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Er hat den Kampf gegen seine Sucht gewonnen: Arsatius Regler aus Hohenkammer ist seit 25 Jahren trockener Alkoholiker.

Der Diakon aus Hohenkammer und sein größter Kampf

Seit 25 Jahren trockener Alkoholiker: Arsatius Regler entschied sich für das Leben

  • Andreas Beschorner
    vonAndreas Beschorner
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Arsatius Regler ist Diakon. Doch Messwein ist für ihn tabu. Denn Regler ist trockener Alkoholiker. Und das, so weiß der Hohenkammerer, werde er bis an sein Lebensende bleiben.

Hohenkammer – Vor 25 Jahren hat Arsatius Regler er den Entschluss gefasst und den unbändigen Willen aufgebracht, der Alkoholsucht den Kampf anzusagen. Hätte er es nicht geschafft, „ich wäre seit zehn oder 15 Jahren tot“. Der Mann ist mit sich im Reinen. Das merkt man. „Ich muss mich nicht schämen“, sagt Arsatius Regler. Und deshalb geht er ganz offen um mit seiner „Alkoholiker-Karriere“, wie er die selbstzerstörerische Phase seines Lebens selbst bezeichnet. Regler hat es geschafft, ist von der Sucht weggekommen. Heute ist er Diakon in Hohenkammer – und viele wissen um seine Geschichte.

Der 59-Jährige hat nie einen Hehl aus seiner früheren Abhängigkeit gemacht. Denn: „Ich will nicht sagen, dass ich froh bin, das erlebt zu haben. Aber ich kann es annehmen und wäre sonst nicht der, der ich heute bin.“ Im Rückblick, so sagt Regler, müsse er feststellen, dass er schon mit 15 Jahren Alkoholiker war. Sein Vater habe „gerne mal ein Bier getrunken“, und wenn er in der Jugend mit seinen Spezis unterwegs war, hätten fünf D-Mark für zwei Bier gereicht.

Das habe ihm geholfen. Denn auch weil er das Knaben-Gymnasium in Scheyern besucht habe, sei ihm der Kontakt zu Mädchen stets schwergefallen. „Mit Bier ging es leichter“, erinnert sich Regler. Mit 25 habe er geheiratet, „die Liebe meines Lebens“, die Kinder seien gekommen. Und er habe weiter Bier getrunken, immer weiter, bei Feiern in der Arbeit – Regler war zu dieser Zeit Instandhalter bei einem großen Automobilkonzern – aber auch abends daheim und am Wochenende. Fragen seiner Frau, wieso er eigentlich stets Bier und nie etwas anders trinke, habe er erst nicht ernst genommen. Trotzdem ein Zugeständnis an seine Frau: Er werde nur noch „leichtes“ Bier trinken. Doch in der Arbeit und auch sonst ging es mit normalem Bier weiter. „Alkoholiker sind Verstell- und Versteckkünstler.“ Doch seine Frau ließ nicht locker. Bis zu jenem Satz, bei dem für ihn „eine Welt zusammengebrochen“ ist, wie er es beschreibt: „Entweder du hörst auf oder ich nehme die Kinder und gehe“, hat sie ihn vor die Wahl gestellt. Seine Reaktion: „Ich habe ungefähr eine Woche lang nur durchgesoffen.“ Von der Schicht um 1.30 Uhr daheim, sich bis sechs Uhr „voll die Kante gegeben“, danach „sturzbesoffen“ ins Bett gefallen, schlafen, trinken, Arbeit – und alles wieder von vorne.

Der 9. Oktober 1995 änderte sein Leben

Und dann, das Datum weiß Regler noch genau, der 9. Oktober 1995. In der Nacht sei er aufgewacht, habe am ganzen Körper gezittert. Und da war ihm klar: Aufhören oder so zu enden, wie ein Freund von ihm, der im Alter von 38 Jahren an Leberzirrhose gestorben war. Erst führte ihn der Weg zur Hausärztin, dann zu einer Selbsthilfegruppe des Kreuzbunds, es folgte eine ambulante Therapie und regelmäßige Gespräche. Langsam habe sich von da an sein Leben, seine Persönlichkeit geändert.

