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Claudia Müller bietet in Hohenkammer bei Freising Kurse für Waldbaden an.

Gesundheits-Trend immer beliebter

Waldbaden: ein Kurzurlaub für Gehirn und Körper

Waldbaden lindert Stress und fördert die Erholung. Was hinter dem Trend steckt, der in der Gesundheitsvorsorge anderer Länder bereits etabliert ist, lesen Sie hier.

Es bietet Erholung für Körper, Geist und Seele und ist in Japan bereits fester Bestandteil der Gesundheitsvorsorge: Waldbaden liegt auch bei uns voll im Trend. Wir haben mit Claudia Müller, einer echten Waldbademeisterin, über diese Aktivität gegen Stress und für mehr Ausgeglichenheit gesprochen.

Frau Müller, Waldbaden ist ein Trend – aber nicht jeder kann sich darunter etwas vorstellen. Wie würden Sie es erklären?

Es bedeutet das bewusste Verweilen und Eintauchen in den Wald mit dem Zweck, sich zu erholen und die Atmosphäre des Waldes und die Natur aus nächster Nähe mit all seinen Sinnen zu genießen, wieder wahrzunehmen und zu erleben. Die meisten von uns organisieren ihren Aufenthalt in der Natur ähnlich wie ihren Alltag oder den Job: mit festgelegten To-do-Punkten. Wenn sie sich beispielsweise vornehmen, wandern zu gehen, starten sie morgens um acht, mittags muss das geplante Gasthaus oder der Biergarten erreicht werden und am frühen Abend wieder am Parkplatz ankommen, damit man am Abend sich noch mit Freunden, Familie trifft. Oft geht es um schieres Tempo, viel Strecke zu machen. Dabei verkommt die Natur mehr oder weniger zur Kulisse.

Beim Waldbaden ist das anders?

Ja. Dabei drehen wir die Geschwindigkeit runter, lernen, wieder vom Gas zu gehen, legen unsere Ziele beiseite. Man braucht keinen Schrittzähler und keinen Fitness-Tracker. Wir lassen den Moment bestimmen, und tauchen auf eine ganz eigene Art in die Natur ein. Die Sinne sollen uns lenken, nicht die Gedanken, das machen sie am übrigen Tag sowieso ständig. Wann hat man sich denn ganz bewusst, ohne Handy, an einen Baum gesetzt oder sich sogar auf den Waldboden oder die Wiese gelegt, quasi "blöd" geschaut? Oder die Augen geschlossen und für mindestens 20 Minuten nichts gesagt?

Spontane Antwort? Auf jeden Fall viel zu selten.

Ich denke, bei den meisten ist das schon eine Ewigkeit her. Waldbaden ist mehr als nur ein Waldspaziergang. Bei dem ist man so in seinem Gedankenkarussell, mit seinen Themen beschäftigt, dass man das Links und Rechts um einen herum gar nicht mehr wahrnimmt. Viele können einfach nicht abschalten und organisieren im Kopf schon wieder das eine oder andere. Dabei sieht man gar nicht, was neben einem wächst oder gerade hüpft, läuft oder springt. Man bleibt auch nicht stehen und schaut einfach zu den Bäumen hoch in die Baumkronen und beobachtet, wie sich die Blätter und Äste hin- und her bewegen. Ich gestalte sie immer sehr kurzweilig und erzähle noch vieles drumherum, Wissenswertes, aber auch Lustiges. Wie der Wald überhaupt funktioniert, dass man es sich wie ein großes Glasfaser-Netz vorstellen muss. Das Bewusstsein dafür schärfen, was ein Baum eigentlich ist: Eben nicht nur das Holz für meinen Stuhl oder Tisch.

Ein Waldbad ist ein Kurzurlaub für Gehirn und Körper.

An wen richtet sich Waldbaden?

Gerade in unserer hektischen, künstlichen, digitalisierten und genormten Welt sehnen wir uns mehr und mehr nach Ruhe, Klarheit und vor allem nach einem Ort, wo kein Zeitdruck herrscht. Wir befinden uns in einer Leistungsgesellschaft, in der vieles nur noch nach höher, weiter, schneller beurteilt und bewertet wird. Das fängt bereits bei den Kindern in KiTas und Schulen an und geht munter weiter bis zu den Erwachsenen in jedem Alter. Somit ist Waldbaden für jedermann geeignet.

