Landrat Josef Hauner im Interview: Asylkrise ist "Chance für Kommunen"

Landkreis - 2000 Flüchtlinge werden bis Jahresende im Landkreis Freising untergebracht sein. Landrat Josef Hauner gibt einen Überblick darüber, was auf den Landkreis noch zukommen wird.

Lesen Sie hier unsere Geschichte über die Moosburger Flüchtlingsunterkunft: Von guten Absichten, überlasteten Behörden, fragwürdigen Geschäftspraktiken und ausgesperrten Ehrenamtlichen.

Das Thema Flüchtlinge beschäftigt die Bevölkerung, die Medien, die Behörden. Wie sieht das momentan in nackten Zahlen aus? 

Unsere Zuweisungsquote ist im Dezember von 64 auf 81 Flüchtlinge pro Woche gestiegen. Bis Ende dieses Jahres werden etwa 2000 Asylbewerber in 76 verschiedenen Liegenschaften im ganzen Landkreis verteilt leben. Hinzu kommen die Erstaufnahmeeinrichtung mit bis zu 300 Personen in der Moosburger Realschulturnhalle sowie knapp 200 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Natürlich sind diese Menschen und ihre Betreuung für uns ein zentrales Thema. Ungefähr ein Drittel der Mitarbeiter des Landratsamtes ist hier mit eingebunden. Wir haben in den Hochphasen auch Personal umgeschichtet und sind laufend dabei, neue Mitarbeiter einzustellen. Es gibt – wenn nötig – täglich einen runden Tisch, an dem wir die aktuelle Lage besprechen.

-Ächzen Ihre Leute unter dieser Belastung?

Eine große Herausforderung für alle ist etwa, dass Vieles nicht planbar ist. Ein Beispiel: Wir wurden zwar im Oktober des vergangenen Jahres von der Regierung vorgewarnt, dass wir 2015 im Landkreis eine Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung für 300 Menschen bereitstellen müssen. Daraufhin wurde generalstabsmäßig ein Notfallplan erstellt. Wann wir Flüchtlinge zugewiesen bekommen, war allerdings völlig offen. Anfang Juli dann hat uns die Regierung mobilisiert: Wir hatten zwei Tage Zeit, die Sporthalle zur Unterkunft umzufunktionieren.

-Zunächst war von vier bis sechs Wochen die Rede. Mittlerweile ist die Moosburger Turnhalle ja bereits zum dritten Mal belegt.

Das ist die Moosburger Realschulturnhalle.

Wir konnten zum Ende der Sommerferien die Moosburger Halle wieder für den Sport zur Verfügung stellen, da wir dachten, so schnell nicht mehr zum Zug zu kommen. Doch dann – und auch das war nicht planbar – kamen am Münchner Hauptbahnhof im September innerhalb kürzester Zeit tausende Flüchtlinge an. Deshalb mussten wir unsere Moosburger Erstaufnahme schon nach drei Wochen reaktivieren.

-Fühlen Sie sich von der Regierung im Stich gelassen?

Nein. Der Regierung von Oberbayern sind ja ebenso die Hände gebunden und sie ist auf die Unterstützung der Landkreise angewiesen. Dennoch möchte ich an dieser Stelle festhalten: Wir geben in der Erstaufnahmestelle für die Regierung unser Bestes.

-Wie konkret sieht der Ablauf aus? Wann erfahren Sie, wer wann kommt?

Das sind die Herkunftsländer der Flüchtlinge im Landkreis.

