Tiefer gläubig ist Elvira Baier geworden, seit sie sich auf den Weg gemacht hat.

Elvira Baier im Gespräch

Das Tor zu einer anderen Welt

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Kranzberg - Als sie 50 wurde, hat sie einen Entschluss gefasst: Mehr Zeit für sich wollte sie haben. Und dann hat er sie voll „erwischt“, der Pilgervirus. Jetzt ist Elvira Baier 63, jetzt arbeitet die Gründerin und Leiterin ihres Instituts für Haushaltstechnik und Ökotrophologie in Kranzberg weniger, jetzt ist sie Pilgerbegleiterin.

Dieses „Unterwegssein mit Gott“, das macht nicht nur was mit den Leuten, wie Elvira Baier ihre Beobachtungen beschreibt. Pilgern, das macht auch was mit ihr selbst: Ihr Glaube ist tiefer geworden, sagt sie. Seit über 40 Jahren ist Baier, genauer: Dr. Baier, im Landkreis Freising zu Hause – eben seit sie 1974 in Weihenstephan begann, Ökotrophologie und dann auch Haushaltstechnik zu studieren, sich daraufhin in Kranzberg niederließ und dort auch ihr eigenes Institut für Haushaltstechnik aufbaute. Viel Arbeit, viel Stress hat das bedeutet. Das wollte sie mit 50 ändern, wollte ganz allmählich langsamer treten. 2005, so erinnert sich Baier noch sehr gut, hat sie an einem „Cursillo“ teilgenommen, an einem Glaubensvertiefungswochenende, eine Art Glaubenskurs. Das war eine entscheidende Erfahrung und das war richtungsweisend für ihr weiteres Leben: „Das hat mich sehr berührt, ich habe gemerkt, dass ich bisher meine spirituelle Seite vernachlässigt habe“, erzählt Baier. Das nächste einschneidende Erlebnis hatte sie dann 2007: Mit einer Freundin ging sie zwei Wochen lang den Münchner Jakobsweg. Die Folge: „Der Pilgervirus hat mich voll erwischt.“ In den Jahren danach pilgerte sie immer wieder einmal größere Abschnitte des Jakobsweges in der Schweiz und in Frankreich. Eines Tages, das hat sich Baier vorgenommen, will und wird sie in  Santiago de Compostela ankommen. Aber sie weiß auch: „Alles braucht seine Zeit.“ Vor zwei Jahren wollte sie ein Stück des Jakobsweges mit spiritueller Begleitung gehen. Dabei wurde sie auf die Ausbildung zur spirituellen Wegbegleiterin aufmerksam und konnte trotz ausgebuchter Kurse auf einen Ausbildungsplatz in Österreich nachrücken. 2015 hat sie dann also in der Diözese Linz an fünf Wochenenden eine Ausbildung zur Pilgerbegleiterin gemacht, „da hat sich mir eine neue Welt aufgeschlossen“, wie es Baier ausdrückt. Zur selben Zeit wurde in Freising der Jakobsweg angelegt und dann eröffnet, man suchte Pilgerbegleiter. Und Baier hat sich gemeldet, ist seit Dezember 2015 unterwegs, bietet – Träger sind die Stadt und vor allem das Kreisbildungswerk – beispielsweise Tagespilgern (bis nach Kranzberg) oder Kurzpilgern (bis zum Weltwald) an, ist mit kleinen Gruppe von maximal 20 Menschen unterwegs. Denn: „Die großen Wallfahrten sind nicht so meins.“ Was eine spirituelle Pilgerbegleiterin so macht? Den Menschen das Aufbrechen, das Unterwegssein und das Ankommen bewusst machen und vermitteln, Rituale vollziehen, die Pilgerwege vorbereiten, mit den Menschen in Kontakt treten, und und und. Immer, so sagt Baier, geht es um Körper, Geist, Seele und Kontakt. Die Motivationen, warum sich Menschen auf den Weg machen, wieso sie pilgern, seien ganz unterschiedlich, erzählt Baier: Das reiche von manchen, die eigentlich nur in einer Gruppe wandern wollen, sich dann aber von der ganz eigenen Erfahrung des Pilgerns berühren lassen, bis hin zu Menschen, die ein Erlebnis, eine Erfahrung verarbeiten wollen, die am Ende der Pilgerreise „einen Stein ablegen“ – und das manchmal auch wirklich und symbolisch. So oder so: „Das gibt innerlich Kraft.“ Etwas Kondition braucht man schon und die Füße sollte man auf das Gehen vorbereiten, weiß Baier. Tipps und Tricks dazu hat sie auch gelernt. Zu Fuß – das ist aber auch aus anderen Gründen eine ganz wichtige und besondere Erfahrung: Beim Pilgern findet Begegnung statt, trifft man andere  Menschen, begegnet sich freundlich und „wertschätzend“, kommt leicht ins Gespräch und ist dabei „schnell in einer Tiefe“, wie es Baier beschreibt. Und dazu muss man nicht weite Pilgerreisen unternehmen, das geht auch, so weiß Baier genau, „beim Pilgern vor der Haustür“. Denn beim Tages- oder Kurzpilgern sei es spannend zu erleben, wie die Teilnehmer die eigene Umgebung kennenlernen, wie manche zum ersten Mal den Weltwald sehen, Oberberghausen für sich entdecken und andere schöne Plätze in der nächsten Umgebung wahrnehmen. Für Baier selbst ist ihre neue Tätigkeit der „ganz stimmige“ Weg vom stressigen Berufsleben einer Selbstständigen und einer Mutter von zwei Kindern hin zu einer Lebensführung mit mehr Zeit für sich. Inzwischen, so erzählt sie, arbeitet sie nur noch rund die Hälfte der Zeit im Vergleich zu den Jahren, als sie ihr Institut aufgebaut und vorangebracht hat. Und das sei gut so. Und noch etwas hat Pilgern bei ihr bewirkt: Gläubig war die Katholikin schon immer. Aber durch das Pilgern, das Unterwegssein mit Gott, ist sie „tiefer gläubig geworden“. 


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