Wie wirkt es sich auf den Körper aus?

Es ist ein Kurzurlaub für Gehirn und Körper. Wenn man sich auf einen Baumstamm setzt und genau lauscht, gönnt man sich schon einen Urlaub von der Geräuschbelastung des Alltags. Es wurde bewiesen, dass es bereits reicht, 100 Meter in einen Wald hineinzugehen, um den Lärmpegel um die Hälfte zu senken. Es ist auch ein Seelenbalsam, da durch die stille Atmosphäre im Wald das Ruhe-Nervensystem aktiviert wird. Dies senkt die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol und kann laut Studien sogar bei depressiven Verstimmungen helfen.

Gibt es noch mehr Effekte?

Es ist auch eine Wohltat für unsere Gelenke. Durch das weiche Moos, Gras und die Herbstblätter wird die Beinmuskulatur angeregt und man schont zugleich Fuß-, Knie- und Hüftgelenke sowie die Wirbelsäule. Durch das achtsame, bewusste Gehen nimmt man die Umgebung auch über den Tastsinn der Füße wahr. Auch die Farbe Grün führt dazu, dass über unser Nervensystem Hormone ausgeschüttet werden, die unser Wohlbefinden steigern. Allein der Anblick eines Baumes oder Sträucher aus dem Fenster wirkt schon beruhigend. Waldluft enthält außerdem sogenannte Terpene, die wir über die Atmung und Haut aufnehmen. Diese gasförmigen Kommunikationsstoffe der Bäume sind für uns Medizin zum Einatmen. Durch sie wird das Hormon DHEA produziert. Das hat auch einen Effekt auf unsere Schönheit, denn DHEA gilt als Anti-Aging-Hormon, weil es den Feuchtigkeitsgehalt der Haut steigert. Das mindert Falten und lässt die Haut frisch und rosig erscheinen.

Das klingt nach einigen guten Gründen.

Licht und vor allem die Farbe Grün, die Textur und Form der Bäume sowie die höhere Menge pflanzlicher Duft- und Botenstoffe im Wald wirken stimmungsaufhellend, senken den Blutdruck und stärken die Immunabwehr. Der eigene Duft eines jeden einzelnen Waldes löst ein Gefühl der Ruhe aus, die Herzfrequenz verbessert sich. Sogar ein positiver Einfluss auf die Zahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen hat sich bewiesen. Diese natürlichen Killerzellen, die für die Abwehr potenzieller Krankheitserreger und Tumore da sind, haben eine entscheidende Funktion für ein intaktes Abwehrsystem des menschlichen Organismus. Übrigens: dieser Zustand hält nachweislich auch noch Tage nach einem Waldbad an.

Gibt es wissenschaftliche Erhebungen, die diese positiven Effekte belegen? Ja. Waldbaden stärkt das Immunsystem, es fördert einen erholsameren Schlaf und fördert die Konzentrationsfähigkeit, der Kopf wird wieder klarer. Der Blutdruck senkt sich nach nur 15 Minuten im Wald. All das ist bereits wissenschaftlich erforscht und Dr. Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio hat höchst eindrucksvolle Studien hierüber erstellt. In Japan ist Waldbaden fest in der Gesundheitsvorsorge verankert und wird auf Rezept verordnet. Dort gibt es bereits über 70 Waldtherapiezentren. Nachgezogen haben außerdem Südkorea, Neuseeland, Finnland, Schweden, Großbritannien und Irland. Auch bei uns hier kommt langsam das Waldbaden an. Es gibt auf Usedom den ersten Heil- und Kurwald, die Berliner Charité plant einen eigenen Waldbadepfad, die Heil- und Kurbäder wollen Waldbaden ebenfalls mitanbieten.

Wie kamen Sie persönlich dazu? Welche Qualifikation haben Sie dazu erworben?

