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„jetzt red i“: Massive Kritik an Schul-Situation – Kultusminister verteidigt Pläne

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In der Arena: 130 Gäste hatten Karten für „jetzt red i“ ergattert, die Nachfrage war deutlich größer. Auch im Internet diskutierte eine große Zahl von Eltern, Lehrern und Schülern mit, wie Co-Moderatorin Franziska Schöberl schilderte. © Oestereich

Mehr Arbeit, aber keine bessere Bezahlung: Bei „jetzt red i“ in Hallbergmoos kritisierten Experten die Situation an Schulen scharf. Kultusminister Piazolo verteidigte seine Pläne jedoch.

Hallbergmoos – „Lehrer“ steht laut einer aktuellen OECD-Studie bei Frauen als Berufswunsch an Nummer eins: Als diese Nachricht vor Sendungsbeginn über den Bildschirm lief, wurde in der Hallberghalle bitter gelacht: 130 Lehrer, Eltern und Schüler hatten sich in der „Arena“ der BR-Sendung „jetzt red i“ versammelt, um mit Kultusminister Michael Piazolo und Simone Strohmayer (SPD) über die Situation an Schulen zu diskutieren. Der Minister musste sich viel Kritik anhören, verteidigte aber seine Pläne, Lehrern Mehrarbeit aufzubürden, um das Fehlen von 1400 Kräften an Grund-, Mittel- und Förderschulen im kommenden Schuljahr zu kompensieren.

„Wir schaffen es einfach nicht mehr“

Die wöchentliche Arbeitszeit soll um eine Stunde von 28 auf 29 steigen, die der Teilzeitarbeit von 21 auf 24. Schon die erste Wortmeldung von Karin Kindler, seit 34 Jahren Lehrerin, zeigte, dass die Änderung an die Substanz gehe: Wie viele ihrer Kollegen arbeite sie gerne, sei „nicht jammerig“. „Aber wenn mehr dazu kommt, laugen Sie uns aus. Wir schaffen es dann einfach nicht mehr.“ Die älteren Lehrer träfe es, wie sie hinzufügte, am härtesten.

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Gleich geht’s los: (v. l.) BR-Moderator Tilman Schöberl, Simone Strohmayr (SPD) und Kultusminister Michael Piazolo (FW). © Oestereich

Simon Pelzer, Rektor der Freisinger Paul-Gerhard-Schule, zeigte die aus dem absehbaren Lehrermangel resultierende Entwicklung auf: Die Zahl an Schülern mit Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten steige. Der Erwartungsdruck und die Aufgaben, die Lehrkräfte bewältigen müssen, seien „riesig“, die Zahl an Lehrern mit gesundheitlichen und psychischen Problemen sei merklich gestiegen. Lehrer, so Pelzer, investierten neben dem eigentlichen Unterricht „das Doppelte außenrum an Zeit“ für die Vor- und Nachbereitung.

„Es geht darum, dass Lehrer Wertschätzung erfahren“

„Alles ist auf Kante genäht, die Naht ist jetzt gerissen“, sagte Kerstin Rehm vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV) Freising. Ein Raunen ging durch die Arena, als Piazolo erwiderte: „Ich selbst weiß: Wir muten unseren Lehrern mehr zu. Aber der Weg, den wir gehen, ist in gewisser Weise sogar eine Wertschätzung der Tätigkeit der Grund- und Mittelschullehrer.“ Man halte damit die Qualität hoch, die Alternativen wären für die Schüler viel schlechter gewesen. Quereinsteiger zuzulassen oder die „Mobile Reserve“ komplett zu streichen, wie es anderen Bundesländer täten, sei in Bayern keine Option. Die Mehrarbeit – bei gleicher Bezahlung – werde dem Arbeitszeitkonto einer Lehrkraft gutgeschrieben, angespart und könne sich später finanziell sogar lohnen. Gerade die fehlende Wertschätzung hatte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann, allerdings beklagt: „Es geht nicht um diese eine Stunde mehr. Es geht darum, dass Lehrer Dank und Wertschätzung erfahren.“

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Redebedarf: Rektor Simon Pelzer (l.) und Kerstin Rehm (BLLV) nutzten nach der Sendung die Gelegenheit, weiter mit dem Kulturminister zu diskutieren. © Oestereich

Die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr wandte sich gegen die Pläne des Kultusministeriums: Lehrern werde durch Integration, Inklusion, Digitalisierung und viele andere Aufgaben „jede Menge Arbeit aufgegeben“ – nun komme noch „ein Knüppel obendrauf“: Das Arbeitskonto-Modell sei, gerechnet auf fünf Jahre, ein Darlehen von 20.000 Euro für den Freistaat. „Das können Lehrerinnen und Lehrer zu Recht als Zumutung empfinden.“ Piazolo hielt entgegen, dass die Mehrarbeit zunächst nur 20 Prozent treffe.

Fokus auf Kinder geht verloren

Wie die BLLV-Präsidentin sprach sich Strohmayr für die Anhebung der Einstiegsgehälter von Grund-, Mittel- und Förderschullehrer auf das Niveau ihrer gymnasialen Kollegen aus, die durchschnittlich 400 Euro im Monat mehr verdienen. Piazolo habe dies selbst jahrelang gefordert. Da seien dem Minister, wie er durchblicken ließ, aber durch den Koalitionspartner die Hände gebunden.

Dass die Unterrichtsqualität und „der Fokus auf die Kinder“ verloren gehe, beklagte Michael Fischer, Elternbeiratsvorsitzender der Hallbergmoos Grund- und Mittelschule. Andrea Holzmann vom Schulförderverein Hallbergmoos schilderte, dass man „Trainer“ einkaufe, um beispielsweise MINT-Förderprojekte anbieten zu können. Strohmayer plädierte indes dafür, die Lehrerausbildung generell auf „neue Füße zu stellen“ – etwa mit mehr Praxisbezug im Studium und flexiblerem, schulübergreifendem, „durchlässigem“ Lehrereinsatz. Eva Oestereich

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