Schulleiterin Daniela Nager kritisiert die Schulöffnung trotz Coronavirus. (Symbolbild)
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Schulleiterin Daniela Nager kritisiert die Schulöffnung trotz Coronavirus. (Symbolbild)

Deutliche Worte in der Corona-Krise

„Das ist Wahnsinn“: Schulleiterin kritisiert grob fahrlässige Voraussetzungen für Schulöffnung

  • Helmut Hobmaier
    vonHelmut Hobmaier
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Dass Schulen in der Corona-Krise schrittweise wieder öffnen, ist für Schulleiterin Daniela Nager „Wahnsinn“. In einem Schreiben kritisiert sie das Kultusministerium. 

  • In Bayern öffnen die Schulen trotz Corona-Krise schrittweise wieder.
  • Für die Schulleiterin Daniela Nager ist das „Wahnsinn“.
  • Man sei dafür nicht einmal ansatzweise gerüstet, kritisiert die Leiterin der Grundschule Haag.
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Landkreis – Die geplante schrittweise Öffnung der bayerischen Schulen ist für Daniela Nager schlicht „Wahnsinn“. Man sei dafür nicht einmal ansatzweise gerüstet, kritisiert die Leiterin der Grundschule Haag, die zugleich stellvertretende Vorsitzende des Örtlichen Personalrats (ÖPR) Freising ist und damit 42 Grund- und Mittelschulen im Landkreis vertritt. Sehr kritisch sieht Nager vor allem die Ankündigung des Kulturministeriums, ab 11. Mai womöglich auch die vierten Klassen (Übertrittsklassen) wieder in die Schulen zu schicken.

Die notwendigen Verhaltensmaßregeln, um eine Corona-Ausbreitung unter den Kindern und in der Folge unter den Eltern und Lehrern zu verhindern, würden die Kinder auf Dauer nicht umsetzen können. Ungeklärt sei auch die Schülerbeförderung, die Bewältigung des Unterrichts in Doppelschichten, und wie bei einem Mangel an Desinfektionsmitteln die Hygieneauflagen erfüllt werden sollen, argumentiert die Haager Schulleiterin. Die Kritik Nagers ist Teil eines Leserbriefs, in dem sie „etwas sarkastisch“ ein mögliches Unterrichts-Szenario unter Corona-Auflagen ins Visier nimmt. In voller Länge ist der Brief weiter unten in diesem Artikel zu lesen.

Schulöffnungen in der Coronavirus-Krise: Schulleiterin aus Haag schreibt Brief an Kultusministerium

Nager schreibt darin unter anderem: „Egal, ob ich aus der Position einer Schulleiterin, als stellvertretende Personalratsvorsitzende des ÖPR oder als Privatperson betrachte – ich kann und möchte nicht länger schweigen, denn es ist Wahnsinn, was gerade beschlossen wird. Wie schnell doch vernünftige und verantwortungsbewusste Regeln und Bestimmungen für unsere Gesellschaft über Bord geworfen werden, weil öffentlich Druck aufgebaut wird. Natürlich habe ich vollstes Verständnis dafür, dass Eltern ihre Kinder gerne wieder zur Schule schicken wollen. Viele Kinder vermissen ihre Freunde und wollen wieder zurück in die Normalität. Es gibt aber auch die Anderen, die die Gefahren und die schlechten Voraussetzungen sehen und ihre Kinder am liebsten nicht in die Schule lassen möchten, weil sie vorerkrankte Familienangehörige haben, selbst eine Ansteckung mit COVID-19 fürchten oder bereits Mitglieder der Familie an Corona verloren haben. Das ist ein Schlag ins Gesicht für diese Menschen. Schulen sollen wieder öffnen, ohne dafür auch nur ansatzweise gerüstet zu sein, ohne den geringsten Plan, wie man hier Abstandsregelungen, Hygienestandards, Schutz der Gesundheit von Kindern und deren Familien wie auch die der Lehrkräfte einhalten bzw. gewährleisten soll.“

