Interesse an ehrenamtlicher Arbeit ist gering

Freisings THW-Chef Wüst: "Ich sehe mit Sorgen in die Zukunft"

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Freising - Das THW Freising kämpft um Nachwuchs – egal, welchen Alters. Ortsbeauftragter Michael Wüst blickt mit Sorge in die Zukunft. Die eigene Jugendgruppe macht Hoffnung – das generelle Interesse ist aber gering.

Sonntag, 29. November, 14 Uhr. Ein Alarm geht in der Zentrale des Technischen Hilfswerks (THW) in Freising ein. Ein Schlepper hat sich mit einem Flugzeug verkeilt – am Flughafen braucht man dringend Unterstützung. Und die THW-Kräfte rund um den Ortsbeauftragten Michael Wüst legen los: Am Bahnhof flitzt ein Einsatzfahrzeug nach dem anderen vorbei – sie sind auf alle technischen Einsätze vorbereitet. Vor Ort angekommen, müssen sie Metallteile von Schlepper und Flugzeug entfernen und die Unfallstelle bis ins letzte Detail ausleuchten. Um 21.30 Uhr ist der Einsatz beendet – das THW rückt wieder ab.

Für viele Hilfskräfte ist die Unterstützung des THW unverzichtbar – doch eines Tages könnte auf einen Notruf einmal keine Antwort kommen. Dann fahren die blauen Einsatzfahrzeuge nicht mehr durch den Landkreis. Denn: Nachwuchs ist rar gesät.

„Überschaubar“ sei die Menge an Interessierten, die an einer Grundausbildung für das THW teilnehmen wollen, sagt Michael Wüst. Die Bereitschaft, ehrenamtlich zu arbeiten, nimmt ab – so sieht es der Ortsbeauftragte. Ein Grund dafür sei der große Aufwand, der zweifellos mit einem Amt beim THW einhergeht: „Alleine die Ausbildung dauert 120 Stunden, dazu kommen dann noch Dienste und Einsätze.“ Ein solches Hobby sei eben nur schwer planbar. Zudem sei das Freizeitangebot heutzutage so groß, dass das THW oft nicht damit konkurrieren könne – und gerade Schüler investieren ihre spärlichen freien Minuten in andere Aktivitäten. Denn: An den Schulen werde mittlerweile so viel gefordert, dass Kinder, Jugendliche und Studenten oft bis spät abends beschäftigt seien – und ihnen dann einfach die Zeit fehle, sagt Wüst. „Darum wäre es kein Fehler, wenn man im Sozialkunde-Unterricht das Ehrenamt besprechen würde.“ Um die Schüler für die Wichtigkeit des Ehrenamts zu sensibilisieren.

„Ich sehe mit Sorgen in die Zukunft“, sagt Michael Wüst. Und das, obwohl die Lösung so nahe läge: „Es gibt so viel ungenutztes Potential.“ Damit meint er vor allem Senioren – und Frauen. Man müsse weg vom Klischee, dass man als THW-Mitglied ein gestandenes Mannsbild sein müsse. „Einen Kran bedienen, an der Feinmechanik arbeiten – das kann eine Frau genauso wie ein Mann.“ Das selbe gelte für Senioren. Es gebe beim THW auch genügend schmächtigere Männer, die sich mit der Motorsäge nicht so leicht täten – das sei allerdings auch kein Grund zur Verzweiflung. Mit einem Augenzwinkern fügt er an: „Auch Frauen können ihren Mann stehen.“

Traurig sei nur, dass immer erst etwas passieren müsse, bevor sich die Leute für ein Ehrenamt interessieren. „Den großen Zulauf bekommen wir immer nach irgendwelchen Katastrophen“ – zum Beispiel nach Hochwasser-Einsätzen. Das seien dann meist Leute, die nur einen kleinen Anstoß brauchen, um sich zu engagieren. Und doch: Unter dem Strich sind es zu wenig.

Hoffnung schöpft Wüst jedoch aus der Jugendgruppe – da sind regelmäßig rund 20 junge THWler dabei. Die sind zwischen zwölf und 17 Jahren alt – und schon jetzt firm im Gebrauch der Gerätschaften. Aber: Zu Einsätzen etwa bei Unfällen könne man sie noch nicht mitnehmen. In einigen Jahren sollen sie das Grundgerüst des THW bilden.

Außerdem richtet Wüst eine Botschaft an den ganzen Landkreis: „Es muss jeder verstehen, dass es nur funktioniert, wenn wir alle etwas geben.“ Der Egoismus müsse hinten anstehen. „Es gibt nun mal keine Berufsfeuerwehr und kein Berufs-THW.“ Denn, so viel ist für Wüst klar: „Am Ende sind wir es, die um 3 Uhr nachts am Deich stehen.“ Und das geht nur, wenn die Zukunft gesichert ist.

Gut zu wissen

Jeder kann beim THW helfen. Eine Altersgrenze an

sich will Michael Wüst nicht setzen. Fit sollte man allerdings schon sein. Mehr Informationen gibt es beim THW selbst unter Tel. (0 81 61) 74 88 oder auch im Internet unter der Adresse www.thw-freising.de.

Option Ehrenamt - das sagt das Sozialamt

„Eine Gesellschaft ohne Ehrenamt ist nicht denkbar“, sagt Sozialamtsleiter Robert Zellner von der Stadt Freising. Er hat beobachtet, dass viele nicht mehr selbstlos handeln – sondern überall auch den Nutzen für sich selbst suchen. Weniger Freizeit spiele zudem eine Rolle. Um die Bürger für das Engagement zu begeistern, hat die Stadt den Treffpunkt Ehrenamt eingerichtet. „Wir müssen nach wie vor Werbung betreiben“, sagt Zellner. Dabei gelte es zu beachten, dass der Mensch im Mittelpunkt stehe – egal, ob Senior, Jugendlicher oder Kranker. Der Treffpunkt Ehrenamt ist Anlaufstelle für Interessierte: Jeder, der sich engagieren möchte, kann vorbeischauen – und sich ein Bild von den vielfältigen Möglichkeiten machen, wie man sich einbringen kann.

„Es gibt so viele Optionen, wie man das Ehrenamt in den Mittelpunkt stellen kann“, sagt Zellner. Ein Beispiel: Eine Firma stellt einige Mitarbeiter für einen Tag ehrenamtliche Arbeit, beispielsweise bei der Caritas, frei. Dafür übernimmt die vielleicht einmal ein Catering – wichtig ist also, sagt der Sozialamtsleiter, Win-Win-Situationen zu schaffen.

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