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Der Vater des Allershausener Jugendtreffs, Ludwig Wörmann, ist in vielen Dingen der Ansprechpartner des Nachwuchses. Das Elternhaus könne die Einrichtung jedoch nicht ersetzen, wie er sagt. 

Im Gespräch mit dem Leiter des Jugendtreffs Allershausen

Hier können Jugendliche sich "austesten"

Offiziell feiert die Gemeinde Allershausen das 25-jährige Jubiläum des Jugendtreffs erst 2017. Es ist das Jahr, in dem klar wurde, dass es mehr als nur ein Test werden würde. Die ersten Schritte machte Ludwig Wörmann (53) – seit Beginn an der Leiter der Einrichtung – mit den jungen Leuten schon davor. Mit dem Freisinger Tagblatt hat er über „die Jugend von heute“, die Aufgaben eines Jugendtreffs und darüber, ob er sich langsam zu alt für den Job fühlt, gesprochen.

Anders als in anderen Gemeinden hat Allershausen offenbar keine Probleme, die Jugend „hinter dem Ofen“, sprich Smartphone hervor- und in den Jugendtreff zu locken. Wie schaffen Sie das?

Damit Offene Jugendarbeit gelingen kann, sind mehrere Voraussetzungen erforderlich. An erster Stelle steht das Engagement der Gemeinde Allershausen: Diese war – nach anfänglichem Zögern – bereits 1990 dazu bereit, die damalige offene Jugendgruppe als gemeindlichen Jugendtreff weiterzuführen und auszubauen. Ein weiterer wichtiger Aspekt für eine gute Jugendarbeit ist die Orientierung an den Interessen und Bedürfnissen der Jugendlichen. Und um diese überhaupt erkennen und unterstützen zu können, braucht man natürlich engagierte Mitarbeiter, die wir glücklicherweise immer hatten und auch jetzt haben. Trotzdem gibt es natürlich immer Phasen, in denen es besser oder auch mal weniger gut läuft. Phasen, in denen der Kontakt zu den Jugendlichen intensiver ist oder eben weniger intensiv.´

Hatten Sie in den Anfangszeiten vor 25 Jahren mehr um die Aufmerksamkeit der jungen Leute zu kämpfen? 

Man muss die Arbeit und die entsprechenden Angebote immer präsentieren und dafür Werbung machen. Mein Eindruck ist, dass es anfangs fast noch einfacher war, die Aufmerksamkeit der jungen Menschen zu bekommen, weil es insgesamt weniger Angebote in Sachen Freizeitgestaltung gab. Mittlerweile hat sich dieses Angebot (mit all seinen Vor- und Nachteilen) doch sehr deutlich erweitert. Insgesamt sind die Kinder und Jugendlichen heute viel mehr mit verschiedensten Terminen verplant – von der Nachhilfe über Sport bis hin zu anderen Hobbys. Früher war das überschaubarer. Mit der Anerkennung der Offenen Jugendarbeit in der Öffentlichkeit verhält es sich aber eher umgekehrt: Mittlerweile ist der Jugendtreff mit seiner Arbeit im Ort wesentlich besser anerkannt, und die vielen anfänglichen Vorbehalte sind erfreulicherweise deutlich weniger geworden.

Ist in Allershausen, also „auf dem Land“, die Welt noch in Ordnung, oder haben auch Sie Ihre Problemkinder im JUT?

Wir sind hier nicht in der Großstadt, aber auch nicht in der Pampa. Durch die Nähe zu München und zum Flughafen sind wir gut an- und eingebunden, mit positiven und negativen Folgeerscheinungen. Wie auch in vielen anderen Orten ist das Spektrum an Jugendlichen sehr breit, von ganz „brav und anständig“ bis zu einzelnen Jugendlichen, die es recht schwer haben oder sich selbst und damit oft anderen das Leben schwer machen.

Was ist das größte Problem?

Es gibt aus meiner Sicht nicht das „eine große Problem“. Wenn es junge Menschen schwer haben in ihrem Leben oder sie Probleme machen, dann meist, weil eine Reihe von ungünstigen Bedingungen oder Konstellationen zusammentreffen (Probleme im Elternhaus, im Umfeld, mit Freunden, schlechter Einfluss von Medien). Die Jugendlichen haben zu diesem Zeitpunkt noch nicht die entsprechenden Lösungsmöglichkeiten oder können sich diese noch nicht erarbeiten.

Gibt es sie wirklich, „die Jugend von heute“, über die Erwachsene oft den Kopf schütteln?

Die „Jugend von heute“ gab es immer schon, halt aus dem jeweiligen zeitlichen und erwachsenen Blickwinkel gesehen. Auch vor 20, 50 oder 100 Jahren haben (manche) Erwachsene über (manche) Jugendliche den Kopf geschüttelt, weil sie vielleicht ihre Jugendzeit schon vergessen haben, die gerade aktuellen Trends und ähnliches nicht nachvollziehen können oder wollen oder vielleicht halt gerade einzelne Jugendliche besonders auffallen.

Wenn Sie den Nachwuchs von vor 25 Jahren mit dem von heute vergleichen: Was ist anders?