Die Situation fasst Daniela Nager so zusammen: „Es bereitet mir als Schulleiterin sprichwörtlich schlaflose Nächte, wie ich meine Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und meine Schulfamilie entsprechend schützen kann, und damit stehe ich, das kann ich hier versichern, nicht alleine da. So geht es zahlreichen Kolleginnen und Kollegen in meiner Position. Auch im Personalrat erreichen uns unzählige besorgte Anfragen. Wir stehen in direkter Verantwortung vor Ort. Auch wir wollen möglichst bald wieder zurück in den normalen Schulalltag, aber nicht unter diesen grob fahrlässigen Voraussetzungen.“

Grundschule in Haag: Schulleiterin kritisiert „grob fahrlässige Voraussetzungen“

„Egal, ob ich aus der Position einer Schulleiterin, als stellvertretende Personalratsvorsitzende des ÖPR oder als Privatperson betrachte, ich kann und möchte nicht länger schweigen, denn es ist Wahnsinn, was gerade beschlossen wird. Wie schnell doch vernünftige und verantwortungsbewusste Regeln und Bestimmungen für unsere Gesellschaft über Bord geworfen werden, weil öffentlich Druck aufgebaut wird. Natürlich habe ich vollstes Verständnis dafür, dass Eltern ihre Kinder gerne wieder zur Schule schicken wollen. Viele Kinder vermissen ihre Freunde und wollen wieder zurück in die Normalität. Es gibt aber auch die Anderen, die die Gefahren und die schlechten Voraussetzungen sehen und ihre Kinder am liebsten nicht in die Schule lassen möchten, weil sie vorerkrankte Familienangehörige haben, selbst eine Ansteckung mit Covid-19 fürchten oder bereits Mitglieder der Familie an Corona verloren haben. Das ist ein Schlag ins Gesicht für diese Menschen. Schulen sollen wieder öffnen, ohne dafür auch nur ansatzweise gerüstet zu sein, ohne den geringsten Plan, wie man hier Abstandsregelungen, Hygienestandards, Schutz der Gesundheit von Kindern und deren Familien wie auch die der Lehrkräfte einhalten bzw. gewährleisten soll. Selbst wenn die Kultusministerkonferenz nun gerade Leitfäden entwickelt, sind diese für die Schulen wirklich umsetzbar? Lassen Sie mich etwas sarkastisch werden…

Schulöffnungen trotz Coronavirus: „Schauen wir halt einmal, was passiert“

In Schulen wird nun laut offizieller Aussage aus dem KM auf Maskenpflicht verzichtet. Logisch, da kommt man sich ja auch längst nicht so nahe, wie in einem Supermarkt… Schauen wir halt einmal, was passiert, ob die Infektionszahlen wieder steigen, dann haben wir wieder Zahlen für Statistiken und einen Versuch ist es doch wert, denn Kinder erkranken ja nicht so schwer und die Angehörigen bzw. Lehrkräfte, na ja, was soll`s...wir brauchen ja eine gewisse Durchseuchung, passt doch…

Vielleicht ist die Entscheidung ja auch darin begründet, dass Kinder in der zukünftig zeitlich gestaffelten Pause ihre Brotzeit weiterhin leicht zu sich nehmen und sich auf kleinen Pausenhöfen aus 1,50 m Abstand besser unterhalten können. Nein, es liegt mit Sicherheit nicht daran, dass es keinen Mundschutz für alle gibt…

Nach der Pause werden die Kinder natürlich ordnungsgemäß ihre Hände waschen und mit eventuell kontaminierten Fingern den Wasserhahn und den Seifenspender (sofern vorhanden) anfassen, leise „Happy birthday“ singen, damit die Waschung auch lange genug dauert, den Hahn danach wieder brav zudrehen, um sich am Ende des Prozedere die Viren vom Wasserhahn wieder abzuholen. An diesen Wasserhahn fasst dann das nächste, aus 1,5 m Abstand(!) drängelnde Kind, usw. Dauert bei 15 Kindern ca. 15 Minuten bei einem zugänglichen Wasserhahn…

