100 Jahre Wasserkraftwerk Kranzberg: Sauberer Strom aus dem Ampertal

Kranzberg - Hundert Jahre gibt es das Wasserkraftwerk Kranzberg jetzt. Seitdem hat es viele Höhen und Tiefen erlebt. Zuerst wollte es niemand haben, dann produzierte es Strom auf Höchstleistung, und Ende der 1970er Jahre fiel das Werk in einen Dämmerschlaf. 1999 hat es Markus Engelsberger übernommen. Seitdem ist es zu einem Juwel erblüht, läuft auf Hochtouren und produziert sauberen Strom.

Die drei Generatoren in der Maschinenhalle des Wasserkraftwerks Kranzberg surren ununterbrochen. Über 850 000 Betriebsstunden haben sie inzwischen auf dem Buckel. Doch ihr stolzes Alter von 100 Jahren sieht man den Maschinen nicht an. Kein Wunder: Als Markus Engelsberger das Kraftwerk 1999 übernommen hat, wurden die Generatoren komplett überholt. Genauso wie das gesamte Kraftwerk überhaupt. Mehrere Millionen Euro hat der Energiewirtschaftskaufmann und Rechtsanwalt in die Hände genommen und das Kraftwerk innen sowie außen gründlich sanieren lassen. Ergebnis: Das Wasserkraftwerk Kranzberg ist ein Juwel an der Amper. Und: Es produziert sauberen Strom, ohne klimaschädliche Stoffe in die Luft zu pusten.

Im Jahr 1906 hatte die Süddeutsche Wasserkraft GmbH den Antrag gestellt, an der Amper bei Allershausen ein Wasserkraftwerk bauen zu dürfen. Die Gesellschaft ging am 2. Juli 1908 in die Amperwerke AG auf. Doch die Ingenieure hatten nicht mit dem Widerstand der Anwohner gerechnet: Die Allershausener waren damals gar nicht begeistert von den Plänen: „Sie befürchteten die Ansiedlung von Industrie und damit den Verlust an Arbeitskräften in der Landwirtschaft“, weiß Alfons Berger, Gemeindearchivar von Kranzberg. Schließlich entstand das Kraftwerk haargenau an der nördlichen Gemarkungsgrenze Kranzbergs. Gebaut wurde es dennoch ab Mai 1906 bis Oktober 1910. Der dazugehörige Amperkanal entstand bereits vorher. Exakt 2 498 774,94 Reichsmark kostete der Bau des Kraftwerks, wie Berger in den alten Unterlagen gefunden hat. „Für diese Gegend hier war der Bau eine revolutionäre Entwicklung, vergleichbar mit der von Computer und Internet heute“, sagt der Gemeindearchivar. Im Kraftwerk wurde anfangs ein Gefälle von 6,70 Metern genutzt, damit das fallende Wasser die beiden Turbinen antreiben konnte. Diese setzten wiederum die Generatoren in Gang. So konnten rund elf Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden.

Solch ein Prestigeobjekt - es war damals eins der fünf größten Drehstrom-Kraftwerke in Bayern - lockte auch Prominenz an. Prinz Ludwig, der spätere König Ludwig III ließ es sich nicht nehmen, bei der Einweihung am 11. März 1911 persönlich anwesend zu sein.

Die Menschen legten ihre Skepsis gegenüber der neuen Technik schnell ab. Gemeinsam mit den Wasserkraftwerken in Weng und Haag versorgte das Werk das gesamte Ampertal mit Strom - zudem die Stadt Freising und mit einer Stichleitung auch die ehemalige Schlüter-Traktorenfabrik. Der Anteil des mit Wasserkraft erzeugten Stroms lag zu dieser Zeit bayernweit bei rund 80 Prozent. Erst in den 1960er Jahren verlor das Kraftwerk zunehmend an Bedeutung: Die explosionsartige Zunahme des Stromverbrauchs wurde von Kohle- und Atomkraftwerken abgedeckt. Der Anteil der Wasserkfraft in Bayern sank bis heute auf 20 Prozent. Das Umspannwerk, ein kleines Technik- und Betriebsgebäude, wurde sogar 1979 abgerissen. Im Zuge der Liberalisierung des Strommarktes verkauften die Amperwerke das Kraftwerk Ende 1999.

Diese Chance nahm Markus Engelsberger wahr. Sein Urgroßvater Matthias Engelsberger errichtete in Siegsdorf (Kreis Traunstein) vor 1890 die erste Stromversorgung. Die Familie baute diese nach und nach zu einem Elektrizitätswerk aus. Markus Engelsberger setzt als Betreiber des Kraftwerks in Kranzberg die Familientradition fort. Und am Anfang bedeutete dies eine Menge Arbeit: „Das Haus war in einem desolaten Zustand, der Staub auf den Maschinen lag so hoch“, erzählt er und zeigt mit seinen Fingern eine Spanne von rund fünf Zentimetern. Nicht nur die Generatoren wurden überholt, auch eine völlig neue Schaltwarte und neue Leittechnik hat er einbauen lassen. „Durch bessere Betriebsführung und eine Erhöhung des Wirkungsgrades bringt das Werk nun 30 Prozent mehr Leistung als zuvor“, sagt Engelsberger nicht ohne Stolz. Und das Innere des Kraftwerks glänzt fast wie in einem Museum: Heller Jurakalk und Bilder aus vergangenen Tagen zieren die Wände. Die alte Schaltwarte auf einer Empore hat er erhalten - quasi als Exempel aus den Anfangszeiten. Das Bayerische Denkmalamt hat das Wasserkraftwerk 2009 zum Industriedenkmal ernannt.

Heute wird hier ein Gefälle von 8,70 Meter genutzt. Die erzeugten 20 Millionen Kilowattstunden Strom versorgen 20 000 Menschen. Im Vollbetrieb strömen rund 40 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Turbinen. Drei Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Maschinen mit einer Leistung von rund 2400 Kilowatt rund laufen - Tag und Nacht. Markus Engelsberger ist nicht erst seit der Katastrophe in Japan davon überzeugt, dass er mit dem Wasserkraftwerk den richtigen Weg gegangen ist: „Ich bin gegen die Atomkraft - und das nicht nur, weil ich ein Wasserkraftwerk betreibe“, erklärt er. Die Endlagerung sei das ungelöste Problem. Diese Frage hat er mit dem Wasserkraftwerk freilich nicht und deutet auf ein Schild neben der Eingangtür. Dort ist zu lesen: „8000 Tonnen Steinkohle, 10 000 Tonnen Braunkohle und 5000 Tonnen schweres Heizöl konnten eingespart werden, und 20 000 Tonnen Kohlendioxid weniger in die Atmosphäre entlassen werden“ - und das seit Inbetriebnahme des Wasserkraftwerks vor 100 Jahren.

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