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Einer Mondlandschaft gleicht die Grube am Ortseingang von Gammelsdorf. Etwa 180 000 Tonnen Bentonit werden innerhalb der kommenden beiden Jahre gefördert. Derzeit betreibt Clariant-Bergbau etwa 250 Hektar an Abbaufläche und rekultivierbaren Gruben.

Bentonit-Abbau

Besuch in den Gruben: Das steckt hinter dem Bergbau bei Gammelsdorf

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Es gleicht einer riesigen Mondlandschaft, was in der Nähe von Gammelsdorf zu finden ist: Der Bergbau der Firma Clariant. Wir haben einen Blick hinter die Kulissen gewagt und viele Besonderheiten erfahren.

Die größten deutschen, für technische Zwecke nutzbaren Bentonit-Vorkommen liegen beidseits der Isar im Raum Moosburg, Mainburg und Landshut. Seit 1906 wird dort Ton abgebaut. Zunächst im Untertagebau von der Firma Süd-Chemie AG und nunmehr dem Nachfolgeunternehmen, dem Spezial-Chemie-Konzern Clariant. Mit dem Abbau ist es aber nicht getan: Gleich anschließend werden die Gruben wieder verfüllt und rekultiviert.

Nachhaltigkeit ist ein Eckpfeiler der Geschäftsstrategie der Firma Clariant, so schreibt es sich das weltweit operierende Unternehmen jedenfalls auf die Fahnen. Man hat sich dazu verpflichtet, in all seinen Tätigkeitsbereichen proaktiv auf Umweltschutz und Sicherheit zu achten. Das trifft vor allem auch auf den Bergbau zu. Nach Abtragen der Bentonit-Schichten, die seit 1971 ausschließlich im Tagebau gefördert werden, wird die Fläche wieder rekultiviert und im nahezu ursprünglichen Zustand an die Grundbesitzer zurückgegeben. Auf dem jeweiligen Gelände kann dann, wie bereits vor dem Bentonit-Abbau, erneut Forst- oder Landwirtschaft betrieben werden.

Sein Steckenpferd: Klaus Schmidbauer bei einem der Patenbäumchen. Dahinter die Sitzinsel und das Biotop.


„Nachhaltigkeit und ein gutes Einvernehmen mit den Grundbesitzern ist uns sehr wichtig“, betont auch Klaus Schmidbauer. Der 46-jährige Bergbauingenieur ist seit 2015 Leiter Bergbau von Clariant in Kothingried bei Gammelsdorf. Sein Steckenpferd, wie er es selbst nennt, geht aber über die übliche Rekultivierung hinaus. Und er kann auch den blühenden Beweis antreten.

Das wohl Einmalige: Fast alle Bäume haben hier einen Paten

Bis 2015 wurde rund um den Weiler Niederschönbuch in der Gemeinde Hörgertshausen Bentonit abgebaut. Der Großteil der Fläche ging wieder an die Grundbesitzer zurück, doch Schmidbauer „sicherte“ sich ein etwa zweieinhalb Hektar großes Areal, das nach seinen Vorstellungen auch einmal als „Klassenzimmer in der Natur“ oder auch für Treffen von Kunden genutzt werden kann. Dazu wurden im Herbst 2015 insgesamt 300 Bäume gepflanzt – Robinien, Kastanien, vor allem aber Linden. Das sicherlich Einmalige daran: Fast alle Bäume haben einen Paten. 

Auf Messen hatte man bei den Kunden dafür geworben – mit erfreulicher Resonanz, wie sich Schmidbauer erinnert. Die Aussaat einer blütenreichen Buntbrache verwandelte das Grundstück bis vor wenigen Tagen in ein Blütenmeer. Jetzt, Ende August, ist bereits der Rückschnitt erfolgt, wobei dieser abtransportiert wird. „Wir wollen die Rückkehr zu einem nährstoffarmen Boden erreichen, so wie es die Wiesen eigentlich sind“, erklärt Schmidbauer, „doch das dauert Jahre“.