Schulleiterin übt Kritik an Öffnung von Schulen: „Desinfektionsmittelspender? Fehlanzeige!“

Desinfektionsmittelspender? Leider Fehlanzeige. Die Spender gibt es zwar zu kaufen, aber die Handdesinfektionsmittel nicht. Macht aber nichts, die Wasserhähne (auf den Toiletten und in den Klassenzimmern) und die Toiletten selbst werden ja nun alle drei Stunden desinfiziert, von wem und womit auch immer…Gleiches gilt für die Türklinken, logisch! Vielleicht ist das Reinigungspersonal ja ab 11.05.2020 den ganzen Schulvormittag vor Ort?

Anschließend setzen sich die Kinder ins Klassenzimmer, natürlich mit Abstand, denn wir machen jetzt in Ermangelung von Platz Schichtbetrieb. Jeder Lehrer macht Doppelschichten, das heißt die, die noch da sind, denn viele haben Vorerkrankungen. Sie müssen und haben das Recht, geschützt werden und von „zu Hause aus“ zu arbeiten. In meinem Kollegium wären das mal eben 7 von 15 Lehrkräften, die ich nicht einsetzen dürfte. Wer übernimmt nun deren Doppelschichten, denn mobile Reserven gibt es leider nicht? Ach ja, wir sollen ja nur noch Kernfächer unterrichten. Das sind ja dann eh nur noch ein paar Stunden pro Klasse, aber in Doppelschicht, wie gesagt…

Schulöffnung trotz Coronavirus: Kann das an einer Grundschule funktionieren? 

Gehen die Kinder der ersten Schicht nach ihren Pflichtfächern heim oder müssen sie beaufsichtigt werden? Aber von wem? Die Vollzeit arbeitenden Lehrkräfte leisten ja gerade ihre Doppelschichten ab und die Teilzeitlehrkräfte, die kleine Kinder oder pflegebedürftige Angehörige haben, sind ja in der zweiten Schicht nicht mehr vor Ort. Blöd, wer unterrichtet nun die andere Hälfte der Klasse und wer beaufsichtigt nun auch noch die Kinder, die eine Notbetreuung in der jeweils anderen Schichthälfte in Anspruch nehmen, weil deren Eltern arbeiten müssen. Das müssen dann wohl die Lehrer mit Vorerkrankungen „von zu Hause aus“ machen, denn die anderen sind im Unterricht und dürfen aus Gründen der Abstandsregelungen nicht noch mehr Kinder in die Klassen aufnehmen. Oder Fachlehrer übernehmen diese Aufgabe, die nun, weil der Stundenplan nicht mehr greift, an drei oder vier Schulen gleichzeitig Kinder hüten sollen. Und wann kommen die Kinder der zweiten Schicht in die Schule? Holt sie der Schulbus dann einfach später? Passen deren Eltern so lange auf sie auf? Denn in der Schule sind gerade alle anwesenden Lehrkräfte mit ihrer ersten Doppelschicht beschäftigt und wie gesagt, der Mindestabstand 1,5 m lässt eine Aufnahme weiterer Kinder in die Klassenzimmer nicht zu! Oder wird da nun plötzlich mit zweierlei (Meter)Maß gemessen? 

Schulöffnugnen in der Corona-Krise: Wie soll die Fahrt im Schulbus funktionieren?

Stichwort Schulbus: Fährt dieser nun auch in Doppelschichten, um Kinder nicht dicht an dicht zu transportieren? Setzen die Kinder im Bus ihre Masken auf, die sie in der Schule dann ja wieder abnehmen dürfen, um sie nach der Schule wieder aufzusetzen, wenn sie mit dem Bus nach Hause fahren oder mit Papa oder Mama zum Einkaufen gehen? Kommen die Kinder nun auch gestaffelt zur Schule und werden sie gestaffelt abgeholt, um sie zu entzerren?

