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Seine Empörung über die Einstellung der evangelischen Kirche zur Seenotrettung bewegte einen Kirchdorfer Gemeinderat zu einer zweifelhaften Aussage. 

Er macht eine zweifelhafte Aussage

Aus Empörung über Seenotrettung: Ein Gemeinderat verweigert Zuschuss für Kirchenglocken

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Der Kirchdorfer Gemeinderat diskutierte über einen Zuschuss für eine Kirchenglockensanierung. Dabei fiel einer der Räte mit einer zweifelhaften Aussage auf. 

Kirchdorf – Die evangelische Kirche in Oberallershausen braucht dringend neue Glocken. Alle drei leiden unter Materialermüdung und müssen deshalb ausgetauscht werden – im Moment ist es still im Glockenturm der evangelischen Kirche.

Um das rund 70.000-Euro-Projekt (inklusive eines neuen Glockenstuhls) zu finanzieren, hat die evangelische Kirchengemeinde Oberallershausen die umliegenden Kommunen um finanzielle Unterstützung gebeten. So auch die Gemeinde Kirchdorf. Bürgermeister Uwe Gerlsbeck berichtete von einem Gespräch mit Pfarrerin Karin Volke-Klinke, die ihm im Detail erläutert hatte, wie die Finanzierung aussehen soll. Demnach trage die Pfarrei Oberallershausen einen Betrag von 27.000 Euro, die Diakonie 25.000 Euro und der Rest, sprich 18.000 Euro, solle über Zuschüsse der Kommunen nach der Anzahl der evangelischen Kirchenmitglieder finanziert werden. Für Kirchdorf wäre das nach diesem Schlüssel ein Zuschuss in Höhe von 2000 Euro, über den im Gemeinderat am Dienstag abgestimmt werden sollte.

„Die Kirche verfügt über genügend Vermögen“

Dazu meldete sich Gemeinderat Martin Endres (CSU/FW) zu Wort. Er würde das nicht begrüßen, weil die Kirche über genügend Vermögen verfüge. Zudem, so Endres weiter, beteilige sich die evangelische Kirche Deutschland an Erwerbskosten für Schiffe, „um noch mehr Flüchtlinge ins Land zu holen“. Wenn „die“ (gemeint war die evangelische Kirche, Anm. der Redaktion) Geld für „sowas“ hätten, wetterte Endres, dann sollen sie doch bitte auch die Kosten für die Glockensanierung selbst tragen. Die Kirchenglocken hätten mit der Gemeinde Kirchdorf nichts zu tun, findet Endres. Und überhaupt: „Es gibt keine Seenotrettung“, so die Überzeugung des Gemeinderatsmitglieds. Vielmehr sieht er in der Finanzierung eines Schiffes, das Ertrinkende aus dem Meer rettet, eine Unterstützung von Schlepperbanden. „Das ist so!“, bekräftigte er nach der Gemeinderatssitzung auf FT-Nachfrage.

Wortmeldung bleibt fast unkommentiert

Gemeinderätin Susanne Ackstaller (FWG) kommentierte Endres’ Wortmeldung: „Zu deiner Ansicht zum Thema Seenotrettung sag ich jetzt nichts.“ Zum beantragten Zuschuss meinte sie: „Der Anteil, den die Gemeinde Kirchdorf übernehmen soll, ist ja nicht sonderlich hoch.“ Ansonsten blieb Endres’ Wortmeldung in der Sitzung am Dienstag unkommentiert. Birgit Weinsteiger-Tauer (CSU/FW) meinte, es wäre nett gewesen, die von Gerlsbeck verlesene Übersicht, welche Gemeinde wie viel zahlt, ebenfalls zu bekommen – „damit das Ganze nachvollziehbar für uns ist“.

Mehrheit stimmt für Bezuschussung

Am Ende war die Mehrheit des Kirchdorfer Gremiums für eine Bezuschussung – mit den Gegenstimmen von Martin Endres und Claudia Reinmoser (FWG). Im Gemeinderat Allershausen war die Zustimmung für den Zuschuss zum Glockenprojekt der Evangelischen Kirche unumstritten. 5000 Euro für die neuen Glocken, die im Frühjahr 2020 gegossen werden sollen, wurden ohne Diskussion und ohne Gegenstimme abgesegnet.

