Stolzer Blick zurück: Gründervater Konrad Springer (l.) und sein Mitstreiter Rupert Popp. 
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Stolzer Blick zurück: Gründervater Konrad Springer (l.) und sein Mitstreiter Rupert Popp. 

Interview mit Gründervater Konrad Springer und Rupert Popp

„Gemeinden sind die Gestalter der Zukunft“: Was hinter dem ILE Kulturraum Ampertal steckt

  • Andrea Beschorner
    VonAndrea Beschorner
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Konrad Springer hat ILE Kulturraum Ampertal gegründet und zusammen mit Rupert Popp aufgebaut. Nun wurden die beiden dafür ausgezeichnet.

Kirchdorf/Allershausen – Der eine ist der Gründervater von ILE Kulturraum Ampertal, der andere sein erster und engster Verbündeter in dieser Sache. Zusammen waren sie ein unschlagbares Team, das in puncto interkommunale Zusammenarbeit im Landkreis Freising Geschichte geschrieben hat – gemeinsam mit vielen weiteren Mitstreitern.

Kürzlich wurden Konrad Springer und Rupert Popp für ihre Verdienste um ILE ausgezeichnet – in einer kleinen, internen Feierstunde. Und das, obwohl man sich mit dem Erreichten wahrlich nicht zu verstecken braucht. Ein Gespräch mit zwei ehemaligen Bürgermeistern, die sehr wohl wissen, was sie da Wichtiges für den westlichen Landkreis Freising angestoßen haben. Und zurecht stolz darauf sind.

Herr Springer, eine kurze Reise zu den Anfängen: Mit welcher Intention begann damals alles – Stichwort Interkommunale Zusammenarbeit?

Springer: Ursprünglich war es noch enger gefasst: Wir haben 2005 einen Gemeindeentwicklungsplan für die Gemeinde Kirchdorf erstellt. Der stand ganz unter dem Druck von Zuzug und Wohnbauausweisung. Die Frage, die sich mir dabei gestellt hat, war: Warum wollen die Leute zu uns? Und das Ergebnis war ganz klar. Neben der Nähe zu München und Freising war es unsere Landschaft, das Ampertal, das die Menschen anlockt. Und diese Tatsache – das war das weitere Ergebnis aus dem Gemeindeentwicklungsplan – hört nicht an der Gemeindegrenze auf. So war der Gedanke geboren, mit den Nachbargemeinden intensiver zusammenzuarbeiten.

Was war Ihr erster Schritt?

Springer: Verbündete suchen. Ich bin zu den Nachbarbürgermeistern gegangen, habe denen meine Gedanken mitgeteilt – und ich bin überall auf Interesse gestoßen. Mein erster Ansprechpartner damals war Rupert Popp, mein Bürgermeisterkollege aus Allershausen.

Herr Popp, wie fanden Sie das? Konnten Sie sich sofort mit einer gemeindeübergreifenden Zusammenarbeit anfreunden?

Popp: Ich muss schon sagen, dass damals noch dieses Kirchturmdenken vorherrschend war. Aber es hat sich gut angehört: überörtliche Zusammenarbeit. Wir sind dann zusammen zum Amt für ländliche Entwicklung gefahren, das war der erste gemeinsame Schritt. Nach diesem Gespräch war ich wieder etwas zurückhaltender, denn es hat sich schon alles relativ kompliziert angehört.
Springer: Man muss dazu sagen, dass 2004 erstmals der Fördergrundsatz für interkommunale Zusammenarbeit aufgetaucht ist und sich das Amt für ländliche Entwicklung damals, als wir 2005 mit unserem Ansinnen zu ihnen gekommen sind, auch noch komplett auf Neuland befand.

Was waren die größten Hürden damals?

Springer: Hürden gab es tatsächlich gar nicht. Sogar die Stadt Freising war sofort begeistert mit im Boot. Das war mir sehr wichtig beim Thema Interkommunalität: Denn wir, das Ampertal, sind das Naherholungszentrum für Freising, Freising ist unsere Schulstadt. Der damalige OB Dieter Thalhammer stand dem Ganzen sofort aufgeschlossen gegenüber.
Popp: Wir sind wirklich überall auf Interesse gestoßen. Es gab ein erstes großes Treffen in Thierhaupten, da waren nicht nur Gemeinderäte mit dabei, sondern auch interessierte Bürger. Hier haben wir in einem zweitägigen Brain-storming die fünf Hauptfelder unserer zukünftigen Tätigkeit ausgearbeitet.

Und wer waren die wichtigsten Verbündeten neben den Nachbargemeinden?

