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Menschlicher Synthesizer: Timothy Maxymenko aus Kiew (l.) stellt auf der Leinwand im Beisein des Komponisten Biagio Putignano seine Performance „Aophone“ vor. Bei dem Projekt geben mehrere Leute, die eine Maske tragen, Geräusche und Geschrei von sich. Jede Maske ist an einem Faden befästigt, an dem der „Synthesizer-Spieler“ ziehen kann und so auch den Sound steuert.

Interessante Einblicke bei offenen Ateliers im Europäischen Künstlerhaus

Jaulen und Schreie im Freisinger Schafhof

Zwei Künstler blicken zurück:  Timothy Maxymenko und Biagio Putignano zeigten ihr Werk am Schafhof.

Freising – Das Europäische Künstlerhaus im Schafhof Freising ist nicht nur ein Ort der Ausstellungen von internationalen und einheimischer Künstlern, sondern vor allem auch wichtig für den Austausch von Ideen. Mit oberbayerischen Stipendien ermöglicht das Künstlerhaus einen internationalen Künstler-Austausch zur Förderung des kulturellen Lebens. Am Sonntag lud Eike Berg, Leiter des Künstlerhauses, zum offenen Atelier. In einer Rückschau betrachteten zwei der Austausch-Künstler im Tonnengewölbe ihre Zeit in der Domstadt.

Der 1995 im ukrainischen Kiew geborene Künstler Tomothy Maxymenko arbeitete während seines einmonatigen Stipendiums medienübergreifend mit Sound-Art, Installationen, Bewegungen und Performance. Seine Video-Aufzeichnungen spannten den Bogen zwischen einem Robert-Wilson-Theaterstück und der traumwandlerischen Visualisierung eines Gedichts von William S. Burroughs.

Maxymenkos Kunstanrisse zeigten die Unbeschwertheit eines jungen Wilden, der mit Psyche und Psychose spielt und dabei das Versteckte in der menschlichen Seele offenbart. Es ist deutlich zu bemerken: Der Künstler sucht immerzu nach Dialogen, eine Affinität zu menschlichen Stimmen kann durchaus attestiert werden. Seine Kunst trägt magische Titel wie „Blah-Blah-Machine“.

Aber nicht nur Stimmen faszinieren den Künstler, auch sämtliche Geräusche von unbeachteten Dingen reizen ihn. Mit seinem neuesten Projekt „Howls“ können Besucher die vor Ort in einer Stadt aufgenommenen Geräusche bis ins Unkenntliche verändern. Maxymenko hat auch die Straßenlampe vor seinem Atelier aufgenommen, das statische leise Brummen, und zeigte sich begeistert von der Wandlungsfähigkeit der Geräusche. Ein Brummen wird zu einem Jaulen, ein Jaulen zu einem Schrei.

Ganze drei Monate durfte der italienische Ausnahmekünstler Biagio Putignano im Schafhof leben und arbeiten. Der Komponist und Professor am Konservatorium Bari gilt in Italien als einer der bekanntesten Vertreter zeitgenössischer Musik. Sein Oeuvre umfasst Kammermusik, Opern, aber auch avantgardistische Klanginstallationen. Aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrads gab Putignano in seiner Freisinger Zeit neun Konzerte im Umland, immer in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern.

Gerade die Schnittstelle von Musik und bildender Kunst beherberge eine große Ausdrucksmöglichkeit, so Putignano. Seit zehn Jahren arbeitet der Komponist deshalb auch mit dem Münchner Künstler Helmut Dirnaichner zusammen. So stammt das kongeniale Cover von Putignanos Aufnahmen zu „Lob der Musik“ von Dirnaichner. Auch beschäftigte sich der Musiker mit dem Vorhaben, Bilder in Klänge zu verwandeln.

In der Reflektion bewertete der italienische Künstler seine Zeit in Freising als sehr wichtig. Die Ruhe habe er gut nutzen können, um über philosophische Querverbindungen von der Malerei zur Musik nachdenken zu können.

                                                                                          RICHARD LORENZ

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