Zollinger gründet die Sportgemeinschaft Eritrea 

Integration auf Rädern

  • schließen

Zolling - Er ist sportlich und sozial engagiert: Ewald Roddewig. Der Zollinger (68) hat in kürzester Zeit eine Rennrad-Gruppe für Flüchtlinge aus Eritrea gegründet. Sie fahren jede Woche unterschiedliche Touren und haben doch vor allem ein Ziel: mit Spaß und Freude in der Gesellschaft anzukommen.

Ewald Roddewig ist zu vielem fähig, doch eines kann er nicht: die Beine hochlegen. „Und weil ich auch nicht der Typ bin, der im Cabrio durch München fährt und junge Damen anlächelt, habe ich mir überlegt, wo ich meine Energien einbringen kann“, berichtet der 68-Jährige aus Zolling. Schnell kam der Rentner zu dem Entschluss, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Von der Tatsache, dass es zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Asylbewerber in seiner Heimatgemeinde gab, ließ er sich nicht ausbremsen. Roddewig sah sich anderswo um – und wurde in Nandlstadt fündig. „Die haben Leute gesucht, die sich mit den Flüchtlingen sportlich betätigen.“

Schnell kam ihm die Idee, eine Fahrradgruppe zu gründen. Denn der 68-Jährige sagt: „Ich schwinge mich selbst ganz gerne auf den Sattel.“ Das ist freilich eine Untertreibung. Der Rentner fährt zu fast allen seinen Terminen im gesamten Landkreis mit dem Rad. Erst kürzlich wurde er beim Stadtradeln in Moosburg zum Sieger gekürt: 2019 Kilometer hatte er heruntergestrampelt. Zum Vergleich: Der Zweitbeste hatte 1347 Kilometer auf dem Tacho. Schnell musste Roddewig allerdings feststellen, dass nicht alle Flüchtlinge sein Hobby so begeistert teilen. „Die Syrer, die Afghanen, die Nigerianer – die hatten alle kein Interesse“, berichtet er. Nur eine Gruppe springt auf sein Angebot an, die aber von null auf hundert: die Eritreer. Die wollen nicht nur gemütlich über Feldwege radeln, wie sich das Roddewig anfangs vorgestellt hat. Die sind heiß darauf, aufs Rennrad steigen. Und tatsächlich gelingt es dem Strippenzieher aus Zolling, zwei Rennräder aufzutreiben – „zwei Uralt-Räder, die 15 Jahre im Keller gestanden sind, uns aber sehr weiterholfen haben“. Jetzt dürfen die Eritreer abwechselnd auf die Flitzer steigen.

Seit Juni sind Roddewig und seine Radler mindestens einmal pro Woche unterwegs. Auch jetzt, wo sich die Temperaturen auf niedrigem Niveau einpegeln, sattelt die Gruppe immer noch auf. Der Zollinger will die Sportgemeinschaft Eritrea, wie er seine Gruppe getauft hat, nicht mehr missen. „Das sind ganz liebenswerte Menschen – hilfsbereit, offen bescheiden“, schwärmt er. „Wenn Sie denen einen Apfel mitbringen, sagen die zehn Mal Danke.“

Was den 68-Jährigen ebenfalls an den Afrikanern imponiert: „Jeder ist für jeden da, alles wird geteilt.“ So berichtet er davon, dass einer seiner Radfahrer, ein anerkannter Asylbewerber, im Oktober kein Geld erhalten habe. „Da habe ich mir gedacht: Wovon will der all die Wochen leben?“ Aber kein Problem: Alle anderen Landsleute kamen für den Mann auf. Nicht einmal zwischen den verschiedenen Religionsgruppen gibt es Konflikte. „Vor allem die orthodoxen Christen sind sehr religiös und fahren jede Woche zum Gottesdienst nach München“, berichtet Roddewig. „Aber sie haben überhaupt keine Probleme mit den muslimischen Eritreern.“

Nur bei der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau hapert es etwas. Als Roddewig seine Männern ins Gebet nahm, dass sie ihre Fahrräder ab und an mal waschen sollten, meinten die nur: „Das machen die Frauen.“ Aber nein, nicht mit Roddewig. Der belehrte sie eines Besseren. „Aber darum geht es ja bei der Fahrradgruppe auch: den Flüchtlingen spielerisch beizubringen, wie das hier in Deutschland so läuft“, sagt er.

