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Das allererste Motorrad der Welt: Wer den Daimler-Reitwagen aus dem Jahr 1885 starten wollte, musste einiges Geschick aufbringen. Geschätzte Höchstgeschwindigkeit: zwischen 10 und 15 km/h.

Besondere Ausfahrt

Feuerstühle aus der Kaiserzeit geben sich in Haag ein Stelldichein

Haag - Die ganze Woche war es beschaulich in der Haager Schlossallee, einem der schönsten Biergärten im Landkreis Freising. Am Wochenende aber verwandelte er sich zum Start- und Zielpunkt einer ungewöhnlichen Ausflugsfahrt, die heuer zum sechsten Mal stattfand.

Genau 101 Besitzer uralter Motorräder bis zum Baujahr 1924 trafen sich zur 6. Kaiserzeitausfahrt. Die vielen alten Feuerstühle aus längst vergangener Zeit verwandelten die romantische Schlossallee in ein Zweirad-Museum der besonderen Art. Teilnehmer kamen diesmal nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, der Schweiz, aus Schottland, England, den Niederlanden, aus Belgien und Frankreich.

Die knatternden Oldtimer-Kisten aus der Kaiserzeit waren bereits am Freitag eingetroffen, standen am Samstag in Reih’ und Glied und waren so im Biergarten zu bestaunen. Die längste Anfahrt per Achse hatte zweifellos ein Fahrer aus der Schweiz, der auf seiner Tin Lizzi aus dem Jahr 1914 nach Haag kam.

Absoluter Höhepunkt der 6. Kaiserzeitausfahrt war in diesem Jahr die Vorführung des allerersten Motorrades der Welt: ein fahrbereiter Daimler-Reitwagen aus dem Jahr 1885, der am Samstagnachmittag entlang der gesperrten Zufahrt zur Schloss-Allee auf mit Eisen beschlagenen Holzrädern knatterte. Die Fahrleistungen dieses historischen Gefährts sind sicher Lichtjahre von dem entfernt, was man heute von Motorrädern kennt. Der aufrecht stehende Einzylinder-Motor hat so viel Hubraum wie ein Bierglas und ist nur sehr schwer zu starten. Als der heiße Ofen dann endlich rund lief, rumpelte der Reitwagen im Kriechgang mit nur wenigen PS über die Straße und beschleunigte vielleicht auf 10 bis 15 Kilometer pro Stunde.

„Bei diesem geringen Tempo war es nicht ganz einfach, die Balance zu halten“, berichtete einer, der die Maschine ausprobieren durfte. Mit einer Hand musste er die dünne Lenkstange halten, mit der anderen krallte er sich um den Fahrhebel auf dem Rahmen, an dem ein Seilzug befestigt ist. Zog er den heran, spannte sich ein Lederriemen und übertrug die Motorkraft auf das Hinterrad. Wenn er ihn nach vorn drückte, löste sich der Riemen, und es drückte nun eine riesige Bremsbacke gegen das Rad aus Eschenholz.

Der von Werner Thum vorgestellte Reitwagen stammte allerdings nicht aus der Gründerzeit der Daimler-Werke. Er ist ein relativ junger Nachbau und steht normalerweise im Hockenheimer Rennsportmuseum. Das Original von 1885 wurde leider bei dem verheerenden Werksbrand von 1903 zerstört.

Akribisch organisiert war die Kaiserzeitausfahrt von Otto Schwarz und dem bewährten Team, bestehend aus seiner Ehefrau Irmgard, Harro Mulzer, Franz Pelkermüller, Andreas Huber und Thomas Stauffert. Da gab es einen genauen Plan über die Startnummern sowie eine Landkarte, auf der die geplante Route ganz genau eingetragen war – zusammen mit Treffpunkten, den Einkehrmöglichkeiten und dem Gefälle der Strecke.

Gestartet wurde am Sonntagmorgen gegen 10 Uhr nach einer festgeschriebenen Reihenfolge, nachdem die Ingenieure vom TÜV Süd alle Maschinen auf ihre Verkehrssicherheit geprüft hatten. Im Minutentakt wurden die Teilnehmer je nach Alter ihrer Fahrzeuge auf die Fahrt geschickt. Zuvor erklärte Otto Schwarz die technischen Einzelheiten jeder Maschine. Danach starteten die Fahrer auf ihren heißen Öfen und tuckerten gemeinsam von Haag über Marchenbach, Nandlstadt, Tegernbach, Mainburg, St. Johann, Siegenburg und Biburg nach Abensberg zum Hundertwasser-Turm. Am Nachmittag ging es dann über Kirchdorf, Wildenberg, Pfeffenhausen, Volkenschwand, Mauern und Inkofen zurück in den Haager Biergarten.

Mit dabei waren längst vergessene Motorrad-Marken wie Achilles, Delta Gnom, Soyer oder Lanco sowie Peugeot und Triumph, aber auch einige uralte Harley Davidson und klingende Namen wie NSU, Wanderer, Royal Einfield oder Husquarna. Am Ende wurden die beteiligten Fahrer mit einer Medaille geehrt. Ein schönes Erinnerungsstück an eine wunderbare Sternfahrt.

Wolfram Riedel

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