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Bürgermeisterkandidat Ozan Iyibas: „Ich vertrete die christlichen Werte“.

„Ich kann ein Türöffner für Intergration sein“

Muslim Ozan Iyibas will CSU-Bürgermeister in Neufahrn werden

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In Neufahrn soll der türkischstämmige Gemeinderat Ozan Iyibas (37) für die CSU als Bürgermeister kandidieren. Die Erfahrungen seines Kollegen Sener Sahin in Wallerstein schrecken ihn nicht ab. 

Neufahrn - Der Aufruhr war groß, als der türkisch­stämmige Unternehmer Sener Sahin in der schwäbischen Gemeinde Wallerstein auf seine Bürgermeister-Kandidatur für die CSU verzichtete. Zu groß waren die Widerstände an der Parteibasis gegen einen muslimischen Bewerber. In Neufahrn bei Freising soll nun der ebenfalls türkisch­stämmige Gemeinderat Ozan Iyibas (37) für die Christsozialen als Bürgermeister kandidieren. Am Freitagabend sollte er (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) nominiert werden. Einer Umfrage zufolge ist Bayern in der Frage gespalten, ob ein Muslim Bürgermeister werden darf. Die Augen der Öffentlichkeit richten sich jetzt umso mehr auf die 20 000-Einwohner-Gemeinde im Münchner Speckgürtel und den Kandidaten in spe. Wie der Bankkaufmann Ozan Iyibas mit dem Rummel umgeht, erklärt er im tz-Interview.

Herr Iyibas, Sie sind auf der Neufahrner CSU-Gemeinderatsliste Nummer eins und wohl auch bald Bürgermeisterkandidat. Wie kam es dazu?

Wenn man in der Vergangenheit für die Partei und den Ortsverband Leistung erbracht hat, geht der auf einen zu und sagt: Ozan, du stehst jetzt ganz vorne, du sollst die Liste anführen. So war das, und das war ein sehr schöner Moment für mich.

War Ihre Herkunft im Ortsverband bisher ein Thema?

Ich bin 2007 eingetreten, nachdem CSU-Funktionäre bei mir zu Hause waren. Das war kurz vor den damaligen Kommunalwahlen. Sie hatten mich gebeten, dass ich für die Liste kandidiere. Meine Herkunft war am Anfang nicht das Thema. Nachdem ich in die CSU eingetreten war, waren aber auf jeder Veranstaltung alle Augen auf mich gerichtet. Man konnte die Gedanken lesen: Was will der jetzt bei uns? Es gab auch die andere Seite, die mich gefragt hat: Du bei der CSU? Ist das ein Witz?

„Ich bin mehr als meine Herkunft“

Ist das nicht seltsam, auf die Herkunft reduziert zu werden?

Klar. Ich verstehe auch, dass man sich jetzt für meine Herkunft und den muslimisch-alevitischen Glauben interessiert, der bei mir säkular und liberal ist. Aber ich bin mehr als meine Herkunft. Ich wurde vor 37 Jahren in Freising geboren und lebe seitdem in Neufahrn, ich habe hier in der Gesellschaft etwas erreicht. Ich wollte der Gesellschaft durch mein politisches Wirken immer etwas zurückgeben.

Warum sind Sie in die CSU eingetreten?

Ich vertrete die christlichen Werte. Als ich zehn Jahre alt war, ging meine Mutter mit mir eines Sonntags in die Kirche. Ich war verdutzt, fragte: „Mama, wieso?“ Wir haben die Predigt gehört, sie sagte danach: „Ozan, du bist hier geboren, du gehst in die Schule, wirst hier arbeiten und wirst dein gesamtes Leben in Deutschland verbringen. Ich möchte, dass du die Werte, Kultur, Traditionen, auch die Religion hier kennenlernst. Irgendwann kannst du entscheiden, welchen Weg du gehst.“ Ich bin weiter Alevit, gehe aber gerne in die Kirche, weil es mir Kraft gibt.

„Wir brauchen Rollenvorbilder mit Migrationsgeschichte“

Sind die Unterschiede der beiden Religionen überhaupt so groß?

Christentum und Islam sind abrahamitische Religionen, es gibt viele Gemeinsamkeiten. Es gibt aber nicht den Islam, auch nicht das Christentum. Die Frage ist: Wie gehen die Menschen mit dem Islam um? Missbrauchen sie ihn als politischen Islam? Letzteres ist Gift für die gesellschaftliche Entwicklung und den Zusammenhalt. Dem möchte ich Einhalt gebieten. Wir brauchen Rollenvorbilder mit Migrationsgeschichte.

Sie versuchen diese Aufgabe mit Leben zu erfüllen. Aber ist das einfach für Sie?

Wenn ich Hans Meier heißen würde, hätte ich es leichter, meine Inhalte und Kompetenzen darzustellen. So muss ich erst einmal meine Herkunft erklären. Dem stelle ich mich aber, weil ich ein Türöffner sein möchte. Dafür, dass auch Menschen mit Migrationsgeschichte sagen können: Das ist unser Land. Es darf kein Ihr- und Wir-Denken geben.

Ich bin keiner, der Symbolpolitik machen möchte

Ministerpräsident Markus Söder hatte sich nach den Vorfällen in Wallerstein in einem Interview entsetzt gezeigt. Hatten nicht er und die Vorgänger mit Kruzifix- und Leitkultur-Debatten ganz andere Signale gesetzt?

Das war sicher nicht alles hilfreich. Ich bin keiner, der Symbolpolitik machen möchte. Das Wichtigste ist Authentizität. Man kann nicht vom Haudrauf-Politiker zum Landesvater werden, der Bäume umarmt. Mir fehlt eine klare Linie. Die hat die CSU bei der künstlichen Intelligenz und der Raumfahrt. Aber bei gesellschaftlichen Dingen, wo es weh tut, wo wir uns positionieren müssen, wo wir Haltung zeigen müssen, fehlt mir das. Beim Thema Muslime in der CSU muss ein ganz klares, ernsthaftes Statement kommen, nicht lapidar ein Halbsatz in einem Interview. Da muss man sagen, wir machen eine Pressekonferenz mit ein, zwei Vertretern, das ist Chefsache.

Treibt man die Deutschtürken nicht dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Arme, wenn man ihnen hierzulande keine Angebote macht?

Selbstverständlich. Wir müssen die Menschen fördern, die Teil der Gesellschaft sind. Die Politik muss Begegnungsräume schaffen – zum Beispiel für sunnitische Musliminnen, die zu Hause bleiben und mit Kopftuch ihre Traditionen pflegen, die anderen Männern nicht begegnen wollen. Begegnungsstätten, wo sie auch Deutsch lernen können. Anders werden wir es nicht schaffen, sie aus ihrem Mauseloch herauszuholen.

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