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Die Jagd nach dem Dünnsein hat Emma (20) zu einer Kranken gemacht. Indem sie ihre Geschichte erzählt, möchte sie junge Menschen davor warnen, in die Magersucht abzurutschen.

Eine 20-Jährige und ihre Leidensgeschichte

Ein Leben zwischen Bulimie und Magersucht

Landkreis - Wenn zum Jahreswechsel die Korken knallen, werden mit den Silvesterraketen jede Menge guter Vorsätze in den Himmel geschickt. Wie etwa der eine: endlich ein paar Kilo abnehmen! Mit diesem Wunsch begann die Geschichte von Emma – auch sie wollte dünner werden. Ein verhängnisvoller Wunsch, der die 20-Jährige schwerkrank gemacht hat.

Emma (Name geändert) blättert in einem ihrer Therapietagebücher, die vor ihr auf dem Tisch liegen. „Ich kann das nicht lesen, das pack’ ich nicht“, sagt sie. Lediglich ein paar der vielen Bilder, die sie in das in Leder gebundene Buch geklebt hat, sieht sie sich an. „40 Kilo hab’ ich damals gewogen.“ Heute sieht sie, dass das extrem dünn war. Ein Erfolg für ein Mädchen, das zwischen Bulimie und Magersucht schwankt? Möchte man meinen. Denn im nächsten Atemzug sagt Emma: „So dünn wäre ich gerne wieder.“ Und es wird klar: Emma hat die Sucht nicht überstanden. 

Vier Jahre nach ihrer sechsmonatigen Therapie ist sie immer noch krank. Über die Gründe dafür spekulieren das Mädchen, ihre Freunde und ihre Familie seit Jahren. Emma wächst behütet auf. In einer Familie wie aus dem Bilderbuch. Ihre Mama ist, wie die heute 20-Jährige erzählt, schon immer auch ihre beste Freundin. Mit ihrem großen Bruder, ihrem Beschützer, versteht sie sich wunderbar, und ihr Vater sei sowieso der Beste. Dann kommt die Pubertät. Das Mädchen fühlt sich nicht mehr richtig wohl in ihrem Körper. „Es war, als würde ich im Schatten meines großen Bruders stehen. Er, der Große, Schlanke, Schöne. Ich, die kleine Schwester, die nicht mithalten kann.“ Emma sucht nach Bestätigung – und findet diese nach ihrer ersten Diät. Als die Kilos schwinden, merkt sie, wie die Jungs sich mehr für sie interessieren. Emma nimmt immer weiter ab. Lange Zeit wird das neue Körperbewusstsein der Jugendlichen von den Menschen in ihrem Umfeld gelobt, sie bekommt bewundernde Bemerkungen über ihr Äußeres. Emma genießt das. Und nimmt weiter ab. Keiner merkt, dass das Mädchen bereits in einem Teufelskreis festhängt – ohne Halt. Ein Entkommen ist nicht mehr möglich. 

Die Therapietagebücher eines kranken Mädchens 

Damals ist Emma 16 Jahre alt. „Wenn ich heute sehe, wie die Mädchen sich runterhungern, wird mir schlecht“, sagt sie. Emma will das nicht länger tatenlos mit ansehen – weiß sie doch, welch schlimme Konsequenzen es haben kann, Dünnsein über die Gesundheit zu stellen. Sie packt ihre Therapietagebücher ein und fährt in die Redaktion des Freisinger Tagblatts. Sie will ihre Geschichte erzählen, anonym, um ihre Familie zu schützen. In der Hoffnung, Jugendliche wachzurütteln, ehe es zu spät ist. 

Bei der Übergabe ihrer Tagebücher macht die junge, bildhübsche Frau mit den großen, lebendigen Augen einen sehr selbstbewussten Eindruck. Ihr Händedruck ist fest, sie strahlt Optimismus und Selbstbewusstsein aus. „Lesen Sie das und melden Sie sich, wenn Sie soweit sind“, sagt sie und verlässt die Redaktion. Warum sie das gemacht hat, Details aus ihrem Leben einer ihr völlig fremden Person in die Hand zu drücken und jetzt über diese schwere Zeit uneingeschränkt offen zu reden? „Ich will, dass keiner das, was ich erlebt habe, erleben muss“, sagt sie zwei Monate nach dem ersten Treffen. Emma ringt sich ein Lächeln ab, es laufen Tränen über ihr schönes Gesicht. 