Evangelische Pfarrerin nimmt Stellung zur Aussage von Martin Endres

Pfarrerin Karin Volke-Klinke nimmt Stellung zur Aussage von Gemeinderat Martin Endres: „Im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter wird ein Mensch, der in Not geraten ist, von einem Menschen gerettet, von dem er es am wenigsten erwartet hat: Ein Mensch mit Migrationshintergrund und anderer Religionszugehörigkeit, ein Samaritaner, leistet erste Hilfe und sorgt für die weitere Pflege des Verwundeten. Der Fremde wird ihm so zum Nächsten. Jesus sagt zu seinen Zuhörern: Gehet hin und tut desgleichen. 

Pfarrerin Karin Volke-Klinke nimmt ausführlich Stellung zur Aussage von Martin Endres.

In unsere Gesellschaft werden oft die falschen Fragen gestellt. Die Frage ist nicht, ob wir Menschen, die in Seenot sind aus dem Meer retten. Jede andere Antwort als „ja“ wäre zynisch und mit den Menschenrechten nicht vereinbar. Die richtige Frage ist meines Erachtens die, wie wir die Fluchtursachen bekämpfen können. Klimawandel, eine Weltwirtschaftsordnung, in der die Reichen Länder den Ärmeren Preise diktieren und unzumutbare Lebensbedingungen bescheren, bewaffnete Konflikte, all das sind Gründe, die Menschen in die Flucht treiben. Die reichen Länder könnten mehr gegen die Bekämpfung der Ursachen tun, als sie wahrhaben wollen. Ich kann verstehen, dass die Herausforderung von Integration und Zuwanderung für unsere Gesellschaft manchen Menschen Angst macht. 

Doch der Blick in die Geschichte zeigt, dass offene Gesellschaften, die fähig waren, fremde Bevölkerungsgruppen zu integrieren, sich immer besser entwickelt haben, als Völker, die sich abgeschottet haben. Zu dieser Fähigkeit der Integration leisten die Kirchen sowohl durch ihre Verkündigung als auch durch viele diakonische Initiativen einen entscheidenden Beitrag. Gelebte Frömmigkeit ist kein Selbstzweck. Sie zeigt sich in der Liebe zum Nächsten. Und damit meint Jesus nicht Freunde oder Verwandte, sondern jeden Menschen, auch den, der auf der Flucht ist. Die Frage ist also auch nicht „Seenotrettung oder Kirchenglocken“? Eine der neuen Glocken, die Christusglocke wird die Aufschrift tragen: ,Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen’ (Mt.5,7) Frieden ohne Nächstenliebe ist kein Frieden.“

„Gemeinderat segelt auf falschem Kurs“: Kommentar von Redakteurin Andrea Beschorner

„Wenn Beatrix von Storch in Attenkirchen ihren Auftritt hat, bereite ich mich als Reporterin innerlich auf rechtspopulistische Reden und menschenverachtende Parolen vor. Dass es dafür gar keine AfD-Veranstaltung mehr braucht, hat sich am Dienstag im Gemeinderat Kirchdorf gezeigt. Martin Endres, der für die CSU/FW-Fraktion im Gremium sitzt, hat gegen einen Zuschussantrag der evangelischen Kirchengemeinde Oberallershausen gestimmt – mit der haarsträubenden Begründung: Die evangelische Kirche Deutschland habe gerade erst ein Schiff gekauft, „um noch mehr Flüchtlinge ins Land zu holen“. Seine Überzeugung: „Seenotrettung gibt es nicht, die Aktion ist Unterstützung von Schleppertätigkeit.“ Und wer dafür Geld hat, soll sich seine Glocke selbst zahlen. Ein „schönes“ Beispiel dafür, dass es hetzerische Stammtischparolen mittlerweile überall gibt. Traurig!

Lesen Sie auch: Nachfragen hilft gegen Stammtischparolen: So geht man richtig mit Populisten um

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