Viele Jahre bin ich in der Hektik der Großstadt meinem Beruf als Versicherungskauffrau nachgegangen. Bis mir mein Herz, mein Körper und Verstand mein Naturell so wachgerüttelt hat, dass ich der Welt der trockenen Zahlen den Rücken gekehrt und mich voll und ganz der Natur gewidmet habe. Seit einigen Jahren betreibe ich aktiv zusammen mit meinem Mann und mit unseren beiden Kindern den Bogensport in der freien Natur. Da habe ich festgestellt, wie gut es ist, sich in der freien Natur zu bewegen. Der Wald gibt mir Kraft und Ruhe. Der Bogenpark befindet sich mitten in einem herrlich gepflegten 15 Hektar großen Mischwald. Dort entstand die Idee, dass ich sehr gerne den Menschen die Bedeutung und Achtsamkeit des Waldes mit ihrer Kraft, Ruhe und dem gesundheitlichen Aspekt näher zu bringen.

Waldbaden ist zu jeder Jahreszeit möglich.

Welche Qualifikation haben Sie sich dazu erworben?

Neugierig auf das Thema habe ich mir zunächst heinige Bücher besorgt, recherchiert und schnell festgestellt: Das ist mein Ding. Letztendlich habe ich eine Ausbildung zur Kursleiterin Waldbaden bei der Deutschen Akademie für Waldbaden in Rheinland-Pfalz absolviert und erfolgreich abgeschlossen. Darüber hinaus werde ich Anfang nächsten Jahres eine Fortbildung für Senioren mit Demenz machen und auch gezielt Jugendliche wieder den Bezug zum Wald näherbringen – anhand von kreativen Streifzügen durch den Wald.

Was braucht man zum Waldbaden?

Nicht viel – vor allem sollte man sich Zeit für sich nehmen. Natürlich wettergerechte Kleidung und festes Schuhwerk, etwas zu trinken, eine kleinen Snack, mehr braucht es nicht. In meinen Kursen verteile ich auch Sitzunterlagen und Regenponchos, falls es regnen sollte.

Geht Waldbaden zu jeder Jahreszeit?

Das ist eben das Schöne: Waldbaden, der Aufenthalt in der Natur, ist bei jeder Jahreszeit und jedem Wetter möglich und jede Jahreszeit hat ihren besonderen Reiz und Schönheit. Ob es das erfrischende, kraftvolle Frühjahr, der Sommer mit all seiner Pracht und Fülle, der farbenfrohe, facettenreiche Herbst oder aber auch der Winter, in dem die Stille dominiert, vieles im Morast und Schnee zu entdecken gibt, ist. Auch bei Regen ist es besonders schön, denn dann riecht alles viel intensiver. Oder auch im leichten Herbstnebel, wenn der Dunst zwischen den Bäumen steht, dann sieht die Waldwelt ganz anders aus.

Wie reagieren Ihre Teilnehmer?

Viele sind erstaunt, wie beruhigend, entspannend und facettenreich der Wald ist. Auch die vielen Kindheitserinnerungen, die durch die Gerüche wieder hochkommen, faszinieren viele. Ich habe sogar einige Teilnehmer gehabt, die Waldbesitzer sind und die den Wald plötzlich mit ganz anderen Augen, viel bewusster wahrnehmen: dass Bäume und Pflanzen Lebewesen sind und nicht nur ein Wirtschaftsgut, mit dem man Profit macht. Sie fühlen sich nach dem Waldbaden viel verbundener mit der Natur und geerdeter.

Was kostet ein Waldbaden-Seminar bei Ihnen?

Meine Kurse dauern entweder zwei, zweieinhalb oder drei Stunden. Hier mache ich auch individuelle Kurse. Bei zwei bis zweieinhalb Stunden kosten diese 29 Euro pro Person, bei drei Stunden 39 Euro. In drei Stunden Waldbaden erleben wir die Sinne, insbesondere das Schmecken, noch intensiver. Aber ich veranstalte auch immer wieder besondere Waldbäder – wie jetzt erst im Sommer das Abend-Waldbaden mit Barfußerfahrung, oder das Vollmond-Waldbaden.

Interview: Armin Forster

Gut zu wissen

Die Kurstermine finden sich auf www.waldbaden-bayern.com, Claudia Müller gibt auf Wunsch aber auch individuelle Kurse. Außerdem bietet sie Einzel- und Paarkurse an. Ihr Angebot ist dabei nicht zwingend an ihren Standort Hohenkammer (Landkreis Freising) gebunden, wie sie betont: "Wenn ein Waldbesitzer gerne Waldbaden bei sich für Gruppen anbieten möchte, komme ich natürlich auch dort hin."

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