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Stiller Riese: Das Kohlekraftwerk Zolling. Links der 220 Meter hohe Kamin, rechts der 80 Meter hohe Kühlturm. In der Mitte (blau) das Kesselhaus, wo die Kohle verbrannt wird.

Kohlekraftwerk Zolling: Ruhrpott an der Amper

Zolling - Wer vom Atomausstieg spricht, kann von Kohlekraftwerken nicht schweigen. Nach dem absehbaren Aus für die Kernenergie dürften diese noch wichtiger werden. Wie der Energiegigant bei Zolling.

„Ist doch schön, oder?“ Werkleiter Lothar Schreiber lehnt an der Brüstung auf dem Dach des 103 Meter hohen Kohlekessels. Hier hat man einen schönen Blick auf das gut 30 Kilometer entfernte Kernkraftwerk bei Landshut. Die Dampfschwaden des Kühlturms von Isar II steigen fast senkrecht in den Himmel, ein Fanal für die Energiepolitik Bayerns. Der 220 Meter hohe Kamin des Steinkohlekraftwerks bei Zolling direkt neben dem Amperkanal raucht nicht, die dreifach gefilterten Abgase steigen unsichtbar in den Himmel. Und der Kühlturm ist derzeit gar nicht in Betrieb – er wird nur eingeschaltet, wenn das abgeleitete Kühlwasser die Amper zu stark erhitzen würde. Maximal drei Grad sind erlaubt.

Schwarzes Gold: Eine Kohlehalde dieser Größe wird in Zolling innerhalb von zehn Tagen verbrannt.

Zolling hat die Leistungsfähigkeit eines halben Isar I, jenes Meilers also, der seit dem Atommoratorium abgeschaltet ist. Es ist das größte Kohlekraftwerk Bayerns und seine Dimensionen sind gigantisch. 582 437 Tonnen Steinkohle wurden im vergangenen Jahr in Zolling verbrannt, dazu noch etwa 33 000 Tonnen Klärschlamm, der aus Bayern kommt. Täglich liefern zwei bis drei Güterzüge Steinkohle an – jeweils 1250 Tonnen, die dann für einige Tage auf riesigen Halden liegen. Ruhrpott an der Amper. Doch die Kohle stammt nicht aus heimischer Produktion. Etwa ein Drittel kommt direkt aus polnischen Gruben, der Rest wird weltweit angekauft, über Rotterdam per Zug nach Zolling gekarrt und dort verstromt.

Außerhalb der Region ist das Kraftwerk kaum bekannt. Es ist ein stiller Riese. Die Kraftwerksleitung unterstützt die örtliche Lebenshilfe, das Vereinsleben, die 120 Mitarbeiter wohnen in den umliegenden Orten, man fühlt sich akzeptiert in der Gegend. Werkleiter Schreiber ist ein gemütlicher Bayer, den die aufgeregte Diskussion um Kernkraft unbeeindruckt lässt. Der Standort Zolling, sagt Schreiber, hat Zukunft.

Werkleiter Lothar Schreiber im Kühlturm.

Erst 2009 wurde sein Kraftwerk vom Energieriesen Eon gegen Kraftwerkskapazitäten im Ausland getauscht. Seitdem hat der hierzulande weithin unbekannte Konzern GDF Suez auch im Ampertal einen veritablen Standort. GDF Suez hat französische Wurzeln und geht letztendlich auf den Erbauer des Suez-Kanals, Ferdinand de Lesseps, zurück. Es ist sicher kein Öko-Konzern, auch wenn zum Kraftwerkspark Windenergie und Gasspeicher gehören. In Frankreich und Belgien betreibt GDF Suez Kernkraftwerke. Am schwäbischen Atommeiler Gundremmingen besitzt GDF Suez Strombezugsrechte. In Deutschland hat der Konzern ein Pumpspeicher- und zwei Kohlekraftwerke, ein weiteres in Wilhelmshaven ist in Bau.

 Wo Kohle verbrannt wird, entsteht der Klimakiller CO2. Bei diesem Thema senkt der aus Berlin angereiste Kommunikationsdirektor Karl-Peter Thelen den Kopf und rührt sehr intensiv im Kaffee. Aber er verschweigt die Daten nicht. Die modernsten Kohlekraftwerke haben einen Ausstoß von etwa 750 Gramm je Kilowattstunde. Zolling hat etwa 800 Gramm Kohlendioxid. „Wir sind nicht so schlecht“, sagt Werkleiter Schreiber. Insgesamt emittiert Zolling etwa 1,4 Milliarden Kilo CO2 im Jahr. Zum Vergleich: Ein modernes Auto stößt etwa 130 Gramm CO2 je Kilometer aus. Um die in Zolling jährlich erzeugte Menge CO2 zu erreichen, müsste ein Auto also 10,7 Milliarden Kilometer weit fahren – eine unvorstellbare Zahl.

Obwohl Zolling etwa die halbe Leistung von Isar I hat, betrug die Stromerzeugung 2010 nur ein knappes Drittel. Das liegt daran, dass Kernkraftwerke in Deutschland zur Grundlastversorgung beitragen, also abgesehen von Revisionszeiten Tag und Nacht in Betrieb sind. Zolling gehört zu den Mittellast-Kraftwerken, die am Wochenende auch mal ausgeschaltet werden. Rechnerisch lief Zolling im vergangenen Jahr nur an 230 Tagen. Man könnte auch mehr, heißt es selbstbewusst.

Allerdings macht der Steinkohlepreis Sorgen. Er hat sich binnen eines Jahres zeitweise fast verdoppelt. Derzeit gibt Zolling für eine Tonne Kohle etwa 100 Euro aus – pro Jahr 50 Millionen Euro. Der Preis könnte weiter steigen, aber aus geht der Brennstoff erst mal nicht. Steinkohle, das gibt es doch „nahezu unendlich“, sagt Kommunikationschef Thelen angesichts dieser Frage leicht verwundert.

von Dirk Walter

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