Im Moment nimmt der Landkreis, wie bereits gesagt, 81 neue Asylsuchende pro Woche auf. Wir schaffen also meist mit Mühe in den Unterkünften die benötigten freien Plätze und melden diese der Regierung. Wir bekommen beispielsweise die Meldung, dass am Donnerstag ein Bus mit 50 Flüchtlingen bei uns ankommt. Wir aktivieren für diesen Tag das Gesundheitsamt, das Krankenhaus – dort werden die Flüchtlinge geröntgt – und die eigenen Mitarbeiter. Bei uns im Haus findet die Erfassung statt, bekommen die Menschen ihr Geld und Krankenscheine. Oft ist es aber so, dass andere Personen angekündigt wurden, als dann wirklich kommen. So stellen wir uns etwa auf alleinstehende Männer und Familien ein, bereiten die Unterkünfte entsprechend vor, müssen dann aber überwiegend Schwangere und Kinder unterbringen. Daher muss ständig kurzfristig umdisponiert werden. Oft ist es auch so, dass wir ganz spontan erfahren, dass die Flüchtlinge erst am Montagmorgen ankommen. Das heißt wiederum, dass die Mitarbeiter neu eingeteilt werden müssen und unter Umständen am Wochenende arbeiten, um die Ankunft vorzubereiten.

"Wir haben laufend Situationen, auf die kurzfristig reagiert werden muss"

-Und die Registrierung im Landratsamt läuft reibungslos?

Bei der Registrierung und an den Kassenautomaten, an denen die Flüchtlinge ihr Geld abholen, kam es immer wieder zu Gedränge. Jetzt haben wir an allen Auszahlungstagen einen fünfköpfigen Sicherheitsdienst im Haus, der dafür sorgt, dass alles in geregelten Bahnen abläuft. Sie sehen, wir haben also laufend Situationen, auf die kurzfristig reagiert werden muss.

-Und dafür ist mehr Personal nötig. Wie viel zusätzliches Personal gibt es mittlerweile.

Ich lade vierteljährlich alle neuen Mitarbeiter hier in mein Büro zu einer Vorstellungsrunde ein. Dafür hat bisher dieser Tisch (mit zehn Stühlen, Anm. d.Red.) immer ausgereicht. Am vergangenen Montag mussten wir zum ersten Mal in den großen Besprechungsraum ausweichen – ich war selbst verwundert über die vielen neuen Gesichter. Wenn es so weitergeht, werden wir auch 2016 weitere 30 Stellen schaffen müssen.

-Wie viele Sozialpädagogen sind allein für die Flüchtlinge zuständig?

Derzeit sind es zehn, fünf davon über die Wohlfahrtsverbände wie Diakonie und Caritas. Wir schreiben aber laufend Sozialpädagogenstellen aus. Nur ist der Markt mittlerweile ziemlich leergefegt, so dass wir das berufliche Spektrum notgedrungen ausweiten müssen, um mehr Bewerbungen zu bekommen. So beschäftigen wir beispielsweise auch einen Theologen.

-Können die Überstunden, die sich zwischenzeitlich bei Ihren Mitarbeitern angehäuft haben, jemals wieder abgebaut werden?

Das ist natürlich unser Ziel. Aber die Voraussetzung dafür ist, dass irgendwann einmal ein stabiler Zustand eintritt.

"Wir können uns erst wirklich um Integration kümmern, wenn die Zahl nicht mehr in diesem hohen Maß ansteigt"

-Sie sprechen sich also für eine Obergrenze aus?

Wir sollten uns freimachen von solchen Begriffen. Aber wir können uns erst dann wirklich um die Integration der Flüchtlinge kümmern, wenn die Zahl nicht mehr in diesem hohen Maß ansteigt. Der Begriff der Obergrenze ist meines Erachtens auf ein falsches Gleis geraten. Wir reden hier von einer Grenze der Belastbarkeit, die irgendwann einmal erreicht ist – sowohl für die Verwaltung, die Ehrenamtlichen und auch für die Bevölkerung.

-Inwiefern?

Im Containerdorf an der Wippenhauser Straße leben mehrere hundert Menschen.