Springer: Das Amt für ländliche Entwicklung war unser Hauptpartner. Freilich war es gleich zu Beginn wichtig, seitens der Gemeinden auf positive Resonanz zu stoßen. Ich war ja in der einen oder anderen Sitzung und es war schön zu sehen, dass die Bürgermeister und auch die meisten Gemeinderäte sehr schnell erkannt haben, welche Vorteile eine Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden haben kann.
Popp: Es wurde auch viel kritisch nachgefragt, aber das war auch gut so. In Allershausen hatten wir am Ende keine einzige Gegenstimme.

Herr Springer, wie zeitaufwendig war das alles? Es musste ja nebenher gemacht werden.

Springer: Es war schon sehr zeitintensiv, aber das hat mich nie gestört. Ich bin das Arbeiten gewohnt. Und es hat schon sehr Spaß gemacht, wenn man gesehen hat, was sich da vorwärts bewegt. Es war ein schöner Erfolg, wenn wir wieder eine Gemeinde überzeugen konnten.

Am Ende haben Sie dann zu viele Gemeinden von ILE überzeugt.

Springer: Es sind jetzt zwölf Mitgliedsgemeinden. Moosburg wollte auch beitreten – und Neufahrn zur Ökomodellregion. Beiden Gemeinden hat man aber leider einen Korb geben müssen. Die Obergrenze, um noch vernünftig und konstruktiv zusammenarbeiten zu können, war erreicht.

Hatten Sie ein Vorbild?

Springer: Es gab kein Vorbild, wie gesagt, es war absolutes Neuland. Im oberbayerischen Raum waren und sind wir die Vorreiter auf diesem Gebiet.

Und was ist mit dem Elsass? Dort wird Interkommunale Zusammenarbeit großgeschrieben, es war auch das Ziel mehrerer Reisen von ILE.

Popp: In Frankreich gibt es 34 000 Gemeinden. Gerade im Elsass konnte man gut sehen, wie die gemeindeübergreifende Zusammenarbeit funktionieren kann.

Springer: Wobei da die Strukturen ganz anders sind als bei uns. Bei uns liegt die Planungshoheit bei der Kommune und es gibt keinen gesetzlichen Rahmen für interkommunale Zusammenarbeit, das passiert alles auf freiwilliger Basis. In Frankreich ist das anders. Dennoch war es immer wichtig, sich dort Impulse zu holen. Deswegen die ILE-Fahrten dorthin.

Was haben Sie – zusammen oder jeder für sich – in Ihrer Zeit bei ILE geschafft beziehungsweise geschaffen, was heute unverzichtbar ist?

Popp: Der Kontakt zwischen den Bürgermeistern hat sich wesentlich verbessert. Regelmäßige Treffen, ein regelmäßiger Austausch – das war für die ILE-Gemeinden schnell selbstverständlich. Davor gab es das nicht.
Springer: Die Vertrautheit hat es davor nicht gegeben. Und das hat man auch in der Gemeinderatsarbeit gespürt. Nachbargemeinden, das waren nicht länger die Fremden, die anderen. Man hat plötzlich zusammengehört.

Dann war es vor ILE nicht selbstverständlich, zum Telefon zu greifen, um den Nachbarbürgermeister um Rat zu fragen?

Springer: Nein, absolut nicht. Nun hatten wir auch die Chance, unter Umständen einen Fehler, den die Nachbargemeinde bei einem Projekt bereits gemacht hatte, nicht auch machen zu müssen. Man hat voneinander profitiert – auch von den Erfahrungen der anderen.

Und doch gab es immer wieder die Frage: „Was macht ILE denn eigentlich?“

Popp: Daran waren wir tatsächlich schon auch selbst Schuld. Wir haben es oft versäumt, publikumswirksam zu vermarkten, was da hinter den Kulissen passiert ist.
Springer: Und da ist viel passiert. Aber wir hatten das nicht so auf dem Schirm, zu allem immer die Presse einzuladen.

Sind die Kernthemen noch immer dieselben?

Springer: Die Themen sind gleich geblieben: Entwicklung der Gemeinden – baulich und die Innenentwicklung. Strukturwandel in der Landwirtschaft, Verkehr, Erholung, Wasserwirtschaft.

Popp: All diese Themen sind heute noch aktueller denn je.

Welche Konsequenzen sollten aus der steigenden Aktualität dieser Themen gezogen werden?

Springer: Es wäre wichtig, dass die Gemeinderäte das erkennen. Die Gemeinden sind nicht nur Verwalter, sondern sie sind die Gestalter der Zukunft.
Popp: Nehmen wir nur mal die Hochwasserproblematik. Die Glonn fließt durch Hohenkammer und Allershausen. Wenn die Amper Hochwasser führt, kann das im Zusammenspiel mit der Glonn sehr gefährlich werden. Da gehört zusammen, also interkommunal, etwas aufgebaut.

