Dunkle Wolken ziehen über dem Rathaus Kirchdorf auf: Der Brandschutz macht den Gemeinderäten zu schaffen. Wird nicht schnell gehandelt und sollte etwas passieren, können die Bürgervertreter zur Rechenschaft gezogen werden.
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Dunkle Wolken ziehen über dem Rathaus Kirchdorf auf: Der Brandschutz macht den Gemeinderäten zu schaffen. Wird nicht schnell gehandelt und sollte etwas passieren, können die Bürgervertreter zur Rechenschaft gezogen werden.

Im Rathaus Kirchdorf fehlt der zweite Fluchtweg – Problem seit 28 Jahren bekannt

Gemeinderäte Kirchdorf sind „Mitwisser“ und haften, wenn bei einem Feuer jemand zu Schaden kommt

Im Kirchdorfer Rathaus fehlt der zweite Fluchtweg. Wenn jetzt was passiert, haften die Gemeinderäte.

Kirchdorf – „Wir sind alle Mitwisser – jetzt haften wir alle!“ So eindringlich formulierte der Brandschutzbeauftrage Andreas Stangneth die Gefahren des fehlenden zweiten Flucht- und Rettungsweges im Kirchdorfer Rathaus. Bei der Gemeinderat-Sitzung am Dienstag musste sich Bürgermeister Uwe Gerlsbeck (CSU) deshalb auch entscheiden, wie viele Menschen er noch in den Sitzungssaal lassen möchte. Denn, und das betonte Stangneth mit klaren Worten: Ab 30 Personen wird die Rettung ohne vernünftigen Fluchtweg für die Feuerwehr zunehmend schwieriger.

Zweiter Fluchtweg wurde im Kirchdorfer Rathaus 28 Jahre nicht umgesetzt

Bereits Mitte 2020 waren die Brandschutz-Mängel Thema bei einer Gemeinderat-Sitzung gewesen, vor allem der fehlende zweite Flucht- und Rettungsweg. Das Kuriose dabei: Wohl seit 28 Jahren steht dieser im Bauplan, allerdings wurde er nie umgesetzt. „Warum, weiß ich nicht“, so Gerlsbeck in besagter Sitzung vorigen Jahres. Jetzt aber müsse die Gemeinde dringend handeln, ein Aufschub sei nicht mehr möglich. Als Experten lud der Bürgermeister Stangneth, der klare Worte fand: „Ich will ihnen keine Angst machen, aber wenn jetzt was passiert, haften Sie!“ Denn auch das erklärte der Brandschutz-Fachmann: Eine leistungsfähige Feuerwehr, sprich Berufsfeuerwehr, könne bestenfalls maximal 30 Menschen via beispielsweise Drehleiter retten – danach werde es extrem kritisch. Die nächste Feuerwehr mit einer solchen Drehleiter, so gibt es der Sachstandsbericht her, wäre in Allershausen.

Rathaus Kirchdorf: Gefahr groß, dass ein Feuer Verletzte und Tote fordern könnte

Das heißt im Klartext auch: Alles über dreißig Personen bei beispielsweise Hochzeiten, Versammlungen oder Gemeinderatssitzungen sei im Rathaus per se nicht mehr möglich – jedenfalls so lange es keinen zweiten Flucht- und Rettungsweg gibt. Würde die Kommune jetzt nicht handeln, erklärte Stangneth, wäre die Gefahr groß, dass es bei einem Brand zu Verletzten oder Toten kommt.

„Jetzt sind sie am Zug!“, betonte der Brandschutz-Experte und verwies auf die fünf Varianten, die vom Architekten-Büro vorgelegt wurden – beispielsweise eine Steigleiter oder eine Wendeltreppe, die außerhalb des Rathauses angebracht werden und von einer Tür erreicht werden könnten. Zwar würde rechtlich eine Steigleiter ausreichen, allerdings sollte dabei auch an ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen gedacht werden – dieser „Schlupf“ sei doch sehr beengt.

Auch eine Wendeltreppe könnte Tücken haben: Der Abtransport von Verletzten via einer Liege wäre hier schwer möglich. Stagneth plädierte für eine „gescheite Lösung“, wenngleich er keine der Varianten präferieren durfte: „Ich schlage nichts vor, sonst hafte nämlich ich!“ Grundsätzlich müsste zudem das Rathaus per se überprüft werden, beispielsweise auf ausreichende Brandschutz- und Rauchschutz-Türen. Um eine erste Sicherheit zu geben, wurde der Kommune von der Firma Stangneth nun eine Brandmelde-Anlage gespendet, die ihre Wirksamkeit bei einem ersten Fehl-Alarm bereits lautstark unter Beweis stellen konnte.

„Wir müssen jetzt Step für Step entscheiden“, erklärte Gerlsbeck und legte bei der Sitzung auch gleich die maximale Personenzahl fest, die sich im Rathaus aufhalten dürfe – nämlich 30 Menschen. Im zweiten Schritt entschieden sich Bürgermeister und Gemeinderat gegen „Schlupf“ und Wendeltreppe, sondern für eine Podest-Treppe, über die man das Dach der Schulaula erreicht. Von dort aus sollen mehrere Leitern nach unten führen.

In Angriff soll das Ganze so zügig wie nur möglich genommen werden, ebenso wie ein komplettes Brandschutzkonzept. „Wir sollten auch“, so Martin Heyne (Grüne), „sofort eine Bestandsaufnahme jeglicher gemeindlicher Gebäude in Puncto Brandschutz durchführen.“

Experte nimmt auch gleich die Kirchdorfer Schulturnhalle ins Visier

Eine besondere Frage stellte Stangneth aber auch bezüglich des durch die Pandemie geänderten Tagungsortes der Räte, der Schulturnhalle: „Wo ist denn hier eigentlich der zweite Fluchtweg? Ich sehe keinen!“ „Hier wären wir sicher!“ wusste allerdings Albert Steinberger (CSU/FW): Über ebenerdige Fenster wäre die Flucht nach draußen durchaus möglich.

Sämtliche Kirchdorfer Gemeinderäte mussten nach dem Vortrag des Brandschutz-Experten auch noch unterschreiben, dass sie diesem Vortrag beigewohnt haben und nun über die Gefahren Bescheid wissen. Gerlsbeck bemühte sich um Beruhigung: „Am Ende des Tages hafte ich!“

Richard Lorenz

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