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Beeindruckende Kulisse: Nebel und Sonnenstrahlen vereinen sich zwischen den Bäumen zu einem wunderbaren Bild.

Besonderes Naturerlebnis

In der Stille des Waldes baden - ein Selbstversuch gegen Stress

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Yoga, Meditation, Sport, Sauna: Die Liste der Aktivitäten gegen Stress und für mehr Ausgeglichenheit ist lang. Mit dem Waldbaden kommt etwas Neues dazu. Oder besser gesagt: etwas sehr Altes, sehr Ursprüngliches. Ein Selbstversuch.

Eins werden mit der Stille: FT-Redakteurin Andrea Beschorner verlässt den Wald nach zwei Stunden geerdet.

Hohenkammer – Der Termin mitten in der Weihnachtszeit passt zeitlich eigentlich so gar nicht in den Kalender. Eigentlich habe ich keine Zeit. Und genau die sollen wir mitbringen. Und regenfeste Kleidung. Mit diesen Hinweisen hat Claudia Müller das FT zum Waldbaden-Selbstversuch eingeladen. Die journalistische Neugierde siegt über den vollen Terminkalender – und so machen wir uns auf in Richtung Hohenkammer – eingegepackt wie zu einer Arktis-Expedition.

Auf einem kleinen Parkplatz im Wald über dem Schloss Hohenkammer nimmt uns Claudia Müller in Empfang. Bevor wir – meine Kollegin Claudia Bauer und ich sowie zwei weitere Teilnehmerinnen, Nicole Veeh und Annemarie Daxer – uns auf den Weg machen, zeichnet die 46-jährige Waldbademeisterin kurz ihren Weg hin zur Waldbademeisterin nach. Im September habe sie sich dem Büroalltag den Rücken gekehrt. „Ich habe deutlich gespürt: das ist nicht mehr meine Welt. Meine Welt ist die Natur.“ Und die ist nun ihr Arbeitsplatz – zusammen mit ihrem Mann Andy Müller, der in dem 15 Hektar großen Wald in Hohenkammer seit zwei Jahren einen 3-D-Bogenparcours betreibt. Und der gepachtete Wald hat nun seit wenigen Monaten eine zweite Funktion: hier werden Menschen aktiv entstresst.

Ihre Ausbildung zur Waldbademeisterin hat Claudia an der Deutschen Akademie für Waldbaden im Taunus gemacht. Das Ziel in ihrer täglichen Arbeit: Die Achtsamkeit der Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken.

Kraft tanken mit dem Rücken an einen Baum gelehnt: FT-Reporterin Claudia Bauer genießt.

Wer esoterischen Hokuspokus erwartet, wird enttäuscht. „Es beruht alles auf wissenschaftlichen Erkenntnissen“, erzählt Claudia Müller, während wir uns langsam immer weiter in den Wald hineinbewegen. In Japan gibt es das Waldbaden bereits auf Rezept, weiß sie. „Es gilt dort als nachweislich wirksame Medizin.“ Und heißt Shinrin-Yoku: Wald(luft)bad.

Ganz konkret sind es die Terpene, die sich gesundheitsfördernd auf den Organismus auswirken. Einfach ausgedrückt: Die Pflanzen kommunizieren miteinander und schütten dabei chemische Verbindungen, Terpene, aus und geben sie an die Luft ab. Und das sei, so Müller, nachweislich entzündungshemmend, ein fantastischer Anti-Aging-Stoff, und die Wirkung kommt sogar für die Krebstherapie in Betracht.

Die Natur mit allen Sinnen erleben: Nicole Veeh und Annemarie Daxer erschnuppern den Waldboden.

Wir kommen an einer Lichtung an. Um sich voll und ganz auf das Experiment einlassen zu können, fordert uns die Waldbademeisterin auf, alle Gedanken und Sorgen an den Waldboden abzugeben: Mit geschlossenen Augen in freier Natur auf der Stelle springen – ich brauche einen Moment, um mich ernsthaft darauf einlassen zu können. Aber nur für einen Moment. Ich spüre den Nieselregen auf meinem Gesicht, den weichen Waldboden unter meinen Füßen und nehme plötzlich etwas wahr, was ich schon lange nicht mehr gehört habe: Stille. Es ist, als ob sich ein Schalter in meinem Kopf umlegt, meine innere Unruhe und Ungeduld ausknipst und mein Bewusstsein frei macht für das Experiment Wald. Es ist, wie Claudia Müller sagt: ein bewusstes Verweilen im Wald, mit dem Zweck, sich zu erholen und die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Diesen Worten lässt die Waldbademeisterin sogleich Taten folgen. Wir schreiten durch den Wald, jeder für sich. Was ich zu der Jahreszeit nicht erwartet hätte, ist die wahnsinnige Lebendigkeit, die der Wald ausstrahlt. Obwohl es nieselt, riecht es nach Schnee, aber auch nach feuchter Erde und Pilzen und ich fühle mich an lange, ausgiebige Spaziergänge an Heiligabend mit meinem Vater und meinem Bruder erinnert, während meine Mutter alles für die Bescherung fertiggemacht hat. Wann hatte ich das letzte Mal Zeit für so einen Gedanken? Der Wald wirkt wohl schon.

Waldbademeisterin Claudia Müller erklärt ohne esoterischen Hokuspokus die Vorzüge des Waldbadens.

Zwei Stunden führt Claudia Müller unsere Gruppe durch ihren Wald. Jeder ist für sich. Jeder genießt seinen ganz persönlichen Zauber des Augenblicks, etwa mit dem Rücken an einen alten, mächtigen Baum gelehnt oder wenn Sonnenlicht und Nebel sich zwischen den Bäumen zu einem spektakulären Bild vereinen. Geredet wird kaum etwas. Claudia Müller gibt manchmal Denkimpulse: „In einer Handvoll Waldboden befinden sich mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde.“

Mit geschärftem Bewusstsein schreiten wir aus dem Wald – zurück in den Alltag. Geerdet ist das Wort, das meinen Zustand am besten beschreibt. So gut und so tief wie in der folgenden Nacht hab ich lange nicht geschlafen. Frisch waldgebadet und entschleunigt. Experiment geglückt.

Gut zu wissen

Der nächste Termin ist Samstag, 29. Dezember, zum Nachweihnachtswahnsinn-Waldbaden, von 12 bis 14 Uhr. Dann geht es am 19. Januar weiter unter dem Motto: Tankstelle Wald – Auftanken fürs neue Jahr von 13 bis 15 Uhr. Infos, Anmeldung und Anfragen für Waldbadekurse unter info@waldbaden-bayern.com. Mehr Infos auf der Homepage www.waldbaden-bayern.com.

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