Drei Jahre habe es gedauert, bis er keine Sehnsucht nach Bier mehr gespürt habe. Vor allem die psychische Umstellung dauerte lang, anfangs waren es nur ganz vereinzelte Sonnenstrahlen, die durch die dunkle Wolkendecke blitzten, wie es Regler beschreibt. Da habe er gemerkt, dass sein früheres Leben immer so war, als ob „eine Decke über mir lag“. Nie unabhängig, nie ein freier Mensch. Und wie sehr er es damals nach jenem 9. Oktober 1995 genossen habe, immer Autofahren zu können, daran kann sich Regler noch gut erinnern. Und er habe immer gehofft, einmal kontrolliert zu werden, damit das Röhrchen 0,0 Promille anzeigt. „Aber ich bin nie kontrolliert worden“, sagt Regler und lächelt.

Drei Jahre lang hatte er Angst vor einem Rückfall, drei Jahre hat es gebraucht, zu lernen, sich selbst und der Freiheit wieder zu vertrauen. Und auch seine Frau benötigte ein halbes Jahr, um ihm wirklich zu glauben, dass er es ernst meint, „dass ich es wirklich will“. Das war für ihn schwer, denn er habe sich oft gefragt und gezweifelt: „Wieso glaubt sie mir nicht?“ Doch es sei verständlich gewesen: Einem, der jahrelang lügt, könne man nicht so einfach auf einmal vertrauen.

Vom Süchtigen zum Suchtberater

Die Selbsthilfegruppe sei wichtig gewesen. „Vorher war ich irgendwer“, nach einem halben Jahr hätten ihn die Leute dort gefragt, was er zu manchen Situationen sage. „Das hat mir gut getan“, sagt Regler, denn fehlendes Selbstwertgefühl sei ein großes Problem bei allen Suchtkranken. Seine Umgebung, auch die Arbeitskollegen, hätten seine Abstinenz relativ schnell akzeptiert, hätten respektiert, „dass auch kein kleines Pilserl mehr geht“. Freilich: Manche hätten auch rücksichts- und respektlos reagiert. Einen Satz höre er immer wieder – und das sei bezeichnend für die Gesellschaft: „Was, du trinkst nichts mehr?“ Reglers ironische Standardantwort: „Nein, ich bin ein naturwissenschaftliches Phänomen: Ich trinke seit 25 Jahren nichts mehr.“

Mit Alkohol werde im Leben eben etwas Besonderes gefeiert und begangen. Regler sieht das entspannt: „Ich bin kein Alkoholgegner. Aber für mich geht es halt nicht mehr.“ Und noch etwas habe ihm über die erste schwere Zeit geholfen: Rauchen. „Ich habe meine Sucht verlagert“, gesteht sich Regler selbst ein, er habe bis zu zwei Schachteln Zigaretten am Tag verschlungen. Aber auch diese Sucht hat er vor einigen Jahren erfolgreich bekämpft.

Nachdem er drei Jahre trocken war, sei bei seinem Arbeitgeber ein Suchtberater gesucht worden. Er habe sich einfach mal beworben, habe dafür nebenbei eine einjährige Ausbildung und dann sieben Jahre lang nebenberuflich einmal pro Woche bei Kollegen Suchtberatung gemacht. Auch das habe ihn in seiner persönlichen Entwicklung weitergebracht: Schöne Erlebnisse, wenn Kollegen den Absprung geschafft haben, gab es da ebenso wie traurige Erfahrungen, wenn ein 32-jähriger Kollege an den Folgen seiner Alkoholsucht starb. „Ich war in dieser Zeit auf einigen Beerdigungen“, erzählt Regler.

Der Vorteil war schon, dass die Kollegen, die zu ihm kamen, ihm eher geglaubt haben, da ihnen klar war: Da ist einer, der weiß, um was es geht. Als Vorbild hat sich Regler nicht gesehen, aber als „Strohhalm“ für seine Kollegen, die an ihm erkannten, dass es nicht aussichtslos sei, auch wenn „das ganze Leben den Bach runterzugehen scheint“. Und manchmal hat Regler sogar auch eine Kündigung befürwortet, so hart das erscheinen mochte. Aber: „Es muss einen Zwang geben, sonst hört keiner auf.“

