Interview mit Prof. Hans Hauner: So sollten Schwangere essen

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Freising - Schwangere müssen für Zwei essen? Quatsch, sagt Professor Hans Hauner. Im Interview erklärt er, was besonders zu beachten ist.

Blutuntersuchung, Urinproben, Ultraschalls: Frauen werden in ihrer Schwangerschaft medizinisch intensiv betreut. Doch ein Thema kommt in den Praxen der Frauenärzte zu kurz, findet Professor Hans Hauner: gesunde Ernährung. Im FT-Interview erklärt der Ordinarius für Ernährungsmedizin an der TUM, auf welche Nährstoffe Frauen besonders achten sollten, warum der Spruch, dass Schwangere für Zwei essen müssen, falsch ist, und warum er die App „Schwanger und Essen“ für besonders gut geeignet hält, sein Wissen weiterzugeben.

-Gesunde Ernährung kommt jedem Menschen zugute. Warum ist sie für eine schwangere Frau besonders wichtig?

Weil man durch gesunde Ernährung Risiken für Mutter und Kind minimieren kann. Mehr als jede dritte Schwangere ist übergewichtig oder sogar adipös. Und das kann negative Konsequenzen für beide haben.

-Welche?

Für die Mutter steigt zum Beispiel das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes und Präeklampsie. Dabei handelt es sich um eine Schwangerschaftsvergiftung, die durch erhöhten Blutdruck gekennzeichnet ist. Es kann auch zu geburtshilflichen Komplikationen kommen. So kommen bei übergewichtigen Schwangeren häufiger Kaiserschnitte vor.

-Und inwiefern ist das Baby betroffen?

Beim Kind besteht die Gefahr, dass es sehr groß zur Welt kommt. Das kann zum einen zu Geburtskomplikationen führen, andererseits neigen große Babys dazu, bereits in jungen Jahren übergewichtig zu werden. Wir führen derzeit in zehn bayerischen Regionen eine Studie durch, um herauszufinden, inwieweit wir diese Probleme durch eine gute Ernährungsberatung in den Griff kriegen.

-Worauf muss eine schwangere Frau bei ihrer Ernährung im Vergleich zu allen anderen besonders achten?

Alkohol und Rauchen sind absolut tabu. Denn durch beides können Föten schwer geschädigt werden. Daran halten sich aber auch die meisten Schwangeren. Probleme haben wir hauptsächlich bei suchtkranken Schwangeren, die oft aus sozial schwierigen Verhältnissen kommen.

-Gibt es Nährstoffe, auf die Schwangere besonders angewiesen sind?

Ja. Sie sollten auf jeden Fall Folsäure zu sich nehmen. Folsäure ist ein wichtiges Vitamin für das Wachstum und die Ausdifferenzierung der Organe. Vor allem für die frühe Entwicklung des Fötus ist sie wichtig. Deshalb ist es ratsam, dass Frauen Folsäure bereits einnehmen, wenn sie eine Schwangerschaft planen. Zudem sollten Schwangere gezielt Jod aufnehmen. Der Bedarf einer Schwangeren steigt um 15 bis 20 Prozent, weil der Fötus Jod für sich abzweigt, um Schilddrüsenhormone aufzubauen. Jodmangel kann bei der schwangeren Frau zu Kropfwachstum führen. Teilweise leiden Frauen in der Schwangerschaft auch unter Eisenmangel. Besonders gut kann der Körper Eisen über Fleisch aufnehmen. Manchmal ist es aber auch nötig, ein Eisenmedikament einzunehmen.

-Wie sieht es mit Salami aus? Es heißt, bei rohen Lebensmitteln besteht die Gefahr der Infektionskrankheit Toxoplasmose.

Da sehe ich kein großes Problem. Sorge bereitet es mir eher, wenn sich Schwangere einseitig mit Fertigpizza und anderem Convenience Food vollstopfen (siehe Kasten).

-Da ist also der Papa in spe gefragt: Der muss seiner von der Schwangerschaft geplagten Frau ein gesundes Mahl zubereiten, ehe die sich mit letzter Kraft eine Pizza in den Ofen schiebt.

Ja. Wichtig ist, dass es sich um eine vielseitige und ausgewogene Ernährung handelt, und dass zu regelmäßigen Zeiten gegessen wird. Nicht ständig zu futtern, ist eine große Herausforderung in einer Zeit, in der jeder Mensch permanent von Essen umgeben ist.

-Heißt es nicht, dass Schwangere für Zwei essen müssen?

Diese Botschaft ist falsch. Sie führt dazu, dass zu viel gegessen wird. In unserer Wohlstandsgesellschaft ist die Überernährung das Problem.

-Wie lässt sich denn der Heißhunger erklären, der Schwangere oft befällt – beispielsweise auf Fisch oder Essiggurken?

Das ist bis heute nicht wissenschaftlich erklärbar. Aber es ist auch nicht so schlimm, wenn eine schwangere Frau mal großen Appetit auf bestimmte Lebensmittel hat, so lange es sich insgesamt in Grenzen hält.

-Warum ist ein fester Essensrhythmus wichtig?

Weil regelmäßige Essenszeiten es leichter machen, die Energieaufnahme normal zu halten. In der heutigen Zeit, in der an jeder Ecke etwas zum Essen angeboten wird, muss sich jeder selbst Regeln geben. Sich bewusst zu ernähren, ist eine Herausforderung. Wir haben eben diesen Ur-Instinkt: Wenn wir etwas sehen, was gut riecht, dann schnappen wir zu.

-Sie haben in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Ernährung eine App herausgebracht, die sich mit der Ernährung in der Schwangerschaft beschäftigt. Hilft diese App Schwangeren dabei, sich beim Essen zu kontrollieren?

Das würden wir uns jedenfalls wünschen. Wir wollen den Schwangeren viele Anregungen geben und ihnen helfen, die Schwangerschaft besser zu bewältigen.

-Wie kam es zu der Idee, diese App zu entwickeln?

Das Problem ist, dass der Aspekt der Ernährung bei der Schwangerschaftsbegleitung bisher kaum eine Rolle spielt. Der Frauenarzt schaut auf die gesundheitliche Entwicklung des Kindes und macht Ultraschall-Bilder. Der gesunde Lebensstil wird hingegen weniger gut vermittelt.

-Warum in Form einer App?

Weil wir die modernen Medien und die sozialen Netzwerke nutzen müssen, um eine bessere Ernährungskommunikation betreiben zu können. Apps bieten mehrere Vorteile: Es kann eine Beratung stattfinden, die zeitlich und örtlich ungebunden ist. Ich denke auch, dass wir über die App an mehr Schwangere herankommen. Die Inhalte sind einfach formuliert, so dass sie für jeden zu verstehen sind. Und die Hemmschwelle ist bei einer App viel geringer, als sich bei einem Experten eine Gesundheitsberatung zu holen.

-Wie funktioniert die App? Gibt die Schwangere ein, was sie gegessen hat? Blinkt das Display rot, wenn sie sich in der Faschingszeit einen Krapfen zu viel genehmigt?

Nein, das ist nicht der Fall. Es handelt sich um keine interaktive App. Sie bietet hauptsächlich Informationen.

-Der Markt wird überschwemmt mit Apps zum Thema Gesundheit, Bewegung und Ernährung. Warum sollten Interessenten zu Ihrem Angebot greifen?

Hinter vielen Apps stecken kommerzielle Absichten. Unsere App ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und einer staatlichen Einrichtung, dem KErn. Unser Bestreben ist es, objektives Wissen so vielen Menschen wie möglich zur Verfügung zu stellen

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