Natürlich kann ich den Viertklässlern schon recht gut erklären, was nun wichtig wäre und wie sie sich verhalten sollten. Sie verstehen die Problematik. Theoretisch, für den Moment, aber jeder vom Fach weiß, dass die Halbwertszeit solcher Regeln ca. einen Schultag beträgt und sich noch halbiert, wenn man die beste Freundin unterhaken will oder der Erzfeind einen gerade wieder schief angesehen hat. Sie steigt exponentiell, umso jünger ein Kind ist. Was macht wohl ein sechsjähriges Schulkind, dem man sagt “Fass nicht in dein Gesicht!“ Natürlich fasst es sich ins Gesicht wenn die Nase juckt, natürlich feixt es mit Mitschülern herum, natürlich umarmt es spontan den besten Kumpel oder gar seine Lehrerin/seinen Lehrer, natürlich vergisst es auch mal das Händewaschen und wenn man es `zig mal daran erinnert, natürlich wird es auf dem Pausenhof Fangsti spielen oder im Bus die neuesten Sammelkarten tauschen wollen. Wir sprechen von 6 bis 10jährigen Kindern und nicht von Erwachsenen. Was verlangt man hier von Grundschülerinnen und -schülern, welche Verantwortung legt man in deren Hände und in die der Lehrkräfte, die dies in jeder Minute eines Schultages bei allen Schülern kontrollieren und unterbinden sollen? Ist das wirklich möglich? Ist das ein gewolltes Experiment?

Schulleiterin aus Haag übt Kritik: „Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es vielleicht fast amüsant“

Mir ist schon klar, ich argumentiere mit einer gewissen Portion Sarkasmus und wenn es nicht so traurig wäre, wäre es vielleicht fast amüsant. Aber eines möchte ich hier bitterernst sagen. Ich möchte keinem der Verantwortlichen, die diese fatalen Entscheidungen gerade am runden Tisch treffen, jene wirklich schwere Bürde zumuten.

Nämlich der Bürde einer Familie, Lehrkräften oder sonstigem schulischen Personal gegenübertreten zu müssen, die bzw. das aufgrund der in der Praxis kaum umsetzbaren unzureichenden Schutzmaßnahmen an Schulen Covid-19 in ihre Familien geholt und womöglich sogar Menschen daran verloren haben.

Die Bürde ihnen erklären zu müssen, weshalb man billigend in Kauf genommen hat, dass Menschen sich mit einem unter Umständen tödlichen Virus anstecken konnten, nur weil man schnell bequeme Lösungen anbieten wollte.

„Bereitet mir schlaflose Nächte“ - Schulleiterin übt vor Schulöffnung in der Corona-Krise Kritik

Es bereitet mir als Schulleiterin sprichwörtlich schlaflose Nächte, wie ich meine Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und meine Schulfamilie entsprechend schützen kann und damit stehe ich, das kann ich hier versichern, nicht alleine da. So geht es zahlreichen Kolleginnen und Kollegen in meiner Position. Auch im Personalrat erreichen uns unzählige besorgte Anfragen. Wir stehen in direkter Verantwortung vor Ort. Auch wir wollen möglichst bald wieder zurück in den normalen Schulalltag, aber nicht unter diesen grob fahrlässigen Voraussetzungen.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Glaubt die Gesellschaft wirklich, dass ein Kind keine akademische Laufbahn einschlagen kann, weil es während seiner 13jährigen Schulzeit einmal einige Wochen nicht optimal beschult wurde? Dann wären bislang alle verunfallten, länger erkrankten oder auf Kur befindlichen Kinder zum Scheitern verurteilt gewesen… Bisher ist mir das in meiner 30-jährigen Lehrerlaufbahn noch nicht zu Ohren gekommen.“

Aktuelles im Landkreis Freising - Auch zum Thema Coronavirus

Am Montag kehren die Abschluss-Schüler zurück – ohne vorgeschriebenen Mundschutz. Freisings BLLV-Chefin sagt: „Ich hätte die Schulen noch nicht geöffnet.“

Die Entwicklungen und Neuigkeiten zum Coronavirus in Freising lesen Sie immer aktuell hier. 

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