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Bambi-Beschützer: Rehkitze mit Drohnen vor dem sicheren Mähtod gerettet - berührendes Video

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Von: Armin Forster

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Um Rehkitze vor dem grausamen Mähtod zu bewahren, bietet der Freisinger Jagdverein nun einen Spezialdienst mit Drohnen an. Wir waren bei einer Rettung dabei.

Großenviecht – Neugierig blicken auf der Weide liegende Kühe durch die Dämmerung, als um fünf Uhr früh Autos an ihnen vorbei den Holzner-Hof ansteuern. Auf dem landwirtschaftlichen Anwesen in Großenviecht bei Langenbach (Kreis Freising) angekommen, steigen drei Männer und eine Frau aus. Sie werden schon freudig erwartet: Die Kitz-Retter sind da!

Kitz-Retter aus Freising: Grünlandmahd beginnt

Auf den Fluren im Landkreis Freising beginnt dieser Tage die Grünlandmahd. Das Gras steht zwar noch nicht in voller Höhe, ist aber jetzt besonders eiweißhaltig – perfekt für die Silage, das durch Gärung konservierte Grünfutter. Doch nun kommt der Haken: Es ist auch die Zeit, in der Jungwild im dichten Gras der Wiesen Schutz sucht. Statt vor dem lärmenden Mähwerk zu fliehen, kauert sich der wenige Wochen alte Nachwuchs weiter ins Dickicht – und wird dort von der Landmaschine erfasst. Ein blutiges Drama, das die Bauern seit Dekaden beschäftigt und mit herkömmlichen Methoden wie Scheuchen oder Menschenketten selten zuverlässig verhindert werden konnte. Seit ein paar Jahren aber wird das Problem erfolgreich gelöst: durch Luftunterstützung.

Lagebesprechung zwischen Jägern und Landwirt
Lagebesprechung: die Jäger (v. l.) Mareike Wulf, Walter Bott sowie (v. r.) Christoph Iraschko und Alexander Franckenstein im Gespräch mit Landwirt Hans Holzner (vorne) und seinem Mitarbeiter Aykhan Ismayilov. © Armin Forster

Bei den vier Besuchern auf dem Holzner-Hof handelt es sich um Angehörige des Jagdschutz- und Jägervereins Freising Stadt und Land. Per Vereinssatzung haben sich die insgesamt 750 Mitglieder nicht nur der Jagd, sondern auch dem Natur- und Tierschutz verschrieben. Und so startete der Verein vergangenes Jahr ein Projekt. Das Ziel: Drohnen mit Video- und Wärmebildkameras über die Felder zu fliegen und so die Bauern an Tierverstecke zu lotsen.

Kitz-Rettung in Freising: Technik für 12.000 Euro zum Schutz der Tiere

„Es gab ein Förderangebot des Landwirtschaftsministeriums für bis zu zwei Drohnen“, erzählt 2. Vorsitzender Alexander Franckenstein. Also wurde recherchiert, welche Modelle sich am besten eignen – und jetzt verfügt man über zwei Profi-Sets des Herstellers DJI im Wert von rund 12.000 Euro. Dazu wurden mehrere Mitglieder zu lizenzierten Drohnenpiloten ausgebildet und einen Monat lang Einsätze geübt.

Kameradrohne steht startbereit auf einer Wiese
Startbereit: die Drohne mit Wärmebildkamera. © Armin Forster

In Großenviecht wird an diesem Morgen mit Landwirt Hans Holzner kurz die heutige Tour besprochen, dann steigt die Gruppe in die Autos und folgt dem Bulldog über staubige Feldwege. Holzners Sohn Johannes ist selbst Schriftführer beim Jagdverein, er hat die Drohnen-Truppe bestellt. Der Dienst ist ein ehrenamtliches Angebot, eine Spende für die Vereinskasse ist aber gern gesehen.

Kitz-Rettung in Freising muss in den frühen Morgenstunden stattfinden

5.15 Uhr, der Konvoi stoppt an der ersten Wiese. Während Vögel im nahen Waldstück ihr Morgenkonzert geben und eine frische Frühlingsbrise über die Ebene weht, packen die Jäger ihre Koffer aus: Drohnen, Akkus und Bildschirme liegen darin, dazu Ferngläser und Funkgeräte. Walter Bott, Vorsitzender des Vereins, erklärt derweil, warum das in aller Herrgottsfrüh geschieht: „Sobald die Sonne rauskommt, wird jeder Maulwurfshügel erwärmt und auf dem Display erscheint er dann als zusätzlicher auffälliger Fleck, den wir überprüfen müssen.“

Drohnenpiloten und Jäger Christoph Iraschko und Mareike Wulf
Steuern und überwachen die Drohne und ihre Kamerabilder: die Piloten Christoph Iraschko und Mareike Wulf. © Armin Forster

Dann lässt das Piloten-Duo Christoph Iraschko und Mareike Wulf die neonfarbene Kameradrohne abheben. „Maximal 50 Meter hoch“, sagt Franckenstein. „Dann kommt man mit keinem Gesetz in Konflikt.“ In der Nähe des Flughafens braucht es zusätzlich eine Genehmigung der Behörden.