Nach 800.000 Tonnen in zehn Jahren ist Schluss

Mit den Bäumen allein ist es nicht getan. Am Ende des Hangs entsteht eine natürliche Sitzinsel, und unterhalb dessen ist gerade ein Bagger dabei, ein Feuchtbiotop anzulegen – als natürlichen Lebensraum für Amphibien.

Wie bei einer Schokolade kann man den Ton mit den Fingernagel hauchdünn abschaben.


Das ist das Danach, aber davor steht der Bentonitabbau und damit eine Zerklüftung der Landschaft. „Bergbau vor der Haustüre will niemand“, weiß Schmidbauer und verweist noch einmal darauf, dass das Modell, das Clariant betreibt, „unüblich und unkonventionell im Bergbau ist“. Seit Ende April/Anfang Mai hat man am Ortseingang von Gammelsdorf und auch im Ortsteil Kreuzholzen zwei weitere Gruben aufgeschlossen, auch, weil die Grube in Rehbach mit einer Fördermenge von 800.000 Tonnen in zehn Jahren seit Mai ausgetont ist. Dort läuft bereits die Rückverfüllung, und sie wird in den kommenden Jahren rekultiviert.

Von Katzenstreu bis zur Klärung von Bier: Bentonit ist vielseitig

Grundsätzlich werden mehrere Gruben – bis zu fünf – parallel betrieben, erklärt Schmidbauer. Das geschehe vor allem aus rechnerischen Gründen, um jederzeit lieferfähig zu sein. Wichtig sei die Qualität. Und entscheidend ist auch, wo der im Werk Moosburg aufbereitete Bentonit eingesetzt werden soll – Gießerei, Raffination von Speiseölen, Katzenstreu, im Spezialbau, als Tierfutteradditiv oder zur Schönung, Stabilisierung und Klärung von Wein, Bier und Fruchtsäften.

Um sich auf diese Kerngeschäfte konzentrieren zu können, das heißt den richtigen Ton für das richtige Segment auszuwählen und zu gewinnen, hat sich Clariant dazu entschieden, mit den Abräumarbeiten einen externen Dienstleister zu beauftragen.

Plattenbentonit bezeichnet man die graue Masse. Sie kann nicht verwertet und muss abgeräumt werden. Der dunkle Bereich (r.) ist Bentonit, der noch abgebaut wird.


Apropos Abräumarbeiten: Bei den bayerischen Lagerstätten findet man den Ton erst in gut 20 Meter Tiefe, also muss laut Schmidbauer erst einmal im Mittel 16 Meter Erdreich abgetragen werden, bis man auf den verwertbaren Bodenschatz trifft. Die Tonschicht ist dann etwa zwei Meter stark.

Seit kurzem fördert bloß noch Clariant die Tonerde

Auf Sardinien oder in der Türkei sei das Verhältnis genau umgekehrt, erklärt der 46-Jährige. Der qualitativ hochwertige Ton werde nur selten eingeführt. Aus Kostengründen sei so ein langer Weg nicht tragbar, dagegen seien im bayerischen Gebiet mit dem nahen Werk in Moosburg die Logistikkosten niedrig.

Seit Jahresmitte ist Clariant übrigens das einzige Unternehmen, das Tonerde fördert. Da wurde nämlich mit dem bisherigen Mitkonkurrenten Imerys (Landshut) ein Liefervertrag geschlossen. Das heißt, Clariant wird Imerys künftig mit Rohton beliefern, was den Vorteil hat, dass die Bagger besser ausgelastet sind und es für Grundbesitzer nur einen Ansprechpartner gibt.

Übrigens: Das digitale Zeitalter macht man sich auch im Bergbau zunutze. So werden vor Beginn des Abbaus die Gruben zur Vermessung mit Drohnen beflogen und dann am PC ein digitales Geländemodell errechnet. Mit diesen auf einem USB-Stick gespeicherten Daten können dann die Planierraupen – alle mit GPS ausgestattet – exakt arbeiten.

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