An einer deutschen Kardinalstugend müssen die Eritreer noch arbeiten: an der Pünktlichkeit. „Da sind die katastrophal“, sagt Roddewig und lacht.“ „Wenn Sie denen sagen, dass wir um 18 Uhr losfahren, können Sie sicher sein, dass Sie vor 18.30 Uhr nicht wegkommen.“ Der 68-Jährige ist zwar nicht der Mann für Standpauken. Aber mit seiner diplomatischen Art hat er ohnehin mehr Erfolg. Von einer Sprachlehrerin aus Nandlstadt bekam er ein Feedback: Gerade die Eritreer seien viel pünktlicher geworden.

Für Roddewig ist das „Integration durch Sport“. Deswegen sind in der Sportgemeinschaft Eritrea auch alle willkommen. „Wenn es junge Männer und Frauen aus Au, Nandlstadt oder Mauern gibt, die gerne Radfahren, können sie gerne mitmachen“, betont Roddewig. „Wir sind offen für alles.“ Wichtig ist ihm, dass seine Leute die deutsche Kultur kennen und verstehen lernen lernen. „Sie sollen Sitten und Gepflogenheiten annehmen, ohne die eigene Kultur zu verleugnen“, sagt er. „Auf diese Art finden die jungen Frauen und Männer auch zu sich selbst – und haben so die Möglichkeit, den Mitmenschen zu zeigen, dass sich keiner vor ihnen fürchten muss.“

So wie in Mauern. Da fand in diesem Jahr der Landkreislauf statt. Roddewig gelang es, 13 Flüchtlinge zusammenzutrommeln, die an den Start gingen. Etwas Bammel vor der eigenen Courage hatte er schon, wie er einräumt: „Insgeheim habe ich gedacht: Hoffentlich geht das gut.“ Dann landeten 12 seiner 13 Schützlinge unter den besten 20 Läufern. Gewonnen haben sie aber vor allem menschlich. „Nach dem ersten Abtasten haben Afrikaner und Deutsche zusammen Fußball gespielt, gelacht und sich gefreut“, sagt Roddewig. Und noch heute sprechen Besucher des Laufs ihn an: „Mensch, deine Leute, die waren klasse.“

Gut zu wissen

Ewald Roddewig ist für seine Gruppe auf der Suche nach Rennrädern und entsprechender Ausrüstung. Auch wer daran interessiert ist, Trainingsfahrten zu machen, ist willkommen. Wer helfen kann oder sich engagieren will, wird gebeten, sich bei Roddewig zu melden – per E-Mail an er-nigrinoda@gmx.de.

Rubriklistenbild: © fkn

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

70 Jahre Kanzlei Huber-Wilhelm: „Ein Anwalt muss ein Gewissen haben“
Sie ist nicht nur die älteste Anwaltskanzlei in Freising, sondern auch eine der größten: die Kanzlei Huber-Wilhelm. Kürzlich feierte sie 70-jähriges Bestehen. Im …
70 Jahre Kanzlei Huber-Wilhelm: „Ein Anwalt muss ein Gewissen haben“
Zwei böse Überraschungen
Manfred Daniel ist wütend. Der Vorsitzende des Wasserzweckverbands Paunzhausen versteht die Welt nicht mehr: 70 000 Euro soll sein Verband für etwas zahlen, für das er …
Zwei böse Überraschungen
Die Stadt dankt dem Lebensretter
Das Alkoholverbot auf Münchner Plätzen und Straßen war am 21. Januar dieses Jahres noch keine 24 Stunden alt, da hätte es beinahe den ersten Todesfall am Hauptbahnhof …
Die Stadt dankt dem Lebensretter
Musik-Talente und Infos zum Auftakt
Bereits zum fünften Mal veranstalten die Städtische Musikschule Freising und das Camerloher-Gymnasium den Freisinger Meisterkurs. Dazu gehört auch das Auftaktkonzert, …
Musik-Talente und Infos zum Auftakt

Kommentare