„Wir hängen viel Freizeit hinten dran“: (v. l.) Das Kranzberger Ärztepaar Dr. Michael und Angelika Haslbeck und Praxis-Personalmanagerin Gudrun Schmid (r.) arbeiten zwischen Normalbetrieb und Corona-Impfungen am Limit. privat
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„Wir hängen viel Freizeit hinten dran“: (v. l.) Das Kranzberger Ärztepaar Dr. Michael und Angelika Haslbeck und Praxis-Personalmanagerin Gudrun Schmid (r.) arbeiten zwischen Normalbetrieb und Corona-Impfungen am Limit. privat

Fatale Folgen nach Aufhebung der Priorisierung

„Ausbaden müssen es wir Ärzte“: Kranzberger Praxis-Team über den Impfdruck, den die Politik ausgelöst hat

  • Manuel Eser
    VonManuel Eser
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Die Politik hat den Druck auf die Ärzte mit ihren Impfentscheidungen massiv erhöht. Ein Praxis-Team aus Kranzberg spricht Klartext über die fatalen Folgen.

  • Seitdem die Politik die Impfpriorisierung aufgehoben hat, ist der Druck auf Ärzte gestiegen.
  • Den Ärzten schlägt von leichtem Ärger bis Wut die ganze emotionale Bandbreite entgegen, wenn sie Patienten vertrösten müssen.
  • Denn noch immer ist der Impfstoff knapp.
  • Dr. Michael und Angelika Haslbeck aus Kranzberg haben auch eine klare Meinung zur Impfung von Jugendlichen.

Kranzberg – Gar nicht so einfach, die Praxis Dr. Michael und Angelika Haslbeck für das vereinbarte Telefoninterview zu erreichen. Immer wieder ist belegt, und das hat, wie sich herausstellt, genau mit dem Thema zu tun, über das wir sprechen wollen: die Aufhebung der Impfpriorisierung und welche Folgen sie für die Arztpraxen hat. Denn seitdem sich jeder zur Impfung anmelden darf, steht das Telefon nicht mehr still.

Zum Gespräch mit Arzt und Ärztin gesellt sich auch Gudrun Schmid, Praxismanagerin der Kranzberger Praxis. Die drei berichten über dankbare und weniger dankbare Patienten, über schlaflose Nächte und den Druck, den die Politik auf sie ausübt.

Arztpraxen arbeiten seit Beginn der Pandemie am Anschlag. Mit den Impfungen gegen Corona haben Sie eine weitere zusätzliche Aufgabe übernommen. Wie stehen Sie der Aufhebung der Priorisierung gegenüber?

Michael Haslbeck: Das ist letztendlich eine politische Entscheidung, die sehr überraschend gekommen ist. So wie ich das sehe, möchte der Ministerpräsident im Wahlkampf sagen können, dass Bayern bei der Freigabe der Impfstoffe für alle ganz früh dabei war.

Und was halten Sie von der Entscheidung?

Michael Haslbeck: Natürlich wollen wir weiterkommen beim Impfen. Das Problem ist nur, dass jetzt so ein Ansturm auf die Hausärzte stattfindet, dass wir in unserer Arbeit eher gebremst werden.
Angelika Haslbeck: Nachdem die Priorisierung aufgehoben wurde, standen schon am ersten Tag Patienten in der Praxis, die gemeint haben, dass sie jetzt sofort geimpft werden können.

Ein Drittel vergibt Arztpraxis weiterhin nach rein medizinischen Kriterien

Was aber so nicht möglich ist.

Angelika Haslbeck: Nein, leider nicht.
Michael Haslbeck: Das Problem ist, dass der Impfstoff weiterhin knapp ist. Wir werden nicht gerade im Überfluss beliefert – im Gegenteil.

Wie werden Sie dem Ansturm der Patienten Herr?

Gudrun Schmid: Wir haben inzwischen zwei Drittel der Termine online gestellt, damit das Telefon etwas weniger läutet. Da gehen wir tatsächlich nach dem Windhund-Prinzip vor: First come, first served. Wer zuerst kommt, malt zuerst. Das letzte Drittel vergeben wir aber weiterhin nach rein medizinischen Kriterien.