Die Jugendlichen an sich sind gar nicht so anders als damals – jeder junge Mensch muss und soll sich entwickeln, reifen und erwachsen werden, mit all den unterschiedlichen damit verbundenen Schwierigkeiten. Allerdings haben sich die Umstände merklich verändert. Vieles in unserer heutigen Welt ist schnelllebiger als damals, das wirkt sich auch deutlich auf das Leben der jungen Menschen aus. Das Internet mit seinen technischen Möglichkeiten und dazugehörigen Geräten – PC, Laptop, Smartphone – trägt wesentlich dazu bei. Manche Veränderungen machen es den Jugendlichen einfacher, manche aber auch schwerer. Vor 25 Jahren hatten viele Kinder und Jugendliche noch mehr freie Zeit, die nicht mit Nachhilfe, Sport, Musikschule, Reitunterricht und solchen Dingen verplant war. Das Zusatzangebot hat positive Aspekte, auch für die Entwicklung eines jungen Menschen. Es nimmt aber auch Freiräume, die ebenfalls für eine gesunde Entwicklung von Bedeutung sind. Die Jugendlichen vor 25 Jahren hatten kein Handy, mussten also nicht lernen, damit umzugehen – nicht im technischen Sinne, sondern lernen, nicht zu viel Zeit online zu „vertun“ oder neben den Internetkontakten auch noch „echte“ Freundschaften zu pflegen.

Inwieweit übernehmen Sie als Jugendpfleger die Erziehung, die Rolle, die eigentlich das Elternhaus haben sollte?

Gar nicht, weil man als Jugendpfleger oder Mitarbeiter im Jugendtreff die Rolle der Eltern gar nicht ersetzen kann. Ich verstehe uns als Ergänzung. Wir sind immer offen für eine Zusammenarbeit und pflegen die Kontakte zu den Eltern.

Legen Sie Wert darauf, mit den Eltern im Kontakt zu stehen?

Oder soll der JUT für die Jugendlichen ein Rückzugsort sein, an dem sie auch mal Ruhe vor den Erziehungsberechtigten haben? Grundsätzlich soll ein Jugendtreff/Jugendzentrum natürlich ein Rückzugsort für die Jugendlichen sein. Sie sollen sich dort zuhause und wohl fühlen. Da darf man in begrenztem Maße auch mal über die Stränge schlagen und Dinge tun, die im Elternhaus oder in der Schule nicht möglich sind. Man darf und soll sich in einem vernünftigen Rahmen austesten und neue Erfahrungen machen. Es sollen „ihre“ Räume, „ihr“ Jugendtreff sein. Und so gesehen, sollen sie dann dort natürlich auch Ruhe vor den Erziehungsberechtigten haben. Dennoch gibt es gelegentlich auch Grenzsituationen, in denen diese Ruhe oder Abgrenzung nicht eingehalten werden kann, es sogar Sinn macht, direkt mit den betreffenden Jugendlichen und den Eltern den Kontakt zu suchen oder beispielsweise ein Gespräch anzubieten oder anzustreben.

Wie sieht es mit Prävention aus? Gibt es spezielle Veranstaltungen im JUT?

Wir bieten nur selten spezielle Veranstaltungen zum Thema Prävention an. Angebote dazu gibt es ja meist schon in den Schulen oder auch in Zusammenarbeit von Schulen beispielsweise mit dem Prop Shop Freising. In unserer Offenen Jugendarbeit fließt die Prävention im täglichen Betrieb automatisch mit ein – bei spontanen Gesprächen, aktuellen Diskussionen, auch Regeln und Umgangsformen die im Haus gelten, Angeboten und Unternehmungen, Gestaltung und Ausstattung der Räume und so weiter.

Wovor muss man die jungen Menschen heute am meisten schützen?

Jeder junge Mensch ist anders – aufgrund unterschiedlicher Lebensumstände. Daher ist es immer wichtig, genau auf den Einzelnen zu schauen und ihn entsprechend wahrzunehmen, um dann entsprechend reagieren zu können.

Was zeichnet den Allershausener Jugendtreff aus?

Er ist meiner Meinung nach für unsere Ortsgröße zum einen räumlich sehr gut ausgestattet – mit Billard- und Veranstaltungsraum, Gruppenraum, Küche, Musikraum, Fitnessraum und Büro – und stellt außerdem eine ganze Reihe von Möglichkeiten und Spielgeräten zur Verfügung: Billard, Kicker, Air-Hockey, Dart, Sky, jede Menge Brett- und Knobelspiele sowie diverse Musikinstrumente im Musikraum. Unsere Arbeit orientiert sich an den Interessen und Bedürfnissen der Jugend und den örtlichen Gegebenheiten, wir zeigen auf, wer am Ort sonst noch Jugendarbeit macht, binden die Jugend ins Gemeindeleben und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Einrichtungen im Ort ein.

Welche Bitte würden Sie gerne an alle Eltern richten?

Sich Zeit nehmen für die Kinder und Jugendlichen, egal in welchem Alter sie gerade sind, oder in welchen Schwierigkeiten sie gerade stecken und sie ernst nehmen. Und offen sein – den Kindern und Jugendlichen und auch dem Jugendtreff und dessen Mitarbeitern gegenüber.

Fühlen Sie sich mit 53 langsam zu alt für diesen Job? Oder hält er jung?

Das Alter ist nur einer von sehr vielen Aspekten, die diese Arbeit beeinflussen. In manchen Situationen ist es sogar von Vorteil, wenn man schon etwas „älter“ ist, mehr (Lebens-)Erfahrung gesammelt hat und diese weitergeben und ausstrahlen kann. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen es vorteilhaft ist, jünger zu sein. Daher ist es sehr positiv, dass die zweite Mitarbeiterin im Jugendtreff jünger ist.

Das wichtigste in der Erziehung ist… 

Es ist wichtig, da zu sein, Zuhörer und Ansprechpartner zu sein, die Interessen und Bedürfnisse zu erkennen, diese anzuerkennen und auf sie einzugehen sowie ehrlich und authentisch sein.

Andrea Schillinger

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