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Vincent Kammerloher hat den Krebs besiegt.

Den Krebs besiegt

Vincent ist zurück im Leben

Wolfersdorf - Vincent Kammerloher ist gesund - ein Jahr nach der Transplantation. Der 23-Jährige hat den Krebs besiegt - und sehnt sich nach Alltag, wie er in einem Interview mit dem FT erzählt.

Vincent, wie geht’s dir?

(lacht) Mir geht’s gut!

Du hast es also geschafft und die Leukämie besiegt?

Ja, genau. Ich bin gesund.

Hast du immer daran geglaubt?

Wenn ich ehrlich bin: Es gab schon Tage, da war mir einfach alles wurscht. Ich hab zwar nie gesagt: Ich will nicht mehr. Aber es hat mich einfach nichts mehr interessiert. Ich lag da mit 40 Grad Fieber, und ich hab mich den ganzen Tag nur noch übergeben. Ich wollte meine Ruhe, es war mir egal, was die Leute draußen machen.

Das war nach der Transplantation?

Ja. Die Ärzte waren mit ihrem Latein am Ende. Keiner wusste, wo das hohe Fieber herkam. Bei den Untersuchungen konnte nichts festgestellt werden, was das Fieber begründet hätte - eigentlich war alles in Ordnung. Aber mir ging’s richtig schlecht. Mein Körper hat sich gewehrt. Das muss Ende Februar bis Ende April gewesen sein. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr. Ich hab den ganzen Tag an eine weiße Wand auf der Isolierstation gestarrt. Nachmittags kam dann schon Besuch, meine Eltern, meine Brüder, meine Freundin und auch mal Freunde. Aber wie gesagt: Es hat mich nichts interessiert.

Dann war die Zeit nach der Transplantation schlimmer als nach der Diagnose?

Ja, viel schlimmer. Nach der Diagnose war ich völlig ruhig. Ich hab erst mal gebraucht, bis ich verstanden habe, was es heißt, Leukämie zu haben. Ich musste mich erst mal informieren. Ich war 21. Da beschäftigst du dich nicht mit sowas.

Nach deiner Diagnose hast du zu mir gesagt: „Die Frage nach dem Warum stell’ ich mir nicht?“ Kam das später noch? Hast du mit dem Schicksal gehadert und dich gefragt, „Warum ich?“

Nein, das ist immer noch so. Ich hab es angenommen. Mein Vater hat sich viel mit dem Thema auseinandergesetzt. Und schaut man sich die Zahlen an, wird einem klar: Krebs trifft ganz schön viele. Allein im Landkreis Freising erkranken jedes Jahr 1000 Menschen. Das war zwar erst mal ein Schock. Aber wenn ich im Wartezimmer von Dr. von Schilling saß und immer wieder bekannte Gesichter gesehen habe, dachte ich mir: „Du bist einer von Vielen.“

Dann haben deine Eltern im August 2013 diese großartige Typisierungsaktion auf die Beine gestellt? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dabei dein genetischer Zwilling findet, tendierte gegen null. Hast du gezögert, dich für die Sache vielleicht sogar missbraucht gefühlt?

Am Anfang voll! Ich wusste, dass man mein Schicksal dazu nutzt, um die Spenderdatei zu füllen. Ich hab lange überlegt. Auch, ob ich mein Foto auf den Plakaten haben will. Es gab viele Gespräche mit der AKB (Aktion Knochenmarkspende Bayern, Anm.d.Red.). Ich hab schließlich zugestimmt. Und wenn ich sehe, dass aus unserer Aktion in Wolfersdorf bereits zwölf Menschen Stammzellen gespendet haben, weiß ich, es war die richtige Entscheidung.

Eineinhalb Jahre später dürfen wir es ja verraten: Du warst damals - heimlich und inkognito - kurz bei der Typisierungsaktion. Eigentlich hättest du das Krankenhaus nicht verlassen dürfen. Wie hast du dich gefühlt, als du all die Leute gesehen hast, die deinetwegen da waren?

Ich war zur Mittagszeit draußen, da gab es diese endlos lange Warteschlange grade nicht. Aber ich hab den ganzen Aufwand gesehen und konnte es nicht fassen. Als ich die Bilder und den Zeitungsbericht gesehen hab, war ich wirklich sprachlos.

Wer waren die wichtigsten Menschen an deiner Seite?

Meine Familie und ganz besonders meine Freundin natürlich. Freunde aus der A-Jugend, meine Fußballer aus Au. Und natürlich mein Arzt, Dr. Christoph von Schilling. Bei ihm hab ich mich verstanden und in den besten Händen gefühlt. Er war eine unglaubliche Stütze, vor allem im ersten Jahr. Sowohl für mich als auch für meine Familie. Er hat mich zwischen den Chemos immer wieder nach Hause gelassen, ich war nicht so eingesperrt, wie ich es von anderen auf Reha gehört habe. Und er hat sich immer Zeit genommen. Bei ihm ist man keine Nummer, er behandelt dich als Mensch.

