehr souverän empfunden. Zugleich war er aber auch sehr bürgernah. Und er hat eine gute Rede gehalten.“ Über die Schlacht von 1313, bei der Ludwig der Bayer ein österreichisches Heer besiegt hatte, sagte Seehofer: „Die Bayern hatten immer das Glück, auf der Seite der Sieger zu sein. Wenn es uns mal nicht gelungen ist, dann haben wir anschließend die Seiten gewechselt.“

Dass Seehofer die Politik der Wittelsbacher nicht fremd ist, haben die Attachinger feststellen müssen. Denn auch in Sachen 3. Startbahn hat der Ministerpräsident die Seiten gewechselt. Genau das ist Grünen-MdL Christian Magerlvor allem im Gedächtnis geblieben. Der Auftritt des Ministerpräsidenten habe auch bei ihm „Eindruck hinterlassen“. Doch zu früh gefreut: Erst habe Seehofer große Hoffnungen geweckt, diese dann aber allesamt enttäuscht, sagt Magerl. Ansonsten habe er Seehofer als „in der Regel sehr jovial“ erlebt. Bei kurzen Treffen im Lift oder in den Gängen des Landtags sei es aber bei „Smalltalk“ geblieben.

Christian Magerl, Grünen-Abgeordneter: „Im Lift und im Gang ist es bei Smalltalk geblieben.“

Politisch enttäuscht ist auch Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbachervon Seehofer. Dabei hatte er zunächst einen guten Eindruck vom Ministerpräsidenten – nicht nur, weil der sehr angenehm und sympathisch rüberkam, wie der OB betont. „Ich war überrascht, wie detailliert er über den Flughafen Bescheid wusste.“ Doch wie sich Seehofer nach seinem Besuch in Attaching verhielt, hat ihn viele Sympathiepunkte gekostet. Dabei kreidet Eschenbacher Seehofer nicht an, dass der die geweckten Hoffnungen, er würde die 3. Startbahn beerdigen, enttäuscht habe. „Aber er hat versprochen, dass er noch einmal in die Region kommt, um seine Entscheidung zu erklären, und das hat er nicht getan.“

Bernhard Haßlberger, Weihbischof: „Er hat die eine oder andere Wende zu viel gemacht.“

„Auch wenn wir im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Flughafens nicht immer ganz einer Meinung waren, habe ich großen Respekt vor der Leistung des scheidenden Ministerpräsidenten“, beschreibt FMG-Chef Michael Kerkloh seinen Blick auf Seehofer: „Keine Frage, er hat für Bayern viel bewegt. Mit seinem Anspruch, bei politischen Entscheidungen möglichst alle Bürger mitzunehmen, hat er sicher Maßstäbe gesetzt.“ Transparenz und Dialogbereitschaft, für die Horst Seehofer als Regierungschef immer stand, haben wir uns auch als Flughafen München GmbH auf die Fahnen geschrieben und zu einer Maxime unseres unternehmerischen Handelns gemacht. Ich teile auch die Einschätzung von Horst Seehofer, dass der Freistaat Bayern zum Zeitpunkt dieses Regierungswechsels so gut dasteht wie nie zuvor. Und ich freue mich darüber, dass auch der Flughafen mit seinem erfolgreichen Aufstieg zum europäischen Luftverkehrsdrehkreuz dazu beigetragen hat, dass sich der Freistaat so gut entwickeln konnte.“

Mit dem Wort „Abschied“ tut sich CSU-MdLFlorian Herrmann schwer. Immerhin bleibe Seehofer Parteichef und werde in Berlin die starke Stimme Bayerns sein. Die erste Begegnung habe es nach der Landtagswahl 2008 gegeben, als ihm Seehofer persönlich zum Wahlsieg in Freising gratulierte. „Das hätte er ja nicht machen müssen.“ Seehofer, für Herrmann „ein bedeutender Ministerpräsident“, habe Abgeordnete kollegial behandelt, sei immer offen gewesen und, wenn notwendig, ansprechbar. Beispielsweise würde es die Realschule Au nicht geben, hätte Seehofer nicht seinen Argumenten  zugehört, so Herrmann. Und auch in Sachen Startbahn habe er mit Seehofer, obwohl man unterschiedlicher Meinung war, stets „respektvoll“ reden können.

Dieter Thalhammer Alt-OB von Freising: „Seehofer war locker und unkompliziert.“

Ein zwiespältiges Bild zeichnetBenno Zierer vom scheidenden Ministerpräsidenten. „Persönliche Begegnungen mit ihm waren immer positiv“, erzählt der Landtagsabgeordnete der FW. „Bedauerlich“ aber sei, dass Seehofer wichtige Dinge nicht mit der notwendigen Nachhaltigkeit betrieben habe. Stichworte: Digitalisierung, Bildung. Und dann sei da „die Geschichte mit Attaching“, bei der sich Seehofer enttäuschend verhalten habe.

Bei den persönlichen Begegnungen mit Horst Seehofer („Und die gab’s oft“), erinnert sich Freisings Alt-OBDieter Thalhammer, habe sich der CSU-Politiker stets „freundlich gezeigt“. Und: „Er hat ja gewusst, dass ich anderer Partei-Couleur bin als er, aber das war nie ein Thema zwischen uns.“ Vor allem die Begegnung mit Seehofer im Bierzelt während eines Wahlkampfauftritts im September 2009 blieb Thalhammer in Erinnerung. „Da saßen wir Rücken an Rücken und haben uns über die Schulter hinweg miteinander unterhalten. Das war locker und unkompliziert.“

Jener Auftritt Seehofers 2009 war auch der Beginn des Duos Seehofer-Binner. Hartmut Binner, jahrelang Aufgemuckt-Sprecher, weiß noch gut, wie er und Seehofer damals in der Luitpoldanlage aufeinander zugegangen sind. „Das war ein bisschen High Noon.“ Seehofer, so blickt Binner zurück, sei ihm als Mensch und von seiner Art her „sympathisch“ gewesen. Dass sei schon „ein Dilemma“ gewesen, einen Gegner zu haben, der ihm sympathisch war. Und der auch kompetent gewesen sei, wie sich Binner an ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten in der Staatskanzlei erinnert. Freilich: Was bleibe, sei die bittere Enttäuschung, dass Seehofer alles, was er 2015 in Attaching an Hoffnungen geweckt habe, auch wieder zerstört hätte. Binner. „Da ist mir Söder lieber. Da weiß ich wenigsens, wo ich dran bin.“

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