+
Hält direkten Kontakt zur ISS: Robert Schrödl (55) an seiner Amateurfunk-Station in Niederhummel.

Funkamateur in Kontakt mit Raumstation

Ungewöhnliches Hobby: Dieser Hummler funkt regelmäßig mit der Raumstation ISS

  • schließen

Von seinem Dachboden aus funkt Robert Schrödl regelmäßig zur Raumstation ISS. Wir waren dabei - und haben viel über ein faszinierendes Hobby und überholte Amateurfunk-Klischees gelernt.

Niederhummel – „Jetzt ist sie über Frankreich“: Robert Schrödl sendet. „Über Deutschland“: Schrödl sendet. „Über Ungarn“: Schrödl sendet. Aber noch immer keine Antwort. Die Enttäuschung ist dem Mann am Funkgerät ins Gesicht geschrieben. Wieder und wieder schickt der 55-Jährige, graues Haar und graues Sweatshirt, die Botschaft hoch ins All. Doch auf Frequenz 145,825 Megahertz rauscht es bloß. 

„Dass es nicht geht, ist wirklich selten“, entschuldigt er sich und rutscht nervös auf dem Schreibtischstuhl, der wie ein Autosportsitz aussieht, hin und her. Derweil brettert die Internationale Raumstation ISS an Europa vorbei – 30.000 Stundenkilometer schnell und gut 400.000 Meter über Schrödls Haus in Niederhummel. Dann verschwindet sie hinter dem Horizont.

Der helle Kreis zeigt, in welchem Radius die ISS per Funk erreicht werden kann.

Wir schreiben das Jahr 1970: Im Quelle-Katalog sieht der siebenjährige Robert das Bild eines Elektro-Baukastens – und bekommt ihn vom Vater zu Weihnachten geschenkt. Mit dem Lesen tut sich der Zweitklässler schwer, aber elektrische Schaltpläne entziffert er mühelos. „Robert hat ganz spezielle Interessen“, schreibt sein Lehrer ins Zeugnis. Und: „Die Noten in Fächern, die ihn nicht interessieren, sind kein Indiz für Roberts Können.“

Technik allein genügt nicht, es braucht enormes Wissen

Mit dem Baukasten bastelt sich der Grundschüler einen Sender, der einen Meter weit funkt. Aber Robert will mehr, spannt Draht auf. Vor den Sender legt er einen Wecker, setzt sich aufs Rad und fährt los. Im Nachbardorf Oberhummel dreht er ein Funkradio auf die Frequenz, lauscht, und hört: „Tick, Tick“.

Die Begeisterung ist geblieben. Heute hält der lizenzierte Funkamateur, Kennung DG1MSR, Kontakt zu Gleichgesinnten auf der ganzen Welt. USA, Türkei, Schweden; selbst die Neumayer-Station in der Antarktis hat er schon erreicht. Technik allein genügt nicht, es braucht enormes Wissen. Die Prüfung zum Funkamateur umfasst einen 48-seitigen Fragenkatalog.

Dass Funkamateure die Nachbarn mit ihren Antennen verstrahlen, kann Schrödl schnell entkräften

Beruflich leitete der Elektromeister lange die Energiezentrale am Flughafen München – bis er aus gesundheitlichen Gründen in Frührente ging. „Nachdem mein Hirn nicht mehr im Job gefordert ist, hab’ ich mir andere Herausforderungen gesucht“, sagt Schrödl. Er liebt die Tüftelei. Egal, wie alt ein Radio ist, er bekommt es wieder zum Laufen. Von seinem Grundstück aus betreibt er „HummelCam I“ und „HummelCam II“, sie übertragen Tag und Nacht Live-Wetterbilder auf seine Internetseite schroedlnet.de.

145,825 Megahertz: Auf dieser Frequenz ist die Internationale Raumstation ISS erreichbar.

Dass die Funkantenne auf dem Haus bei manchem Argwohn auslöst, weiß Robert Schrödl. „Viele denken: Funkamateure sind Eigenbrötler, die den ganzen Tag in ihrem Kabuff hocken und mit Antennen die Nachbarschaft verstrahlen.“ Der 55-Jährige lacht. „Dabei liegt der größte Reiz darin, mit möglichst geringer Leistung maximale Reichweite herauszuholen.“ Mit heutiger Technik könne man mit zwei Watt um die ganze Erde funken. „Das ist nicht mehr, als ein Handy hat.“ So manche benachbarte Photovoltaikanlage besitze einen stärkeren Störpegel.

Beim großen Blackout schlägt die Stunde der Hobbyfunker

Aber wozu in Zeiten von WhatsApp und Videotelefonie noch Digitalfunk betreiben? Schrödl sagt: „Wenn es mal zum großen Blackout kommt und die Kommunikation zusammenbricht, kann man so trotzdem Nachrichten austauschen. Das Amateurfunk-Netzwerk ist unabhängig.“ Bei Stromausfall klemmt Schrödl sein Funkgerät einfach an die Autobatterie. 

