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Mathias Kellner bot in Kirchdorf viel mehr als nur Musik-Kabarett.

Außergewöhnlicher Auftritt

Musik-Kabarettist Mathias Kellner in Kirchdorf: Einer, der völlig unterschätzt wird

Es war ein außergewöhnlicher Auftritt, den Musik-Kabarettist Mathias Kellner in Kirchdorf seinem Publikum bot. Hier lesen Sie unsere Kritik des Abends.

Kirchdorf – Eigentlich gehört so einer wie Mathias Kellner in einen großen Saal statt in eine Wirtsstube. Denn der Ausnahme-Künstler erfüllt auf gar keinen Fall die altbekannten bayerischen Liedermacher-Allüren zwischen Weißwurst und Weißbier. Beim Schuhbauer in Kirchdorf präsentierte Kellner einen intimen Abend voller magischer Momente – der ebenso gut in einen Circus Krone passen würde.

Woher der Musiker und Liederschreiber künstlerisch kommt, offenbarte sich schon nach wenigen Textzeilen und wenigen Tönen. In der Dichte und auch in der Thematik ist eine starke Zuneigung zu Ludwig Hirsch, dem frühen Wolfgang Ambros und Georg Danzer zu erkennen. Immer ein wenig dunkelgraue Schattierungen, um das Licht ganz sichtbar machen zu können. In Liedern wie „Meine Sorgen“ oder „Kloana Bua“ malte Kellner ganz bewusst mit Reminiszenz-Farben, jonglierte gekonnt mit Kindheits- und Jugenderinnerungen. Nie den Blick verlierend für die Stillen, die alleine am Rand des Fußballfeldes stehen und auf bessere Zeiten warten. Beinahe formulierte er damit eine Fortführung des Bogner-Soundracks von Serien wie „Irgendwie und Sowieso“, sozusagen eine vertonte Sir-Quickly-Biografie. Mit einigen Liedern katapultierte Kellner seine Zuhörer in dieses Bayern der Vergangenheit, mit Byrds-Anleihen im Gitarrenspiel, Mofa-Träumereien und der ersten großen Liebe.

Es nennt sich Musik-Kabarett, ist aber viel mehr

Musik mit Geschichten witzig zu verbinden, ist in der Branche sehr beliebt geworden, um ein größeres Publikum zu ziehen. Allerdings ist Kellner einer der wenigen, dem das auch gelingt. Es sind keinesfalls nur lose Erklärungen zu den jeweiligen Songs, sondern vielmehr eine ganz eigene literarische Landschaft, in der sich der Musiker bewegt. Von Bushäusl zu Bushäusl begegnete man merkwürdigen Gestalten und Erinnerungsfetzen. Zwar nennt sich das Musik-Kabarett, war aber hier in Wirklichkeit viel mehr. Es war eine Mitfahrgelegenheit zu den ersten eigenen Dummheiten und den ersten wirklichen Sehnsüchten. 

So ist es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass sein jüngstes Album „Tanzcafé Memory“ heißt. „Zucker, Baby“ von der Scheibe wurde zu einem Mitsing-Reißer des Abends – und auch hier wieder, mitten in der Stop-Time eine Verneigung, dieses Mal vor Josef Hader. Das Phrasieren der Zwischentöne war ein Erlebnis.

Aktuell einer der wichtigsten Künstler der Szene

Noch wird Mathias Kellner völlig unterschätzt und nicht ausreichend gewürdigt. Viel zu außergewöhnlich sind seine Arbeiten und seine Auftritte. Dabei ist er vermutlich aktuell einer der wichtigsten Mundart-Künstler, die die Szene hergibt.

Bei dem Schuhbauer-Konzert in Kirchdorf hat er es bewiesen: Auch bayerische Lieder können das Niveau eines späten Johnny-Cashs haben. Können den Bogen spannen zwischen Anspruch und Unterhaltung, ohne je in eine Attitüde zu rutschen. Es ist zu hoffen, dass er beim nächsten Mal den Saal bespielen darf – mit Bühnengeschichten wie einst Ludwig Hirsch. Oder halt dann gleich den Circus Krone.

Richard Lorenz

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