Wohnraum ist in der Region schon jetzt Mangelware. Wenn die Verfahren zügig abgewickelt werden, brauchen die Flüchtlinge mit Bleiberecht auch Wohnungen. Und das Schlimmste wäre, wenn die angestammte Bevölkerung das Gefühl bekäme, jetzt zählen nur noch Flüchtlinge. Die Wartezeit für eine alleinerziehende Mutter mit Kind auf sozialen Wohnraum beträgt jetzt schon zum Teil fünf Jahre. In der Flüchtlingsfrage kommt also die eigentliche Arbeit dann auf uns zu, wenn es um eine langfristige Unterbringung geht. Die Schwierigkeiten, vor denen wir momentan stehen, werden klein sein im Vergleich zu dem, was im Hinblick auf die Integration der Asylbewerber noch auf uns zukommt. Etwa 20 Prozent der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind Analphabeten. Um die Menschen fit für Schule und Beruf zu machen, brauchen sie viel Unterstützung. Da ist zwischenzeitlich auch schon Ernüchterung bei der IHK und der Handwerkskammer eingetreten, die sich potenzielle neue Arbeitskräfte erhoffen.

"Das Team ist motiviert"

-Schaffen Sie es, Ihr Team täglich, trotz dieser Mehrbelastung, zu motivieren?

Das Team ist motiviert. Jeder identifiziert sich mit dieser Aufgabe. Nehmen wir nur einmal das Beispiel der Containeranlage an der Wippenhauser Straße: Das Hochbauamt hat das Projekt hervorragend umgesetzt. Nach gut drei Monaten war die Unterkunft für mehrere hundert Flüchtlinge bezugsfertig. Der Ehrgeiz, den meine Mitarbeiter an den Tag legen, ist beeindruckend.

-Und die Stimmen aus der Bevölkerung?

Ich bekomme laufend E-Mails mit Vorwürfen. Bürger sagen mir, wir sollen uns das von der Regierung nicht mehr gefallen lassen. Das Wichtigste für mich ist, in dieser Situation nichts zu verschweigen. Unsere Devise lautet: Dinge ehrlich beim Namen nennen und wenn es Schwierigkeiten gibt, diese auch öffentlich machen. Andernfalls schafft man nur Nährboden für Gerüchte und radikales Gedankengut.

-Bei allem Optimismus: Wenn es so weitergeht, der Flüchtlingsstrom nicht abreißt, dann...?

...wird es ungemein schwer, weil die Angebote für dezentrale Unterbringungen weniger werden. Ich appelliere permanent an die Gemeinden, Unterkünfte selbst zu errichten. Ich sehe dies auch als Chance für die Kommunen: Die Anlagen werden voll von der Regierung finanziert und sind auf zehn Jahre für die Unterbringung von Asylbewerbern befristet. Danach stehen sie der Gemeinde zur Eigennutzung zur freien Verfügung.

"Wir können auf kommunaler Ebene nichts beeinflussen"

-Wie muss Ihres Erachtens die Bundes- und Landespolitik handeln?

Wir – das heißt der Landkreistag – hoffen, dass durch Kombination aller ergriffenen Maßnahmen die Zahl der Flüchtlinge abnimmt, alles in geordneteren Bahnen abläuft und wir längere Vorlaufzeiten bekommen. Wir erwarten uns, dass es nicht so weitergeht, wie in diesem Jahr. Wir können auf kommunaler Ebene nichts beeinflussen, weil wir das letzte Glied in der Kette sind.

-Welche Dinge bleiben auf der Strecke?

Wunschsachen. Ich würde zum Beispiel gerne die Klosterbibliothek im Landratsamt neu gestalten. Für Mitarbeiter, die mit dem Rad in die Arbeit fahren, wollen wir einen Duschraum errichten, und es braucht dringend einen größeren Sozialraum für unsere Beschäftigten. Die Kür muss momentan aber warten.

Interview: Andrea Schillinger und Armin Forster

Lesen Sie hier die Geschichte zur Moosburger Flüchtlingsunterkunft.

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