Die Zerrissenheit der jungen Frau, die in ihren Tagebüchern deutlich wird, spiegelt sich in diesem Moment deutlich wider. Emma ist nicht nur hübsch, sie sieht auch gesund aus. Doch das ist kein Kompliment für sie. „Gesund heißt fett – das ist nicht gut.“ 58 Kilo habe die Waage an diesem Morgen angezeigt. Bei einer Größe von 1,63 Meter. Idealgewicht. Nicht für sie. „Ich habe mich mit 40 Kilo viel zu dick gefühlt. Wie soll es mir mit 18 Kilo mehr gehen?“ Und dann beginnt Emma zu erzählen. Wie schwer es sei, „diese verdammte Sucht“ in den Griff zu bekommen. „Deine Droge, Essen, ist ja immer und überall greifbar. Und nicht nur das – du musst sie nehmen, aber eben in einer anderen Dosis, als sie dir als Suchtkranker guttut. Das ist die Hölle.“ Es bedeute Selbstbeherrschung von früh bis spät. „Wenn du es im Griff hast.“ 

Aber Emma hat es nicht im Griff. In ihrem Leben gibt die Krankheit den Takt vor. Im Moment überwiege die Bulimie. Fressattacken bestimmen ihr Leben. Mit ihrem Freund führt sie eine Wochenendbeziehung. Wenn sie bei ihm ist, kann sie sich oft beherrschen. Klappt es nicht, fährt sie auch an den Wochenenden für ein paar Stunden nach Hause, isst alles, was ihr in die Finger kommt, um sich sofort danach wieder zu erbrechen. Für einen Moment fühlt Emma sich danach gut, leicht – erleichtert. Dann kommt das schlechte Gewissen, die Reue, das Gefühl, es wieder nicht geschafft zu haben. 

Sie zieht aus - um ihre Mutter zu schützen

Als ihre Eltern sie vor mehr als vier Jahren in die Therapie „gesteckt“ haben, habe Emma sie dafür gehasst. „Alleine hätte ich das nie gemacht“, sagt sie. Sie habe sich ja nicht krank gefühlt. Und selbst in der stationären Behandlung sei sie sich immer fehl am Platz vorgekommen. „Da waren Mädchen, die sind vergewaltigt oder misshandelt worden, Menschen, mit einer schlimmen Kindheit. Jungs, deren Vater Alkoholiker waren und sie immer geschlagen haben. Da wusste man irgendwie, wieso sie sich in diese Sucht ,gerettet’ haben“, erinnert sich Emma. Aber unter diesen Menschen habe sie sich immer die Frage gestellt: „Warum hab’ ich das?“ Sie, das Mädchen aus einer stabilen Familie, das geliebte Wunschkind. Die Antwort darauf hat sie bis heute nicht gefunden. 

Was ihr am meisten weh tut, ist nicht die Tatsache, sich und ihrem Körper zu schaden. „Das Schlimmste ist, dass ich meiner Familie damit so weh getan habe.“ Ihrer Mutter, die sich von der Nachbarin hat anhören müssen: „Gib’ halt deinem Kind mal was zu essen.“ Die zahllosen schlaflosen Nächte ihrer Eltern, deren Sorge um Emma ein ständiger Begleiter geworden ist. Um ihre Mutter zu schützen, ist Emma zwischenzeitlich von zu Hause ausgezogen. Damit „sie sich das nicht mehr mit ansehen muss“. Sie habe nämlich gar nicht mehr versucht, die „Anfälle“, wie Emma ihre Fressattacken nennt, vor ihrer Familie zu verbergen. 

Nach ihrer Therapie hat Emma ein Einser-Abi gemacht. Wo sie beruflich einmal stehen möchte, weiß sie nicht genau. Immer wieder probiert sie neue Dinge aus, richtig angekommen ist sie bisher noch nicht. „Zerrissen – auch hier“, sagt sie. Ein wichtiger Bestandteil in ihrem Leben ist der Sport. „Ich muss mich immer bewegen, dann geht es mir besser“, erzählt die junge Frau. Dann sei die Angst zuzunehmen erträglicher. Macht sie zu viel Sport, ist aber die Gefahr, wieder in die Magersucht abzugleiten, größer. „Magersucht bedeutet Struktur, strenge Disziplin.“ 

Emmas Botschaft an alle jungen Menschen

Rückblickend sagt Emma, die Therapie damals habe ihr nichts gebracht. Wohl auch deshalb, weil sie sie nicht freiwillig gemacht habe und Zunehmen damals nur das Mittel zum Zweck war, um wieder rauszukommen – nicht, um gesund zu werden. Das einzige, um diesem Teufelskreis zu entfliehen, ist, da ist Emma sich sicher, erst gar nicht so weit abzurutschen. „Lasst euch nicht vorgaukeln, dünn bedeutet erfolgreich, dünn bedeutet glücklich!“ – das ist der Appell, den Emma an die jungen Leute richten möchte. Die neuen Medien würden ihr Übriges dazu beitragen, um Jugendliche ohne ein gefestigtes Selbstwertgefühl in die Irre zu führen: „Wenn du für ein bearbeitetes Foto auf Facebook, auf dem du zehn Kilo leichter aussiehst, plötzlich Hunderte von Likes bekommst, dann ist das gefährlich.“ Emmas Botschaft: „Lasst euch nicht auf euren Körper reduzieren!“ 

Was Emma sich für ihre Zukunft wünscht: „Ich war schon lange nicht mehr wirklich glücklich. Aber bevor ich das wieder sein kann, muss ich zufrieden mit mir sein. Deshalb ist das mein größter Wunsch: Aufwachen und zufrieden sein. Dann kommt das Glück von allein.“

Andrea Schillinger

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