„Wir erleben von leichtem Ärger bis Wut die ganze Bandbreite“

Sie verlieren also diejenigen, die gesundheitlich eigentlich zu priorisieren wären, nicht aus dem Blick?

Michael Haslbeck: Gerade diejenige, die jetzt so geduldig waren, die im Alter von Anfang 60 oder Ende 50 sind, wollen wir nicht hinten runterfallen lassen. Denn da sind viele dabei, die bei Online-Anmeldungen eben nicht so versiert und schnell sind wie Jüngere. Die Frau Meier oder der Herr Müller, die brauchen Ansprechpartner, und die werden von uns in der Regel auch aktiv angesprochen.

Wie sind die Reaktionen bei denen, die nicht sofort einen Termin ergattern?

Michael Haslbeck: Die ganz krassen Fälle, wo jemand sich hinstellt und sagt, er geht jetzt nicht mehr weg, bis er geimpft ist, haben wir zum Glück nicht gehabt. Da haben wir auf dem Land vielleicht noch eine etwas angenehmere Patientenstruktur als in der Stadt.
Angelika Haslbeck: Aber trotzdem haben wir von leichtem Ärger bis Wut die ganze Bandbreite erlebt. Und natürlich gibt es viel Unverständnis, wenn sich etwa eine 59-Jährige fragt, warum ihr gesunder 25-jähriger Nachbar schon geimpft ist, aber sie nicht.

Früher impfen wegen Urlaub? - „Menschlich verständlich, medizinisch fatal“

Wird auch getrickst, um früher an eine Impfung zu kommen?

Michael Haslbeck: Mit Sicherheit. Manche, die wir vertrösten müssen, versuchen es auf verschiedenen Kanälen, was ihr gutes Recht ist, etwa über mehrere Impfzentren oder auch über den Betriebsarzt. Wir erleben aber auch, dass sich Menschen etwa mehrere Profile im System geben, um über diese Mehrfachanmeldung eine Impfung abzugreifen.
Angelika Haslbeck: Was wir ebenfalls verstärkt erleben, sind Patienten, die versuchen, ihren Termin für die Zweitimpfung nach vorne zu legen, um in den Urlaub fahren zu können. Menschlich verständlich, aber medizinisch natürlich fatal. Denn wer zwischen Erst- und Zweitimpfung zu wenig Abstand lässt, hat einfach deutlich weniger Schutz, und deshalb halten wir uns da an die Empfehlungen der STIKO – auch wenn es dann schon mal zu Diskussionen kommt.

Das Vakzin als Reisepass für den Urlaub ist ja eine komplette Zweckentfremdung der Impfung. Vergessen die Menschen, dass es hier um den Schutz vor einer tückischen Krankheit geht – für einen selbst und die anderen?

Angelika Haslbeck: Vor Kurzem war jemand bei uns, der unbedingt nach Norwegen wollte. Dem habe ich auch erklärt, dass es medizinisch keinen Sinn macht, die Zweitimpfung beliebig nach vorne zu verlegen: „Was nützt Ihnen das, wenn Sie keinen Schutz haben?“Das hat der Patient dann eingesehen, weil es um sein Wohl ging.
Michael Haslbeck: Das grundsätzliche Problem ist, dass die meisten Leute natürlich nicht verstehen, was immunologisch im Körper passiert, warum drei oder sechs Wochen für die Gedächtniszellen einen großen Unterschied ausmachen,

„Wir Ärzte sind seit Wochen und Monaten im Vollgasmodus“

Eine große Mehrbelastung für die Ärzte, sich diesen ganzen Diskussionen stellen zu müssen.

Angelika Haslbeck: Ja, es ist schon viel Überzeugungsarbeit nötig, und das ist zum Teil wahnsinnig mühsam.

Hatten Sie schon schlaflose Nächte?