Als der Konzern dann aber die „Politik“ gewechselt hat und es für solche Fälle keine Wiedereinstiegsklausel mehr gab, wenn ein Entlassener es innerhalb von neun Monaten schaffte, drei Monate trocken zu sein, sondern mit Aufhebungsverträgen arbeitete, war das nicht mehr die Welt des Arsatius Regler. „Die Leute haben eine Abfindung bekommen und viele haben sich dann mit dem Geld totgesoffen.“

Theologiestudium im Alter von 40 Jahren

Es war der nächste wichtige Wendepunkt im Leben des Arsatius Regler. Im Alter von 40 Jahren hat er ein Theologiestudium begonnen, ist Diakon geworden – erst in Jetzendorf, dann ich Garching, seit 2017 in Hohenkammer. Ja, der Glaube an Gott habe ihn „immer getragen“, betont Regler.

Bis zu seinem 18. Lebensjahr sei er Ministrant gewesen, habe dann bis zum Alter von 25 von der Kirche nichts mehr wissen wollen. Wohlgemerkt: von der Kirche, nicht vom Glauben. Als seine Kinder auf die Welt kamen, habe sich das wieder geändert, habe er wieder den Zugang auch zur Kirche gefunden. Der Glaube habe ihm geholfen, weil man sich als Suchtkranker „vollkommen allein und einsam fühlt“.

Und heute, 25 Jahre nach jenem entscheidenden Tag im Oktober des Jahres 1995? „Egal, wo ich hingehe, die ganze Welt trinkt“. Allein der „Bierdampf“ in einem Bierzelt sei schon „brutal“. Und bei Schulfeiern und anderen Anlässen gebe es oft Kuchen, in dem Alkohol enthalten sei. Sein Körper habe in all den Jahren aber offenbar einen „Mechanismus“ entwickelt, erzählt Regler: Auch geringste Spuren von Alkohol führen bei ihm nach wenigen Sekunden zu heftigen Kopfschmerzen. Da geht sogar kein eigentlich unverdächtiges Yes-Törtchen, denn auch da ist Alkohol enthalten – wie Regler aus leidvoller Erfahrung weiß.

Eine Entscheidung, die für das Leben gilt

Einen Rückfall durch so etwas wird es bei Regler nicht geben, denn da nehme er den Alkohol unbewusst zu sich. Anders, das weiß er genau, wäre es, wenn er zu einem besonderen Anlass oder als besondere Belohnung mal ein Glas Bier bewusst trinken würde. Das wäre, so weiß er, fatal. Doch diese Gefahr besteht nicht. „So lange es mir ohne Alkohol besser geht als zu den Zeiten, als ich noch getrunken habe, werde ich trocken bleiben.“ Und Regler weiß: Die Entscheidung, die er vor 25 Jahren getroffen hat, ist eine Entscheidung, „die für das Leben gilt – im wahrsten Sinn des Wortes“.

Doch auch wenn es für ihn „unvorstellbar“ ist, wieder einmal Alkohol zu trinken, weiß Regler auch: „100 Prozent gibt es im Leben nicht.“ Er selbst kenne Fälle, bei denen Alkoholiker nach 22 Jahren, in denen sie trocken waren, einen heftigen Rückfall erlitten haben. Und deshalb ist für den Diakon Regler auch Messwein absolut tabu. Kein Problem, denn „es geht auch ohne“: Traubensaft ist ebenso gestattet, zumal er selbst als Diakon ja nicht „der Wandler“ sei.

Auch als er seinen Entschluss fasste, Diakon zu werden, und dafür ins Ordinariat fuhr, um zu fragen, was dazu alles nötig sei, habe er aus seiner Alkoholsucht keinen Hehl gemacht, erzählt Regler. Das habe erst kirchenrechtlich geprüft werden müssen, erinnert er sich, aber das Okay kam sehr schnell.

25 Jahre ist Regler nun also trocken. Den 9. Oktober feiere er nicht als seinen „zweiten Geburtstag“, sagt er. Das sei nur in den ersten Jahren ein wichtiges Datum gewesen, da er sich anfangs selbst nicht sicher gewesen sei, ob er es schaffe. Trotzdem: Ein Vierteljahrhundert trocken – das ist schon etwas Besonderes. Arsatius Regler feiert das auch: Er geht deshalb fein Essen mit der Familie. Und er kann zweifelsohne feiern – auch und ganz unbedingt ohne Alkohol.

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