Heute ist aus dem interkommunalen Zusammenschluss von damals ein Verbund gewachsen mit zwei Vollzeitstellen – der ILE-Geschäftsführerin und der Regionalmanagerin der Ökomodellregion. Sind Sie stolz, wenn Sie heute darauf schauen?

Springer: Zunächst möchte ich an der Stelle betonen, dass das zwei ganz unterschiedliche Schienen sind – auch wenn die beiden in einem Büro sitzen. ILE ist unser freiwilliger Verbund mit völlig offenen Themen. Die Ökomodellregion hingegen ist themenmäßig ganz eng geschnürt. Das, was heute von der Ökomodellregion umgesetzt werden soll – nämlich die Vermarktung regionaler Lebensmittel –, stand schon in unserem ersten ILE-Konzept. Aber jetzt zur eigentlichen Frage: Ja, natürlich ist man stolz auf das, was sich daraus entwickelt hat.
Popp: Es ist durchaus etwas entstanden, was massive Vorteile bringen kann, wenn man alles richtig nutzt.

Nutzt man alles richtig und optimal?

Springer: Ehrlich gesagt läuft es im Moment andersrum, als es sollte. Eigentlich sollte die ILE-Geschäftsführerin Nina Huber die Ideen, die aus den Gemeinden an sie herangetragen werden, begleiten. Aktuell ist es so, dass sie zu einem großen Teil die Ideen liefert und diese auch umsetzt.
Popp: Wir haben Glück, dass wir mit Nina Huber so eine ausgezeichnete Wahl getroffen haben. Sie ist aus Allershausen, hat eine gewisse Lebenserfahrung, war Geschäftsführerin im eigenen Betrieb, hat ein Zusatzstudium absolviert, sie hängt sich rein und arbeitet absolut selbstständig. Dennoch würde ich mir wünschen, dass die Gemeinden mehr Ideen an sie herantragen.

Wo haben Ihre Nachfolger es einfacher als Sie beide damals?

Springer: Es sind Strukturen da, wir haben einen Verein, eine Satzung, eine Geschäftsordnung und eine hauptamtliche Geschäftsführerin. Kurz: Es muss nicht mehr alles Arbeitsintensive nebenher gemacht werden.

Gibt es Projekte, die Sie angestoßen haben, die aber noch immer auf eine Umsetzung warten?

Springer: Es gibt ein fertiges Energienutzungskonzept. Und auch ein Verkehrskonzept, das aber jetzt durch MIA umgesetzt wurde. In LEADER und ILE gab es jeweils von Anfang an die Forderung nach einem Verkehrskonzept. Wir schafften es, ein gemeinsames Verkehrskonzept zu entwickeln, das den Namen Integriertes Mobilitätskonzept „Mittlere Isarregion & Ampertal“, kurz MIA, erhielt.
Popp: Es gäbe Themenfelder, wo eine intensivere Zusammenarbeit möglich wäre. Bereiche, bei denen man über seinen Schatten springen müsste. Beispiel gemeinsames Gewerbegebiet. Den Gedanken hatten wir, daraus ist aber nichts geworden.

Ist für ein gemeinsames Gewerbegebiet nicht doch das Konkurrenzdenken zu groß? Wollen die Gemeinden einen potenziell großen Gewerbesteuerzahler wirklich teilen?

Springer: Auch wenn es nichts geworden ist damals mit einem gemeinsamen Gewerbegebiet, gab es ein ungeschriebenes Gesetz unter den ILE-Gemeinden: Wenn ich kein passendes Gewerbegrundstück für einen Interessenten habe, verweise ich ihn an eine Nachbargemeinde weiter, die ein passendes Grundstück hat. Konkurrenzdenken gab es tatsächlich nicht.

Was ist unerlässlich, um als ILE langfristig Erfolge vorweisen zu können?

Popp: Auch wenn man jetzt eine hauptamtliche Geschäftsführerin hat, braucht es von den verantwortlichen Bürgermeistern immer noch viel Idealismus, Herzblut und Zeit. Konrad Springer hat das alles mitgebracht und den guten Ruf des Ampertals aufgebaut und gefestigt in seiner aktiven Zeit als ILE-Chef. Wie gesagt: Was jetzt ein wenig fehlt, sind Ideengeber. Nina Huber braucht Ideen, die sie liebend gerne umsetzen würde.

Was ist Ihr persönliches Herzensprojekt, das ILE hervorgebracht hat?

Popp: Für mich und Allershausen ist es ganz klar die neue Ortsmitte mit den Glonnterrassen. Ein Projekt, das ohne den ILE-Fördertopf so nie hätte realisiert werden können.
Springer: Für mich ist es in der Gesamtschau die Zusammenarbeit, die Vernetzung und das gute Miteinander aller Mitgliedsgemeinden. Die Basis ist geschaffen – jetzt muss sie nur noch genutzt werden.

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