„Nach allen großen Katastrophen, etwa dem Tsunami in Thailand, waren es Funkamateure, die als erstes wieder kommuniziert haben.“ Ein Hobby mit Nutzen für die Allgemeinheit also. Das sei auch der Grund, warum Schrödl – eigentlich „kein großer Vereinsmensch“ – den Austausch mit Gleichgesinnten im Erdinger Ortsverband des Deutschen Amateur-Radio-Clubs sucht. „Da spielt das Thema Notfunk eine immer größere Rolle.“ Für den Niederhummler die nächste Herausforderung.

Neuer Anlauf: Diesmal klappt der Funkkontakt zu Internationalen Raumstation ISS

Eine Woche später: Robert Schrödl hat noch mal eingeladen. Inzwischen weiß er, warum beim letzten Mal kein Kontakt zur ISS zustande kam: „Auf der Station musste bei einem Außeneinsatz ein Loch im angedockten Sojus-Raumschiff abgedichtet werden.“ In solchen Fällen werde die nicht benötigte Funktechnik aus Sicherheitsgründen abgeschaltet. Dass es nicht an seiner eigenen Anlage liegt, davon war Schrödl ohnehin überzeugt. „Ich hab’ meine Antenne erst kürzlich umgebaut, weil die ISS ihre Frequenz geändert hat.“

„Grüße vom Freisinger Tagblatt“: Dieser Funkspruch ist auf der Internationalen Raumstation angekommen.

Der Niederhummler blickt auf den PC-Monitor, wo ein Kreuzchen langsam über eine bunte Weltkarte wandert. Rundherum ein heller Kreis, der aktuelle Empfangsradius der Raumstation. „Bald geht’s los“, sagt Schrödl, „sie fliegt gleich über Irland“. Er tippt schon mal den Funkspruch in sein Kommunikationsprogramm, der als Textnachricht ins All geschickt werden soll: „Greetings from Freisinger Tagblatt“. Ob das Alexander Gerst, der zu der Zeit noch an Bord sitzt, oder ein anderer Astronaut lese? „Unwahrscheinlich“, meint Schrödl. Direkten Austausch gebe es meist nur nach Voranmeldung, etwa wenn Schulklassen mit der ISS-Besatzung sprechen dürfen. Schrödl erklärt: „Meine Kommunikation besteht nur aus wenigen Daten wie Rufzeichen, Koordinaten und dem Kurztext.“

Dann unterbricht das Rauschen - und die Antwort kommt

Jetzt drückt er eine Taste, schickt die Nachricht los. Das Rauschen im Funkgerät neben dem PC pausiert, man hört Töne wie von einem Modem. „Ha, hier ist sie“, sagt Schrödl und deutet auf den Monitor. Darauf ist die Antwort aus dem Weltall erschienen: eine ebenso kurze Codezeile – mit dem Rufzeichen RS0ISS. Automatisch versendet. Robert Schrödl strahlt vor Stolz: „Einfach faszinierend, Funkkontakt aus Niederhummel zur ISS zu haben.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Rassismus-Eklat bei C-Jugend-Spiel: Kinder von Zuschauern übel beschimpft - Gegner wehrt Vorwürfe ab
Bei einem Spiel der C-Junioren des SE Freising ist es zu einem Rassismus-Eklat gekommen. Die Spieler wurden von Zuschauern und Gegnern übelst beschimpft. Die streiten …
Rassismus-Eklat bei C-Jugend-Spiel: Kinder von Zuschauern übel beschimpft - Gegner wehrt Vorwürfe ab
Malachit-Skandal: Unschuldiger Fischzüchter siegt vor Gericht gegen Behörden
Gleich zweimal hat der Freisinger Fischzüchter Peter Baumgartner im Malachit-Skandal vor Gericht gegen die Behörden gewonnen. Grund zum Jubeln hat er dennoch nicht.
Malachit-Skandal: Unschuldiger Fischzüchter siegt vor Gericht gegen Behörden
Jugendtreff Langenbach leistet seit 25 Jahren wertvolle Arbeit
Engagierte Eltern haben vor 25 Jahren den Langenbacher Jugendtreff ins Leben gerufen. Seither ist die Einrichtung eine wichtige Anlaufstelle für Jugendliche ab zwölf …
Jugendtreff Langenbach leistet seit 25 Jahren wertvolle Arbeit
Kleidertauschparty: Besitzer wechseln statt wegwerfen
Ausgelassene Stimmung herrschte in der Echinger Gemeindebücherei. Das Interesse der über 100 zumeist weiblichen Gäste galt dem Riesensortiment an gut erhaltenen …
Kleidertauschparty: Besitzer wechseln statt wegwerfen

Kommentare