Beim Besuch des „Anti-corruption Justice Center“, der gerichtlichen Instanz zur Korruptionsbekämpfung, die die afghanische Regierung 2016 mithilfe der internationalen Gemeinschaft eingerichtet hatte.
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Beim Besuch des „Anti-corruption Justice Center“, der gerichtlichen Instanz zur Korruptionsbekämpfung, die die afghanische Regierung 2016 mithilfe der internationalen Gemeinschaft eingerichtet hatte.

In der Veranstaltungsreihe „Blick in die Welt“

„Bin innerlich sehr aufgewühlt“: Generalleutnant Johann Langenegger berichtet von Einsatz in Afghanistan

  • VonNico Bauer
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In ihrer Videoreihe „Blick in die Welt“ hatte Margarethe Stadlbauer jüngst einen besonderen Gesprächspartner: Generalleutnant Johann Langenegger berichtete von seiner Zeit in Afghanistan.

Fahrenzhausen – Margarethe Stadlbauer aus Unterbruck (Gemeinde Fahrenzhausen), die Referatsleiterin für Regionales Bayern und Kunst in der Münchner Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) ist, hat sich in ihrer Veranstaltungsreihe „Blick in die Welt“ kürzlich einem sehr aktuellen Thema gewidmet und es aus mehreren Perspektiven betrachtet. Während des Corona-Lockdowns hatte sie begonnen, in diesem Format mit HSS-Auslandsrepräsentanten verschiedene Länder vorzustellen. Nun beleuchtete sie Afghanistan und konnte dafür einen aus dem Landkreis Dachau stammenden Experten gewinnen.

Generalleutnant Johann Langenegger ist eine große Persönlichkeit der Bundeswehr und war zeitweise auch Teil der kürzlich zu Ende gegangenen Afghanistan-Mission. Der General ist Kommandeur Einsatz und Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres. Im Gespräch mit Moderatorin Margarethe Stadlbauer gab er tiefe Einblicke in den Alltag von Soldaten und den Menschen in dem Land, das seit Wochen die Schlagzeilen dominiert.

Die politische Perspektive wurde von dem bestens informierten Prof. Dr. Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck beigesteuert, wobei die beiden Herren – ohne sich persönlich zu kennen – sich ihre Aussagen gegenseitig bestätigten.

100 Zuschauer verfolgten Gespräch

Von 2017 bis 2018 war Johann Langenegger als Chef des Stabs im Hauptquartier der Resolute Support Mission in der afghanischen Hauptstadt Kabul im Einsatz. Davor hat er bereits in den Jahren 2010 und 2011 Dienst in Masar-e Sharif im Norden Afghanistans geleistet.

Im Gespräch: Generalleutnant Johann Langenegger war zu Gast bei Margarethe Stadlbauer. Im Rahmen ihrer Video-Reihe „Blick in die Welt“ sprach die Referatsleiterin der Hanns-Seidel-Stiftung mit ihm vor rund 100 Zuschauern über seine Zeit in Afghanistan und die aktuelle Situation im Land.

Nach dem Abzug der westlichen Soldaten aus dem Land, in dem die Taliban mittlerweile wieder enorme Gebietsgewinne verzeichnen, und nach der extrem schwierigen und herausfordernden Evakuierungsaktion von Ortskräften, die für die Bundeswehr tätig gewesen waren, ist der Einsatz nun beendet. Johann Langenegger tut sich schwer, die in der Geschwindigkeit nicht erwartete Machtübernahme der Taliban zu bewerten: „Ich bin innerlich sehr aufgewühlt und weiß noch nicht, was ich von der aktuellen Situation halten soll. Das muss ich alles für mich erst noch sortieren“, sagte er in dem Gespräch mit Margarethe Stadlbauer am Montag, das rund 100 Teilnehmer per Videostream von zu Hause aus verfolgten.

Auslöser war der 11. September

Der Generalleutnant erinnerte an den Anfang der Mission mit dem Bündnisfall durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA, die teilweise auch durch eine Terrorzelle in Hamburg geplant worden waren. Folglich zeigte sich Deutschland solidarisch und nahm an dem NATO-geführten Einsatz zur Bekämpfung des Terrorismus in Afghanistan teil. Langenegger machte auch deutlich, dass die Bundeswehr einen klaren Auftrag von der Politik bekommen habe und man diesen immer wieder mit Präzision erfüllt habe. „Es war nicht unser Auftrag, die Taliban zu vernichten“, sagte Johann Langenegger. „Unsere Aufgabe war die Stabilisierung des Landes durch den Aufbau von afghanischen Sicherheitskräften.“

Der deutsche Generalleutnant kennt den asiatischen Binnenstaat von seinen Einsätzen dort wesentlich besser als viele Menschen, die aktuell über das Land diskutieren oder urteilen. Johann Langenegger sieht viele positive Veränderungen, die der 20 Jahre dauernde Einsatz bewirkt habe. „Denn 2001 gab es dort beispielsweise keine funktionierende Medienlandschaft. Auch wurde eine Infrastruktur für Bildung und Gesundheit erst aufgebaut.“ Diese Entwicklungen verbindet er mit der Hoffnung, „dass das Land nicht wieder in den Zustand von vor 2001 zurückfällt“. Langenegger setzt auf die junge Generation in Afghanistan: „60 Prozent der Bevölkerung sind Menschen unter 18 Jahren. Und die haben bislang in ihrem gesamten Leben nur Aufschwung erlebt.“ Diese Generation habe die Chance, den Geist und die Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre langfristig zu erhalten.

Ungewisse Zukunft

Der Generalleutnant stellte auch Fragen in den Raum wie: „Wer sind die sogenannten Taliban? Wo sind sie? Und wie viele sind sie überhaupt? Und wir dürfen nicht unterstellen, dass jeder Afghane ein Taliban ist.“ Damit deutete er an, dass derzeit niemand genau sagen könnte, wie und wohin sich dieses Land in den nächsten Jahren entwickeln werde. Sowohl Langenegger als auch Politikwissenschaftler Mangott zogen eindeutig das Fazit, dass Fanatismus nicht mit militärischen Mitteln zu beseitigen sei.

Für Margarethe Stadlbauer ergab sich aus dem nach einem zwischenzeitlich auch für alle emotionalen Gespräch das Fazit, „dass wir doch lernen müssen, im Kleinen wie im Großen, dem anderen Menschen oder dem anderen Volk nicht die eigene Sichtweise der Welt unüberprüft überzustülpen“, sagte die Unterbruckerin, die dieses Gespräch mit den beiden Herren so schnell nicht vergessen wird.

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