Angelika Haslbeck: Bis wir die Termine online freigeschaltet hatten, haben wir uns den Kopf zermartert, wie wir das alles auf die Reihe bekommen sollen. Da haben wir schon zweimal schlecht geschlafen. Zugleich muss man die Qualität in der Praxis für alle anderen Patienten trotzdem erhalten. Es darf einem ja auch sonst auch nichts durchrutschen. Man muss sich neben dem Unmut, der aufgrund der Impfungen entsteht, auch auf den Zweijährigen einstellen, der schreit, weil er Fieber hat. Das ist ein enormer Spagat.
Michael Haslbeck: Wir sind seit Wochen und Monaten im Vollgasmodus. Gestern ist der letzte Patient um 19.50 Uhr aus der Praxis gegangen. Und dann muss noch die ganze Dokumentation gemacht werden.
Gudrun Schmid: Die ganze Impfplanung ist ein wahnsinniger Wust. Wir Arztpraxen sollen handeln, sind aber im Alltag ständig mit vielen dicken Fragezeichen konfrontiert: Wie viel Fläschchen sind noch da? Wie können wir in der nächsten Woche rechnen? Lassen wir uns einen Puffer für ungeplante Ereignisse? Bei Erstimpfungen müssen wir die Zweitimpfungen bei den Bestellungen mit einberechnen. Das geht immer nur über kurzfristige Planung, und zugleich darf man den richtigen Zeitpunkt für die Bestellung nicht verpassen, sonst steht man ohne Impfstoff da.

„Man liegt nachts schon mal im Bett und kann nicht schlafen“

Hand aufs Herz – ist Ihnen das schon einmal passiert?

Gudrun Schmid: Toi, toi, toi – bisher ging bei uns alles gut, aber das läuft halt nicht neben der Sprechstunde. Wir hängen viel Freizeit hinten dran. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, da liegt man nachts schon mal im Bett und kann nicht schlafen, weil man angestrengt überlegt: Habe ich alles gemacht? Habe ich auch alle regulären Dinge erledigt? Da ist man schon am Limit.

Bekommen Sie von den Geimpften zumindest positives Feedback?

Gudrun Schmid: Wir erhalten viele nette Dankesschreiben. Die hängen bei uns alle an einer Pinnwand. Und wenn man mal unverhofft dazukommt, einen Kaffee zu trinken, dann lese ich mir die Dankesschreiben auch gern durch. Dann geht es mir persönlich auch wieder besser. Das gibt viel positive Energie.

Hat es bei Ihnen eigentlich schon Bestechungsversuche gegeben?

Michael Haslbeck: (lacht) Bisher zum Glück nur im Spaßbereich. Eine Patientin hat uns mal einen Kuchen vorbeigebracht. Aber die war schon geimpft. Das war also eher ein Dankeschön.

„Wir halten uns strikt daran, was wissenschaftlich fundiert ist“

Noch ein anderer Aspekt: Wie stehen Sie dazu, dass die Politik Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren bis Ende August ein Impfangebot machen will, obwohl die STIKO Impfungen nur für den Fall einer Vorerkrankung empfiehlt?

Angelika Haslbeck (seufzt): Noch so ein Thema, wo die Politik den Druck auf uns Ärzte enorm erhöht. Jetzt kommen viele Eltern und fragen, ob sie ihr Kind schon impfen lassen können.

Ihre Antwort?

Angelika Haslbeck: Wir halten uns strikt daran, was wissenschaftlich fundiert ist, und nicht an das, was die Politiker sagen. Ausbaden müssen es trotzdem wir Ärzte.

Sind Kinder gefährdeter, was eine Infektion angeht, wenn alle anderen Altersgruppen demnächst geimpft sind?

Angelika Haslbeck: Die Abwägung, ob die Erkrankung schwerwiegender ist oder das Risiko der Impfung, kann man derzeit nicht seriös treffen, weil man weder über Long Covid noch über Langzeitfolgen bei Impfungen genügend weiß. Natürlich wäre es fatal, wenn sich eine Mutation entwickelt, die Kinder schwerer betrifft, weil das dann tatsächlich die einzige Altersgruppe ist, die nicht geschützt ist.

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