Gab es Freunde, die mit der Situation überfordert waren?

Überfordert war eigentlich keiner. Im Gegenteil. Es haben sich nach dem Aufruf auch Freunde aus der Schulzeit bei mir gemeldet, zu denen ich schon jahrelang keinen Kontakt mehr hatte. Es hat aber auch nicht täglich das Telefon geklingelt.

Wann hast du erfahren, dass es einen geeigneten Spender gibt?

Ein Arzt hat damals bei uns angerufen, Mama war am Telefon. Es war natürlich eine große Erleichterung - für uns alle. Wobei es ja noch die Überlegung gab, Papa als Spender zu nehmen. Denn das akute Lymphom ist zurückgekommen und man wusste nicht, was es mit mir macht. Den Vater nimmt man bei extrem aggressiven Formen der Leukämie. Es ist eine Gratwanderung: Stammzellen des Vaters wirken aggressiver. Die Wirkung steigt, die Überlebenschance sinkt. Die Ärzte haben sich für einen fremden Spender entschieden. Zum Glück - es hat funktioniert.

Erfahren haben wir es ausgerechnet kurz vor der Typisierungsaktion. Da gab es große Diskussionen: Wenn wir es damals sofort bekanntgegeben hätten, wäre die Aktion ein Flop geworden, weil keiner mehr hingegangen wäre. Wir haben uns in Absprache mit der AKB dazu entschlossen, das erst später publik zu machen.

Wenn du dich an den Vincent vor der Diagnose erinnerst und ihn mit dem jungen Mann heute vergleichst: Was ist anders?

Alles. Gezwungenermaßen. Ich kann ja noch nicht arbeiten, noch bis etwa August nicht. Und langsam wird das echt langweilig. Ich will dann endlich meine Meisterschule machen. Aber für meinen Job - ich bin Zimmerer - muss eben die körperliche Verfassung noch besser werden. Ich hab einfach noch nicht genügend Kraft. Auch das ist das heimtückische an Krebs: Der Verlauf ist bei jedem Menschen anders. Ich hab auf Reha welche kennengelernt, die 18 Monate durchgehend im Krankenhaus verbracht haben. Ich war am Anfang echt blauäugig, hatte mich für die Meisterschule angemeldet und bin mit Schulbüchern im Krankenhaus gelegen, weil ich dachte, in ein paar Monaten bin ich wieder fit. Es ist schon hart, wenn du dann realisierst, dass es mit einem Jahr nicht getan ist. Wenn alles gut geht, kannst du damit rechnen, dass zwei Jahre nach der Transplantation der Alltag, wie du ihn kanntest, wieder beginnen kann. Und darauf freu ich mich schon sehr.

Hat sich deine Einstellung zum Leben geändert?

Ich war schon immer ein positiv denkender Mensch: Mein Glas ist immer eher halb voll. Menschen, die alles schwarz sehen, regen mich wahnsinnig auf. Ich hab als Jugendlicher in einer nicht sehr erfolgreichen Mannschaft gespielt. Wir haben immer verloren. Und trotzdem bin ich bei jedem Spiel mit der Einstellung auf dem Platz gestanden: A bissl was geht bestimmt. Es wird schon! Und diese Einstellung hab ich in alle Bereiche meines Lebens mitgenommen.

Verdankst du es dieser Haltung, dass du es geschafft hast?

Unter anderem bestimmt, ja. Und der Tatsache, dass ich immer viel Sport gemacht hab. Dr. von Schilling hat das von Anfang an zu mir gesagt: Du schaffst das, du bist fit. Und natürlich meiner Familie. Auf Reha gab es zum Beispiel eine junge Patientin, die wurde immer nur von ihrer Tante besucht, weil es die eigene Mutter einfach nicht gepackt hat. Da erlebst du wirklich die wildesten Sachen. Oder ein Mädchen aus Russland, die mit 15 alleine in Deutschland war. Ihre Eltern haben wirklich alles zusammengekratzt, um dem Kind die Behandlung hier finanzieren zu können. Aber es war finanziell nicht möglich, dass ihr Vater oder ihre Mutter sie begleitet hätten. Das ist schlimm. Meine Eltern waren immer da.

Was vermisst du am meisten - abgesehen vom Alltag?

Fußballspielen natürlich. Ich war zwar heuer schon zwei Mal beim Skifahren, das war toll. Aber ich will wieder auf den Platz. Nach meiner Diagnose im März - im Februar hatte ich mir noch neue, superteure Fußballschuhe gekauft - wollte ich das letzte Saisonspiel noch einmal auf der Bank sitzen und hab die letzten 25 Minuten gespielt. In meinen neuen Schuhen. Und zwar Vollgas! Eigentlich war ich ja Verteidiger, aber mein Trainer hat mich bei diesem Spiel als Stürmer eingewechselt. Das war super.

Interview: Andrea Schillinger

Gut zu wissen

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