Kitz-Rettung in Freising: Ein dunkler Punkt sorgt für helle Aufregung

Surrend wandert das Fluggerät am Himmel entlang, die Gruppe blickt abwechselnd in die Höhe, in die Ferne und auf das Display, auf der Suche nach Auffälligkeiten. „Da ist was“, ruft Iraschko und sofort scharen sich alle gespannt um die Piloten. Der Mann an den Joysticks lässt die Drohne sinken, um deutlichere Aufnahmen zu erhalten. Auf der linken Displayhälfte, dem schwarz-weißen Wärmebild, ist ein dunkler Punkt zu sehen, dazu rechts der gleiche Ausschnitt als reale Luftaufnahme, wo sich erst im Sinkflug ein brauner Fleck mitten im Grün abzeichnet. Dann hüpft der Fleck plötzlich davon: Es war bloß die ausgewachsene Rehgeiß. Das Tier sucht das Weite und verschwindet in der Umgebung.

Drohnen-Display mit Wärmebildaufnahme und Livebild in Natur.
Doppelter Überblick: Links ist der dunkle Fleck der Wärmebildaufnahme sichtbar, rechts das Rehkitz in Natur. © Armin Forster

Wenige Minuten später deutet Mareike Wulf auf das Display und ist sich sicher: „Jetzt aber!“ Landwirt Hans Holzner und sein Mitarbeiter Aykhan Ismayilov packen einen mit Gras ausgepolsterten Korb und nehmen eilig Kurs auf die Stelle, die unter der blinkenden Drohne liegt. Die Wiese ist noch nass vom Morgentau, dazu ziehen die beiden Männer eine Wolke aus Blütenstaub hinter sich her.

Kitz-Rettung in Freising: Lautes Schreien und große Erleichterung

Als sie die Stelle erreichen, reißt Holzner noch ein paar Büschel Gras aus, mit denen er das Rehkitz packen kann. Dabei springt ein zweites Jungtier auf und saust in Richtung seiner Mutter davon. Das andere Kitz können Holzner und Ismayilov greifen und unter lautem Schreien des kleinen Kerlchens in ihren Korb stecken. Erleichterung macht sich breit.

Drei Personen laufen durch eine Wiese bei Großenviecht
Herrliche Naturmomente gibt es bei den frühmorgendlichen Sucheinsätzen inklusive. © Armin Forster

„Diese Drohnen sind das Beste, was es gibt“, freut sich Hans Holzner. Der 77-Jährige musste in seinem Landwirtsleben schon zu viele Rehkitze verenden sehen. Was er nicht verstehen kann: „Es gibt immer wieder ganz Schlaue, die in Leserbriefen fragen, wofür wir denn Kitze retten, wenn sie ausgewachsen eh erschossen werden.“ Holzner gibt die Antwort gleich hinterher: „Damit die Tiere nicht gequält werden! Und weil am Ende durch verfaultes Fleisch Nutztiere durch Botulismus vergiftet werden können.“

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Der Bauer und sein Helfer heben den Korb mit dem Kitz über einen kleinen Wassergraben am Feldrand und entlassen das Tier auf der anderen Seite in die Freiheit. Dann geht es zurück zu den Fahrzeugen – und mit ihnen einen Kilometer weiter zur nächsten Wiese.

Kitz-Rettung in Freising: Plötzlich ist auch die Polizei am Himmel

6.15 Uhr, die Sonne blitzt langsam durch die Baumreihe eines Hügels am Horizont. „Wir müssen uns jetzt schicken, sonst wird’s zu warm“, mahnt Pilot Iraschko. Doch dann pausiert er die Suche selbst und setzt zum hastigen Sinkflug an: Ein Polizeihubschrauber überfliegt die Gegend, dem will niemand in die Quere kommen. Auch Hochspannungsleitungen und Baumwipfel behalten die Piloten immer gut im Auge.

Landwirt Hans Holzner setzt das gerettete Jungwild im Wald aus.
Kitz im Korb: Landwirt Hans Holzner setzt das gerettete Jungwild im Wald aus. © Armin Forster

Es dauert eine Viertelstunde, dann entdecken die Kitz-Retter ein weiteres Jungtier und wiederholen die Prozedur mit dem Korb. Es wird von Hans Holzner nach 100 Metern durch seinen Wald auf einer Lichtung in die Freiheit entlassen, wo es sich lautstark und mit kräftigen Sprüngen aus dem Staub macht. Zwei gerettete Kitze – bei dieser Bilanz soll es an diesem Morgen bleiben, trotz weiterer Stationen der Gruppe. Für Landwirt Holzner und die Jäger ist diese Ausbeute allerdings mehr als zufriedenstellend.

„In dieser ersten Woche haben wir bereits knapp 50 Hektar abgesucht und fünf Kitze gefunden“, berichtet Alexander Franckenstein, wieder am Steuer seines Skodas und mit Stolz in der Stimme. „Freilich, das frühe Aufstehen ist zach“, sagt der 53-jährige Elektroingenieur. „Aber wenn man dann diese Atmosphäre am Morgen in der Natur erlebt und dazu noch ein Kitz vor dem sicheren Mähtod bewahrt, dann wird man für den Aufwand doch mehr als belohnt.“

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